AZ-Serie Familie trifft München Neunköpfige Familie: "Schief angeschaut wird man oft"

Die halbe Mannschaft: Alexandra Gaßmann mit ihrem Mann Arthur und fünf ihrer neun Kinder. Foto: Petra Schramek

Alexandra Gaßmann hat neun Kinder. In der AZ spricht sie über ihr Zeitmanagement und die gesellschaftliche Akzeptanz von Großfamilien.

 

München - Die Gaßmanns sind keine Durchschnittsfamilie. Alexandra Gaßmann (50) und ihr Mann Arthur haben zusammen neun Kinder – fünf Mädchen und vier Buben. Julia, die Älteste, ist 27 Jahre alt, Nesthäkchen Jakob aktuell 9. Zusammen mit Labrador-Mischling Aragon wohnt die Familie in Laim – verteilt auf zwei Wohnungen übereinander.

Mama Alexandra Gaßmann sitzt für die CSU im Stadtrat und ist Vorsitzende des Bayerischen Landesverbands kinderreicher Familien.

AZ: Frau Gaßmann, wir wollen mit Ihnen ein bisschen über Zeit sprechen.
Alexandra Gaßmann: Sehr gerne.

Haben Sie überhaupt noch Zeit?
Für mich selbst, meinen Sie? Naja, die muss ich mir halt verschaffen.

Wie viele Stunden nehmen Sie sich denn in der Woche?
In der Früh gehe ich fast jeden Tag zum Walken, das ist dann schon mal so eine Stunde. Und ansonsten versuche ich, Freude bei dem zu empfinden, was ich sonst tue. Das ist dann auch Zeit für mich – man muss es nur so sehen. Ich bügele zum Beispiel wahnsinnig gerne.

Echt?
Ja, andere empfinden da überhaupt keine Freude. Ich sage dagegen immer: Das ist heilpädagogisches Dampfbügeln. Ich finde das extrem entspannend.

Bei einem so großen Haushalt bügeln Sie sicher sehr häufig.
Täglich. Aber da können die Gedanken abschweifen. Beim Bügeln jedenfalls kommen mir die besten Ideen.

"Man darf Arbeit nicht immer nur als Arbeit betrachten"

Sie sind sehr genügsam.
Natürlich gibt es auch Dinge, die ich nicht gerne tue. Aber wenn man Arbeit nicht nur als Arbeit betrachtet, dann ist das im Grunde genommen auch ein Stück weit Zeit für mich.

Ihren Mann spannen Sie im Haushalt aber auch ein?
Wir teilen uns ganz, ganz viel. Nur so läuft es. Das ist eine erhebliche Entlastung. Ich weiß zum Beispiel: Mit dem Hunde brauche ich vormittags nicht noch einmal marschieren, das macht mein Mann.

Und die Kinder?
Die haben ebenfalls ihre festen Aufgaben. Das Bad oben zum Beispiel ist reine Kindersache, das regeln die ganz alleine. Wenn ich sage, jetzt wäre es aber mal wieder Zeit zum Putzen, dann heißt’s immer gleich: Misch dich da nicht ein.

Angenehm, wenn man mal nur die Aufsicht führen muss.
Ja, aber bis das funktioniert hat, war es auch ein längerer Weg. Das ist nicht von alleine gegangen. Da mussten wir schon auch immer mal wieder einen gewissen Nachdruck setzen und auch an das Gemeinschaftsgefühl appellieren.

Bis zu welchem Alter sollte man Kindern denn beigebracht haben, dass sie im Haushalt helfen müssen?
So bis zehn, elf sollten sie begriffen haben, dass sie in der Familie Verantwortung übernehmen müssen. In eine größere Eigenständigkeit entlasse ich sie dann so mit 16, 17.

Das heißt?
Naja, bis 15 mag ich schon noch gefragt werden: Darf ich da hingehen? Mit 16, 17 müssen sie nicht mehr fragen. Ich möchte dann aber zumindest noch unterrichtet sein, wo sie sind und wann sie zurückkommen – selbst, wenn das erst spät in der Nacht ist.

Das klappt? Oder müssen Sie da auch noch Wache schieben?
Nein, das mache ich nicht. Irgendwann will ich ja mal meine Ruhe haben. Wenn ein Kind unterwegs ist, wache ich aber tatsächlich mehrmals in der Nacht auf. Da haben wir aber so eine Vereinbarung. Bei uns in der Küche steht eine kleine Lampe. Wenn da das Licht brennt, weiß ich: Das Kind ist gut heimgekommen.

Wer heimkommt, knipst das Licht an?
Genau. Den Lichtschein sehe ich vom Schlafzimmer aus. Da muss ich dann nicht nächtens aufstehen und nachschauen, ob alles gut ist. Praktisch, oder?

Absolut.
Man muss für alle Dinge solche kleinen Mechanismen mit der Familie entwickeln, dann hat man selbst ein bisschen mehr Ruhe. Ohne das könnte ich nie schlafen, ohne dass ich mir Gedanken mache.

Wie oft wachen Sie in der Nacht denn auf?
Wenn ein Kind weg ist, dann passiert das schon öfter. Aber das ist mittlerweile ein ganz natürlicher Rhythmus. Ich habe auch seit 27 Jahren keinen Wecker mehr. Ich wache immer auf, wann es notwendig ist.

Und das ist in der Regel wann?
So um 5 Uhr meistens.

Und wann kommen Sie wieder ins Bett?
Unterschiedlich. Um halb zwölf ist dann aber meistens Schicht.

Viel mehr als fünf Stunden Schlaf haben Sie dann aber selten.
Am Wochenende darf es schon mal ein bisschen mehr sein. Das geht auch. Der Hund ist mittlerweile getrimmt, der steht vor 10 Uhr nicht auf. Und mein Mann ist es als Metzgermeister ohnehin gewohnt, früher wach zu sein. Der richtet um 8 Uhr dann das Frühstück. Das ist schon schön, wenn man mal ein bisschen länger schlafen kann.

Zwei Paletten Milch in der Woche

Muss ja auch mal sein bei dem Pensum. Sie müssen ja auch einkaufen...
...das erledigt inzwischen weitgehend mein Mann. Wenn ich das auch noch machen müsste – puh. Wir kaufen ja immer für drei Tage am Stück ein.

Was brauchen Sie für drei Tage so?
Naja, in der Woche brauchen wir so eineinhalb bis zwei Paletten Milch – also bis zu 24 Liter.

Und wer schleppt die hoch?
Mein Mann. Oder der Ferdinand. Der ist mittlerweile 17.

Aber bei Milch alleine bleibt’s ja nicht.
Kartoffeln, Nudeln – klar. Den Großeinkauf einmal im Monat, den mache auch immer noch ich. Da hole ich aus der Metro dann die großen Säcke mit Grundnahrungsmitteln.

Die Metro ist für Sie am günstigsten?
Das ist ganz unterschiedlich. Ich kann halt jeden Euro nur einmal ausgeben. Und wenn der Aldi ein paar Cent günstiger ist, dann kriegt halt der Aldi den Zuschlag, ist ja klar. Deswegen nehme ich oft die Kinder mit. Die lernen dann immer gleich umzurechnen: Was kostet das Kilo, was kosten 100 Gramm im Vergleich?

Da übt man gleich ein bisschen Mathe.
Klar. Die Kinder haben schon herausgefunden: Die günstigen Produkte liegen immer unten, niemals auf Augenhöhe – wirklich hochinteressant.

Was geben Sie als Familie für Lebensmittel im Monat aus?
Rund tausend Euro werden das schon sein, wobei so Sachen wie Schulessen da bereits eingerechnet sind.

Ums Essensgeld kommt man ja nicht herum.
Ja. Manchmal nehmen sich die Kinder auch was mit. Leider haben nicht alle Schulen Mikrowellen – sehr bedauerlich.

Würde es Ihnen das Leben erleichtern, wenn jede Schule eine Mikrowelle hätte?
Ich fände das grundsätzlich gut. In jeder Betriebsküche gibt es inzwischen eine Mikrowelle. Die Geräte sind nicht teuer – und wir könnten uns dadurch erheblich was sparen.

Das kann aber doch auch nicht so schwer umzusetzen sein.
Naja, da gibt’s dann wieder irgendwelche Sicherheitsbedenken: Die Mikrowelle könnte ja auch explodieren oder was weiß ich nicht alles. In jeder Suppe kann man ein Haar finden, wenn man will.

Müsste man aus Ihrer Sicht Familien finanziell besser stellen?
Ganz ehrlich: Als ich dieses Berliner Koalitionsergebnis von Union und SPD gelesen habe, war ich ziemlich verärgert. Nicht wegen der 25 Euro mehr Kindergeld – sondern wegen des Zeithorizonts.

Ein Witz aus Ihrer Sicht?
Natürlich sind 25 Euro kein Witz. Aber das Geld gibt es noch nicht jetzt, sondern die ersten zehn Euro nächstes Jahr im Sommer und weitere 15 Euro mehr dann sogar erst 2021. Zweitausendeinundzwanzig?! Gerade vor dem Hintergrund der ständig steigenden Lebenshaltungskosten ist das das falsche Zeichen.

Gerade in München kommt man mit 25 Euro nicht weit.
So ist es. Ich halte es für einen Fehler, die Familien so spät in den Fokus zu nehmen. Kinderreiche Familien haben ein deutlich erhöhtes Risiko, in die Armut abzurutschen.

Wo zieht Ihnen das Stadtleben am meisten Geld aus der Tasche?
Das sind sicher die Mieten. Wir leben noch relativ günstig, weil wir eine Baugenossenschaftswohnung haben.

Wie viel Quadratmeter haben Sie da?
Wir haben insgesamt 230 Quadratmeter, verteilt auf zwei übereinander liegende Wohnungen. Wenn wir nicht bei der Genossenschaft wären, könnten wir uns München aber gar nicht mehr leisten. Ich kenne genügend andere Familien, die wegen der Mieten raus ins Umland ziehen mussten.

Da ist es ja auch schön.
Schon. Ich hätte aber gerne, dass die Familien in München bleiben können, wenn sie das wollen. Das macht eine Stadt nämlich bunt. Und mittlerweile muss man richtig weit rausziehen, so direkt um München ist es ja auch kaum günstiger.

Und wenn man die Miete berappt hat, hat man ja auch noch gar nicht gelebt. Mal ins Westbad, mal in den Zoo – geht das mit Ihrer Familie?
Da würde ich mir wünschen, dass man diese Altersgrenze von 14 Jahren endlich fallenlässt. Es gibt Familienkarten, klar. Für die spielt es dann keine Rolle, ob man zwei Kinder hat oder neun. Für Kinder über 14 zahlt man aber eben voll.

Was bedeutet das für Sie?
Wir haben jetzt nur noch zwei Kinder unter 14, alle anderen sind schon drüber. Die verdienen jedoch fast alle kein Geld. Deswegen muss man da etwas ändern. Die Familienkarte sollte den Namen Familienkarte auch verdienen. Der Zoo in Nürnberg zum Beispiel macht uns das in wunderbarer Weise vor: Die haben eine Familienkarte, da sind alle Kinder bis 18 Jahre mit drin. Bei der Schlösser- und Seenverwaltung das Gleiche.

"Mit Sprüchen könnte ich locker ein ganzes Buch füllen"

Da spart man sich dann bestimmt einiges.
Absolut, ja. Rechnen wir halt mal kurz: Beim Tierpark Hellabrunn kostet die große Familienkarte 33 Euro. Plus sieben Kinder über 14, da zahlt jeder 15 Euro. Das macht zusammen: 138 Euro.

Wie oft machen Sie Familienausflüge in großer Runde?
Nicht mehr so häufig. Unsere Kinder haben mittlerweile das Wandern entdeckt. Wir fahren deshalb relativ oft in die Berge. Auf Schusters Rappen unterwegs zu sein, ist meistens recht günstig.

Das heißt, in den Tierpark gehen Sie gar nicht mehr?
Doch natürlich, einfach weil’s schön ist. Deshalb planen wir vom Verband kinderreicher Familien aus heuer einen Tierpark-Tag.

Wird man eigentlich oft schief angeschaut, wenn man mit so vielen Kindern unterwegs ist wie Sie?
Ja, immer noch. Wobei man unterscheiden muss: Die Älteren haben meistens einen eher respektvollen Blick. Die wissen noch, was man mit Familie alles zu tun hat. Und dann gibt’s viele kritische Leute, die meinen, Großfamilien würde alle von Sozialhilfe leben. Die Sprüche, die man sich da manchmal anhören muss – damit könnte ich ganze Bücher füllen.

Haben Sie’s trotzdem noch nie bereut, eine so große Familie zu haben?
Nie. Das Schönste, was man Kindern schenken kann, sind Geschwister. Ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn bald Enkelkinder kämen.  


Hier lesen Sie Teil eins der AZ-Serie: "Für Familien wie uns wird München unbezahlbar"

 

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