AZ-Serie Die Geschichte des Lehels: Herbergen und Herrschaften

Ein Bild aus einer anderen Zeit: Blick ins Lehel 1980, im Hintergrund ist die Lukaskirche zu sehen. Foto: Thomas Stankiewitz

In einer zweiteiligen Serie blickt die AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz auf die Geschichte seines Lehels, in dem er seit fast 80 Jahren lebt.

 

Lehel - "Neues Paradies mit Problemen. Das alte Flößerviertel ist zu Münchens beliebtestem Stadtteil geworden." So lautete die Überschrift einer Reportage, die ich 1987 in München und über Bayern hinaus verbreitet habe. An der Zustandsbeschreibung von damals hat sich in den vergangenen 33 Jahren wenig geändert.

Eher sind die Probleme größer und geradezu exemplarisch geworden: Luxussanierung, Zustrom, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, Platz- und Verkehrsnot. Die Spekulation grassiert. In den besseren Lagen kletterten die Grundstückspreise in, für Normalverdiener, unbezahlbare Höhen. Wohnen im Lehel wird immer teurer, wenngleich die meisten der alteingesessenen Hausbesitzer durchaus Maß und Ziel kennen. "Wenn wir es nicht schaffen, günstige Mieten zu erhalten, wird das Lehel, wie wir es heute kennen, sterben", meinte der Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel, Wolfgang Neumer (CSU), schon vor fünf Jahren in einem AZ-Gespräch.

Seit 1941 wohne ich im Lechl, wie wir Alteingesessenen den amtlichen Namen Lehel aussprechen. Und zwar immer im selben Haus in der Widenmayerstraße. Während des Krieges habe ich im Luftschutzkeller gezittert, als alle drei Häuser rundum zerstört wurden. Unseres wurde dreimal getroffen. Gegen die Brandbomben unterm Dach ging ich Pimpf mit Wasser, Sand und Feuerpatsche vor. Am 7. Januar 1945 machten Sprengbomben das Haus unbewohnbar. Doch die Nachkommen des Erbauers ließen die Halbruine vom Architekten Georg Henneberger wiederherstellen, im neoklassizistischen Stil von 1906. Zwei Ärzte bezogen hier ihre Praxis, ein Anwalt seine Kanzlei, neben uns wohnte die kinderreiche Witwe eines Oberstleutnants, der nicht heimgekommen war.

Früh schon war die, von Bächen durchzogene Gegend, erblüht. Die Kurfürsten ließen in der damaligen St. Anna-Vorstadt einen Triftkanal graben. Danach entstanden eine "Tobacks-Fabrick" und eine Kattun-Manufaktur, Mühlen, Brennereien, Handwerksbetriebe und haufenweise Kleine-Leute-Herbergen. So entstand die St. Anna-Vorstadt, die seit Ende des 17. Jahrhunderts "In den Lehen" (Lohen) benannt wurde. Nachdem es 1904 durch Baumaßnahmen "wasserfest" geworden war, schossen zudem Zinspaläste aus dem Schwemmland, manche mit Marmortreppe und Dienstboteneingang (unserer ist längst verriegelt). Dazu kamen Burgen staatlicher Bürokratie, denn wir sind auch ein Regierungsviertel.

Berühmte Lehel-Bewohner: Rilke, Horváth, Spengler

Auffallend viele Literaten und sonstige Größen ließen sich in der Idylle zwischen Flussufer und Hofgarten nieder. Allein in der baumreichen Widenmayerstraße waren gemeldet: Rainer Maria Rilke, Ödön von Horváth, Oswald Spengler, die Hanfstaengls; nach 45 kamen Wolfgang Koeppen, der SPD-Vordenker Peter Glotz und die Zentrale der – 1956 vom Verfassungsgericht verbotenen – KPD in die hochherrschaftliche Straße, die nur dank einer frühen Bürgerinitiative nicht zu einer autobahnartigen "Isar-Parallele" aufgemotzt wurde. Um die Ecke in der Prinzregentenstraße residierte Frank Wedekind mit Großfamilie in roten Räumen mit Zirkusdekor.

Der ebenso kritische Lion Feuchtwanger, Georg Britting, Josef Magnus Wehner und Volkshochschulvater Hans Ludwig Held umrundeten die katholische Anna-Kirche, während Karl Valentin, Adolf Hitler und zuletzt Konstantin Wecker zeitweilig im Schatten der evangelischen Lukaskirche wohnten. Weitere Lehel-Bürger auf Zeit: Henrik Ibsen, Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Ina Seidel und der "Waldschmidt", der den Fremdenverkehr im Königreich organisiert hat. Auch Originale wie der "Armee-Sepperl" und der "Ewige Hochzeiter" belebten das bunte Viertel.

Oft als Gast im Lehel: König Ludwig I

Besonders üppig wuchsen und gediehen Wirtshäuser. König Ludwig I. gesellte sich in diesem Isar-Venedig gern zu den Flößern im "Grünen Baum", im "Himmelreich" oder in der "Klarermühle". Die wurde nach Kriegsende mein Stammlokal. Frau Mayer, die Wirtin, betreute den Stammtisch namhafter Karikaturisten. Heute ist die Mühle – Namen und Pächter wechselten oft – ein Gourmettempel. Gern zechte ich auch im "Stern", wo ein Wurstteller 1,80 Mark kostete und der schrullige sächsische Wirt missliebige Gäste abzuweisen pflegte mit: "Bier is alle." Einmal geriet Schulspezi Charly in eine Schlägerei unter US-Soldaten. Längst hat die alte Kneipe einem staatlichen Versicherungskonzern, dem größten Grundbesitzer und Bauherrn im 13. Bezirk, weichen müssen.

Als Schwabing in den 1960er-Jahren allmählich den Ruf der Kommerzialisierung erwarb, wurden zuerst Haidhausen und dann das Lehel von Künstlern und von Neureichen entdeckt.

Bald war unser Stadtbezirk, ausweislich mehrerer Umfragen, das beliebteste Wohnquartier der Stadt. Es wurde schick, hier zu leben oder auszugehen.

So konnte ich 1987 frohlocken: Aus wiederholten bundesweiten Umfragen, wonach die Mehrzahl der Deutschen am liebsten in München leben würde, darf gefolgert werden, dass das Häusergewirr zwischen Isartor-Platz, Isar und Himmelreichstraße am Englischen Garten jenes "deutsche Himmelreich" sein könnte, welches schon der amerikanische Dichter Thomas Wolfe in München aufgespürt hatte.

1962: Altstadtring in Planung

Doch der Zahn der neuen Zeit nagte arg an der Leheler Substanz. 1962 waren Stadt- und Verkehrsplaner auf die verhängnisvolle Idee gekommen, am Nordrand des Viertels eine 47 Meter breite Schneise zu schlagen – für eine Stadtautobahn namens Altstadtring. 200 Häuser sollten abgeräumt werden, auch zahlreiche alte Mühlen. Heftig protestierten Bewohner, Medien und Architekten; so prangerte Erwin Schleich die "Barbarei historischen Ausmaßes" in seinem Standardbuch als Beispiel für die "Zweite Zerstörung Münchens" an. Das geplante Ausmaß wurde daraufhin zwar reduziert, doch seither ist unser Wohngebiet durch diesen Ring brutal getrennt vom übrigen München.

Die neuen Probleme in meinem altgewohnten Lehel begannen, als München im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1972 zu "Deutschlands heimlicher Hauptstadt" aufgeplustert wurde.

Die Anfänge der "Zweckentfremdung" trafen diesen Stadtteil besonders hart. Dienstleistungsgewerbe aller Art drängte in das Wohnviertel am Rand der Innenstadt, wucherte wie Krebsgeschwür, trieb die Preise hoch. Sanierung und Modernisierung leiteten die Vertreibung von Altmietern ein. (Ähnliches geschah seinerzeit im Frankfurter Westend und in Berlin-Kreuzberg).

Bürgerschaftlicher Widerstand half wenig. Am Thierschplatz verbarrikadierte sich eine alte Frau in ihrem Altbau, der ein elegantes Hotel werden sollte, wochenlang, bis sie starb. "Hier wohnen Menschen," plakatierten Mieter in der Adelgundenstraß, während der abgeschlagene Putz krachend in den Hof geworfen und der Staub mit lautem Gebläse in die Gegend geschleudert wurde. Hinter der Liebigstraße, wo der Klempner Goldstein meinen verbeulten DKW-Meisterklasse ausgebessert hatte, erhob sich eine "Isar-Residenz".

Mit all den Investitionen und den mitteljungen Gutverdienern, die jetzt hereindrängten, veränderte mein Lehel sein Gesicht, es verlor an Charakter, an Gemütlichkeit. Nur einer der Prominentesten drängte damals hinaus aus dem Prominenten- und Problemparadies. Unserem Landesvater Franz Josef Strauß war es längst zu eng geworden in der einstigen Preußen-Botschaft vis-à-vis der Wohnung des Skandalmachers Wedekind.

Anhaltendem Protest zum Trotz ließ sich Bayerns ungekrönter Herrscher eine großartige neue Staatskanzlei bauen, genau dorthin, wo der bürgerliche Stadtbezirk Lehel in das Grünland früherer Herrscher übergeht.

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