AZ-Serie "Der große Treck" Bayern 1989: Ankunft und Aufnahme der DDR-Geflüchteten

Ein DDR-Flüchtlingslager im Landkreis Passau: Ein paar Taschen und die Kleider am Leib – mehr haben die meisten Neuankömmlinge nicht dabei. Foto: imago stock&people

Der zweite Teil der AZ-Serie zur Wendezeit: In Bayern angekommen, stoßen die Geflüchteten aus der DDR auf viele Probleme – auch sprachlicher Natur.

 

München - Am 10. September 1989 verkündet die Tagesschau der ARD eine "sensationelle Entscheidung in Budapest": Die DDR-Bürger, die sich zum Teil seit über einem Monat in Ungarn befinden, dürfen ab Mitternacht an jedem nach ihrem Wunsch ausgewählten Grenzübergang nach Österreich ausreisen.

Es soll sich um etwa 7.000 Menschen handeln, sagt der Sprecher, "und täglich werden es mehr". Auch in der deutschen Botschaft in Prag haben sich inzwischen Flüchtlinge aus der DDR versammelt. Einige sind schon wieder heimgekehrt, nachdem ihnen ihre Regierung Straffreiheit zugesichert hatte.

Auch in Budapest agitieren vier Stasi-Spezialisten, allerdings ohne Erfolg.

Im deutschen Fernsehen erklärt der ungarische Außenminister Gyula Horn auf Deutsch, seine Regierung habe die entsprechenden Verträge mit der DDR suspendiert. Zur Ausreise bereit seien etwa 60.000 DDR-Bürger, "und es kommen immer mehr Leute". Horns deutscher Kollege Genscher sagt Dank und heißt "die Deutschen in Deutschland herzlich willkommen", während der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow mitteilt, die Ungarn hätten Moskau gar nicht erst kontaktiert, die Situation sei ja "schon weit genug fortgeschritten".

Jubelnde DDR-Geflüchtete kommen in Bayern an

Um 3 Uhr früh am 11. September treffen die ersten Personenwagen, made in Zwickau, in Niederbayern ein. Binnen weniger Stunden melden sich etwa 3.000 meist jüngere, übermüdete und trotzdem jubelnde Leute im Passauer Auffanglager, der Nibelungenhalle. Einige haben kleine Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold an ihren Autos befestigt. Andere haben ihr Gepäck in Budapest zurückgelassen, weil man ihnen versichert hat, es werde von den Maltesern nachgebracht.

Fernsehteams aus aller Welt sind in Stellung gegangen. Auch die Abendzeitung ist mit je einem Text- und einem Fototeam an drei Übergängen dabei.

Allgemein erwartet man wohl so etwas wie ein Vorspiel zu einem weltpolitischen Umbruch, dessen genauen Ablauf freilich noch niemand voraussehen kann.

Ankunft: Ratlos auf vollen Straßen

Im Auftrag meiner Zeitungen eile ich nach Freilassing, wo das Gros des Flüchtlingsstroms zu erwarten ist. Morgennebel liegt noch über der Salzach, als sich auf der Autobahn der große Trabbi-Treck nähert. Einige DDR-Menschen haben zunächst mal Sorge, mit fast leerem Tank nicht weiterzukommen.

"Wissen Sie, wo man hier Gemisch kriegt?", fragt mich Heinz Kuhn aus Ilmenau, der noch in der Nacht im Flüchtlingslager am Balatonsee aufgebrochen war. Vorher war ein Fluchtversuch über die Grüne Grenze gescheitert. Jetzt ist das Paar ratlos angesichts des Gewirrs von Straßen- und Autobahnanschlüssen auf einer Skizze, die ihm ein Uniformierter in die Hand gedrückt hat. Alle Fahrbahnen sind völlig verstopft. Ich selbst bin nur mit einem Leihradl durch das Chaos gelangt. Ich lotse – und lade die Ratlosen zum Kaffee ein.

Jeder Einreisende hat nur 50 Mark "Begrüßungsgeld" bekommen und nicht 200 DM, wie ihnen westdeutsche Zeitungen in Ungarn verhießen. Und die Kuhns wollen ja noch bis Celle kommen, zu Verwandten. Auch dass der ADAC hinter der Grenze volle Tankwagen bereitgestellt habe, erweist sich als falsch. Für meinen Bericht notiere ich: "Vergleichsweise harmlos, aber in der neudeutschen Hektik und mit angespannten Nerven auch irgendwie deprimierend."

Heidemarie Kuhn, die ihren bisherigen Beruf als "Reinigungsfachfrau im staatlichen Abwehrdienst" angibt, ist nicht in Jubelstimmung: "Da hätten wir den Trabbi auch gleich zurücklassen können."

Arbeit finden in der neuen Heimat

Für die meisten Flüchtlinge heißt es jetzt erstmal: warten. Am Lagerzaun lungert der blutjunge Daniel Schubert aus Leipzig. Nichts als seinen schäbigen Trainingsanzug auf dem Leib hat er mitgebracht. An der ersten Grenze nach dem Malteser-Lager haben ihn die Österreicher aus dem Lada geholt, in dem er verbotenerweise mit sechs Freunden saß. Auf einem anderen DDR-Fahrzeug fuhren sie nach Freilassing, wo man sich verabredete. Seine Sachen ließ er im Lada. Wo bleiben nur die Freunde? "Vielleicht lassen sie irgendwo die Sektkorken knallen", scherzt Daniel. Immerhin ist dem gelernten Lackierer um eine Arbeit nicht bange. An einen Lindenbaum las er den Zettel einer Münchner Firma, die Heizungsmonteure sucht.

Vor dem Schalter des Arbeitsamtes stehen Männer und Frauen, kaum jemand über 30 Jahre alt, bereits Schlange, wie wohl von drüben gewohnt. Die Beratung findet auf Bairisch statt, was nicht alle gleich verstehen. "Was ist eigentlich ein Spengler?", muss ein junger Mann dreimal fragen, bis ihm jemand erklärt, dass es sich um einen Klempner handelt. Vom Akkordeonbauer und der Altenpflegerin bis zum Zimmermann werden auf den herumhängenden Papieren viele offene Stellen für die "herzlich willkommenen Mitbürger" angeboten.

Ein Arzt beginnt sofort mit der Arbeit – sogar Geburtshilfe vor Ort Bis 12 Uhr mittags sind die ersten 200 Übersiedler, wie sie jetzt amtlich heißen, in Freilassing registriert. Die meisten stehen unter heißer Sonne in Gruppen herum und tauschen Erlebnisse aus. Um 13 Uhr beginnt das eigentliche Aufnahmeverfahren. "Inhaber der Laufnummern 01 bis 50 müssen sich vor der Leitstelle einfinden," hört man barsch aus dem Lautsprecher.

Weniger als erwartet: 6.000 Geflüchtete in Bayern registriert

Zugewiesen werden nun auch die Notquartiere. 70 Zelte für maximal 700 Menschen sind aufgebaut und mit tadellosen Sanitäranlagen eingerichtet. Gleichzeitig beginnt ein Arzt mit der ersten Sprechstunde. Allerdings muss man sich dafür erst einen Schein von der Ortskrankenkasse besorgen, die vor dem Lager kampiert. Sogar die Geburtshilfe ist sichergestellt. Ab 17 Uhr bietet die Evangelische Kirche seelsorgerische Gespräche an. Dem Chaos folgt deutsche Ordnung.

Bald sollen, so hört man, auch noch Busse und sogar ein Sonderzug mit DDR-Unwilligen aus Ungarn kommen, doch niemand weiß Genaues. Einsatzleiter Hein vom Bayerischen Roten Kreuz stellt fest: "Man spricht jetzt von ganz anderen Dimensionen."

Tatsächlich aber wird sich die Prognose von Minister Horn, was die Zahlen betrifft, als Irrtum erweisen: Am Ende der Ausreisewelle – die das "Neue Deutschland" am 12. September zur "illegalen Nacht-und-Nebel-Aktion" erklärt – werden nicht 60.000, sondern kaum mehr als 6.000 Flüchtlinge in Bayern registriert sein.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie: Bayern 1989 - Warten auf die DDR-Flüchtlinge

Lesen Sie hier: FDP will mehr Politik auf dem Stundenplan

 

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