AZ-Konzertkritik Metallica in München: Liebesprediger beim Familientreffen

James Hetfield und Kirk Hammett im Münchner Olympiastadion. Foto: Sven Hoppe, dpa

Im ausverkauften Olympiastadion zeigt Metallica, dass der Metal-Thron so schnell nicht von anderen Bands bestiegen werden wird. Die AZ-Konzertkritik.

 

München - Wenn Don James, dieser allseits und allerorten anerkannte Familienpatriarch, die Bühne betritt und seine Stimme an die geladene Gesellschaft richtet, hängt diese an seinen Lippen mit dem ironischen Lächeln und huldigt der Message des Metal-Messias.

James Hetfield, Sänger und Gitarrist der Band Metallica, die vor gut dreißig Jahren mit Meisterwerken für die Ewigkeit wie "Ride The Lightning" oder "Master Of Puppets" den Metal-Olymp bestiegen hat und den Platz seitdem verteidigt, verbreitet die Botschaft der Liebe. Hetfield redet im mit 69.000 Jüngern ausverkauften Olympiastadion von "der Liebe der Münchner", die er auf der Bühne spürt" und der Liebe, die er für die Fans fühlt. Er stellt seine Mitstreiter - Bassist Rob Trujilo und Leadgitarrist Kirk Hammet, Schlagzeuger Lars Ulrich – als Bruder Rob, Bruder Kirk und Bruder Lars vor.

Metallica-Konzert als Familientreffen

Die Bruderschaft Metallica mit Hetfield als Liebesprediger. Er spricht von der Metallica-Familie, der alle Anwesenden angehören, der heilende Kraft der Musik, die ihm, der alkoholkrank war und unter Depressionen litt, so sehr geholfen hat. Es könnte richtig kitschig sein, wenn es nicht so pur, so unverfälscht wäre. Die Sprache aus der Tiefe des Herzens hat eine angeborene Kitschresistenz. So gerät das Konzert in München zu einem Familientreffen. Hetfield verspricht eine Party - und kann man eine solche besser eröffnen, als mit dem AC/DC-Gassenhauer "Long WayTo The Top" mit der sexgeifernden Stimme des 1980 viel zu früh verstorbenen Bon Scott?

Nur, indem man das legendäre Ennio-Morricone-Intro "Ecstacy Of Gold" des Spaghetti-Western-Klassikers "Zwei glorreiche Halunken" als Metallicas altbekannte Einmarschmusik folgen lässt und auf den riesigen Leinwänden das sarkastisch-sardonische Grinsen von Hauptdarsteller Clint Eastwood überlebensgroß einspielt. Das Familientreffen eröffnet "Hardwired To Selfdestruct", dieser rotzige Bastard aus Metal und Punk prügelt der Zusammenkunft gleich jede Gediegenheit und Contenance aus den Knochen. "Mit "The Memory Remains" macht die Erbtante auf Grande Dame, ehe mit "Ride The Lightning", ein längst totgeglaubter Onkel zu neuem Leben erweckt wird. Schwermetal und Schwermut vertragen sich eben mehr als gut.

Gedenken an Cliff Burton

Untermalt werden die Songs mit optisch opulenten Bildern, die auf den Leinwänden hinter der Band laufen und der Generation Videokonsole damit das gewünschte und gewohnte Maß an Reizüberflutung servieren. "Harvester Of Sorrow", der willigen und kundigen Ohren mal wieder offenbart, wie nahe Verwandte Metal und Klassik eigentlich sind, bringt die Massen in Verzückung und Hetfield wird zum Dirigenten der In-die-Luft-fliegenden Fäuste, zum Dompteur des Animalischen. Die Ballade "The Unforgiven" vereint die Gemeinde in melancholischer Seelenschau, bei der aber Hetfield offenbart, dass er der Tonalität nicht immerwährende Treue geschworen hat.

Mit "Here Comes Revenge" und "Moth Into The Flame" stellen sich zwei Jungsprösslinge live vor. Irgendwie müssen die Neuankömmlinge, diese musikalischen Parvenüs, sich erst ihren Platz in der Familien-Hierarchie erkämpfen. Ganz anders der massige, starke Bruder "Sad But True", der mit all seiner Schwere die Herzen seelentief erschüttert. Aber was wäre eine Familienfeier ohne ein Gedenken derer, die nicht mehr unter uns sind? Trujilos Basssolo "Call of Khtulu" gerät zur Hommage an den 1986 tödlich verunglückten Ur-Bassisten Cliff Burton. Damals war der Tourbus von Metallica auf vereister Straße ins Schleudern geraten und hatte sich überschlagen. Während alle anderen Mitglieder der Metallica-Familie mit dem Schrecken davon kamen, wurde Burton dabei unter dem Bus begraben. Bilder von Burton werden im Olympiastadion groß eingeblendet, während seine Musik läuft. Ein Gänsehautmoment.

Metallica spielen "Schickeria" - mehr schlecht als recht

Gleich danach macht der entfernte Cousin, der schon immer als Pausenclown versucht hat, Aufmerksamkeitsdefizite zu kompensieren seine Aufwartung. Metallica covern – mehr schlecht als recht, aber launig - "Schickeria" von der Spider Murphy Gang. Die einen lieben den Klassenclown, die anderen hassen ihn. Ob man danach auch noch Instrumentals spielen muss, statt Klassiker wie "Battery" abzufeuern, ist eine andere Frage. Aber jedes Familienfest hat eben auch seine mühsamen Momente.

Mit "Frantic" wird ein Verstoßener aus der "St,-Anger"-Schaffensphase wieder ehrenhaft in den Familienverbund aufgenommen und der Song zeigt, dass diese Phase, so sehr über sie in der Familienhistorie gerne der große Mantel des Schweigens gelegt wird, es doch keine ist, für die man sich schämen muss. Was dann folgt, ist, dass, was jede Familienfeier erst zur denkwürdigen Party macht, nämlich wenn sich die wilden Cousins, mit denen man die Pubertät durchlebt, jeden guten, aber auch schlechten Tag begangen hat, ihre Aufwartung machen.

Das Ende ist eine einzige große Party

Die geniale Antikriegs-Hymne "One", bei der auf die Leinwänden Soldaten, die später zu Skeletten werden, durchs Bild marschieren, gefolgt von "Master Of Puppets", einem der besten Songs, der je geschrieben wurde, "For Whom The Bell Tolls", "Creeping Death" und "Seek & Destroy" sind als Fünferpack nicht zu überbieten.

Mit den Zugaben "Spit out the Bone" und "Nothing Else Matters" geht es weiter, ehe bei "Enter Sandman" das lauteste Sandmännchen der Welt sein Schlafzaubermittel in die Augen der Fan-Familie streut und einen Abend beschließt, den die Münchner Metallica-Familie sicher nicht so schnell vergisst.

 

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