AZ-Kommentar Stell Dir vor, es ist Meisterschaft und keiner geht hin

Menschenleere Leopoldstraße: Feiernde Bayern-Fans suchte man gestern Abend vergeblich in München. Foto: dpa

Manchmal ist es als Bayern-Anhänger wirklich nicht leicht, das Erfolgsfan-Image zu widerlegen. Gestern war mal wieder so ein Tag, meint AZ-Online-Vize Christoph Elzer.

 

"Deutscher Meister wird nur der FCB" – so wird es gegröhlt und so kam es auch gestern. Zum fünften Mal in Folge. Zum zehnten Mal in den letzten 15 Jahren. "The same procedure as last year, Miss Sophie?" - "The same procedure as every year, James." Aber während Philipp Lahm zum ersten Mal in seiner Karriere ausgelassen auf dem Tribünenzaun feierte, versanken die Fans in der Landeshauptstadt in kollektiver Lethargie.

Die Deutsche Presse-Agentur verschickte am Samstagabend ein Foto der menschenleeren Leopoldstraße mit einer geradezu vernichtenden Bildunterschrift: "Keine Fans sind auf der Leopoldstraße am 29.04.2017 in München (Bayern) auf der Höhe des Bachmaier Hofbräus zu sehen, obwohl am heutigen Abend der FC Bayern Meister geworden ist." Ganz Deutschland lacht, weil kein Roter jubelt.

Jungs und Mädels, wir müssen reden. So geht das einfach nicht. Wie kann es sein, dass die Spieler ausgelassen feiern, sich wie kleine Kinder freuen, aber wir nicht?

"Weil wir in guten wie in schlechten Zeiten zu einander stehen" singen wir Woche für Woche und wenn dann mal genau diese beiden Zustände zusammenkommen, dann reagiert niemand?

Nach Madrid ging das kollektive Gejammer los ("wir sind beschissen worden"), nach dem Pokal-Aus wurde auf so ziemlich jeden vom Greenkeeper bis zum Coach geschimpft. Nur ganz vereinzelt gab es "Kopf hoch" oder "jetzt erst recht" Plakate und Sprechchöre. "Erfolgsfans halt", denkt sich der Preiß.

Und als gegen Wolfsburg das große Frust-von-der-Seele-Ballern stattfand, die erste RB-Meisterschaft verhindert und gleichzeitig die historische fünfte Münchner in Folge klar gemacht wurde, der Erfolgsfan also den Erfolg auf dem Silbertablett serviert bekam – da passierte dann auch nichts.

Sind wir wirklich so satt, dass eine Meisterschaft keinen Wert mehr hat? Dass große Spiele gegen den BVB und Real Madrid nur dann als gut empfunden werden können, wenn am Ende ein Sieg steht? Dass der Gang vor die Türe (oder wenigstens der euphorische Facebook-Post) nur noch möglich ist, wenn am Ende mindestens ein Double steht?

Das will ich einfach nicht glauben. Für unseren FCB kommt jetzt bekanntlich eine Phase des Umbruchs, der Weichenstellung für die Zukunft. Da ist es durchaus möglich, dass auch mal eine komplett titellose Saison hingenommen werden muss, um eine neue "Goldene Generation" aufzubauen. Vielleicht sollten wir Fans die Zeit nutzen, um auch bei uns die Weichen im Kopf wieder umzustellen: auf bedingungslose Freude über jeden Sieg und Titel unserer Mannschaft.

 

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