AZ-Interview zum 80. Geburtstag Focus-Gründer Helmut Markwort: "Ich bereue nichts"

, aktualisiert am 08.12.2016 - 08:58 Uhr
Helmut Markwort in seinem Büro in einem der Burda-Gebäude in der Arabellastraße in Bogenhausen. Foto: Viviane Simon/API

Offen wie selten spricht der Medien-Manager Helmut Markwort zum 80. Geburtstag über sein Leben, seine Siege, aber auch seine (wenigen) Misserfolge. Teil eins des AZ-Interviews.

 

München - Er ist der Tausendsassa unter den Medienmachern hierzulande: Helmut Markwort, seit heute 80 Jahre alt, ist den Deutschen aber vor allem wegen seiner Zeit als Gründer und Langzeit-Chefredakteur des Magazins "Focus" im Gedächtnis.

"Fakten, Fakten, Fakten – und immer an den Leser denken" wurde zu einem geflügelten Wort, zu einer "Marke", wie es Markwort im großen Geburtstagsinterview mit der AZ bezeichnet. Den Jubilar auf seine Zeit beim Burda-Nachrichtenmagazin zu reduzieren, wäre allerdings ein Fehler.

Quasi nebenbei moderiert er seit Oktober 2007 die Diskussionsrunde "Sonntags-Stammtisch" im Bayerischen Fernsehen. Markwort gehört außerdem zu den Mitgründern von Radio Gong und Antenne Bayern, an denen er immer noch Beteiligungen hält.

Seit Februar 2016 gehören ihm Anteile am Technikdienstleister Uplink. Markwort ist Fan (und langjähriger Aufsichtsrat) des FC Bayern. Und er spielt liebend gern Theater.

AZ: Herr Markwort sprechen wir zuerst über ihre Hauptbranche, das Mediengeschäft: Es gibt derzeit einige Überlegungen, die ARD-Sender in vier große Anstalten zusammenzufassen, um Kosten zu sparen. Was ist Ihre Meinung?
HELMUT MARKWORT: Grundsätzlich bin ich Anhänger des dualen Systems. Wenn ich für meine Gebühren nur Arte, Phoenix, 3Sat und ein paar Dritte Programme kriege, bekomme ich so viele Sachen, die mir die Privaten niemals bieten würden. Ich bin vor allem dagegen, dass kreative Programmeinheiten fusionieren. Wenn die Anstalten dazu kämen, bei ihrer Technik, der Logistik, in der Verwaltung ein einheitliches System zu installieren, fände ich das dagegen sinnvoll.

Die hohen Pensionen bei den ARD-Anstalten bereiten den Verantwortlichen zunehmend Kummer.
Viele deutsche Firmen – darunter auch der alte Senator Burda – haben ihren Mitarbeitern in den 50er, in den goldenen 60er Jahren Mitarbeiterpensionen versprochen, die würden den Verlag heute kaputtmachen. Da haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die eine herausragende, eine großartige Altersversorgung haben, möglicherweise geschlafen. Denn auch auf die Redakteure von NDR und WDR trifft die demografische Entwicklung zu, die werden 90 oder 100 Jahre alt und kassieren hohe Pensionen. Da hat man bei den Sendern zu kurz gedacht.

Sie haben kürzlich eine Beteiligung an der Firma Uplink erworben, einem technischen Dienstleister für Radios, der dem Quasi-Monopolisten Media Broadcast Konkurrenz machen will. Warum?
Ich schwänze gerade die Beiratssitzung von Uplink in Düsseldorf, während wir hier sprechen. Aber ja, ich wollte mein ganzes Leben lang Monopole brechen. Das habe ich mit dem „Focus“ getan gegen das „Spiegel“-Monopol. Das habe ich als Gründungsgeschäftsführer von Antenne Bayern getan, bei Radio Gong. Die von Uplink haben mich gefragt, ob ich nicht mal in den technischen Sektor investieren wolle.

Haben Sie denn überhaupt Ahnung von der komplizierten Radio-Technik?
Weniger als vom Programm, aber das Prinzip habe ich begriffen. Als Privatradio muss man im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen die ganze Technik, die Antennen, die Sendemasten für viel Geld mieten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben da große eigene Abteilungen. Wenn sie einen externen Anbieter wie Uplink beauftragen würden, könnten sie Geld sparen und das ins Programm investieren. Das würde dem Sender gut tun – und meiner Firma Uplink.

Sie haben anscheinend immer noch einen Heidenspaß an neuen Geschäften?
Ich bin jetzt in einer Phase meines Lebens angekommen, in der ich immer mehr gefragt werde, ob ich als „Business Angel“ tätig werden könnte (als Business Angel bezeichnet man jemand, der sich finanziell an Unternehmen beteiligt und die Existenzgründer mit Know-how und Kontakten unterstützt, d. Red.). Da bekomme ich vielleicht so 20 Anfragen im Jahr, fünf von denen schaue ich mir genauer an, bei zweien sage ich ja.

Fakten, Fakten, Fakten – mit diesem Spruch werden Sie bis ans Ende Ihres Lebens identifiziert werden. Schlimm?
Ich finde den Spruch gut, der ist eine Marke. Ein goldener Slogan. Wann immer ich zu einer Podiumsdiskussion gehe, werde ich als der Mann vorgestellt, der in der Werbung „Fakten, Fakten, Fakten“ gesagt hat. Danach kam „. . . und immer an den Leser denken“. Das hatte auch seinen Grund, denn der „Spiegel“ war zu dieser Zeit ja ein Meinungsmagazin mit vielen Geschichten, durch die sich ein roter Meinungsfaden zog. Wir wollten dagegen ein Faktenmagazin sein.

Sie haben den deutschen Nachkriegsjournalismus entscheidend mitgeprägt. Was war Ihr größter Erfolg – Ihr größter Misserfolg?
Aus gesellschaftspolitischer Sicht war das sicher die Gründung von „Focus“. Dieses Monopol zu knacken, nachdem es zuvor – nach Zählung des „Spiegel“ – 50 Versuche gegeben hat, die alle schiefgegangen waren. Das fand ich schon wichtig. Generell muss ich aber feststellen, dass mir das immer Freude bereitet hat, was ich gerade getan hab, ob das Radio Gong war oder Antenne Bayern.

Misserfolge?
Zunächst einmal: Je ne regrette rien. Ich bereue nichts. Daneben gegangen ist mir ein Klassikradio, das ich einmal in der Franz-Joseph-Straße gegründet habe. Radio Belcanto haben die Leute geliebt, aber sie haben gehasst, dass wir es mit Werbung finanziert haben. Waschmittelwerbung zwischen dem ersten und zweiten Satz fanden die Leute unmöglich.

Träume?
Was ich gerne gemacht hätte, war ein Focus Radio, ein Nachrichtenradio so wie Bayern5, nur pfiffiger. Das wurde mir nicht genehmigt. Zum Glück, denn ein solcher Sender wäre wahnsinnig personalintensiv gewesen. Musik ist billig, Wort ist teuer. Da schicken sie jemand für einen Eine-Minuten-Beitrag von München nach Straubing, weil da das Rathaus brennt. Oder nach Freiburg, wo diese 19-Jährige ermordet wurde. Wie heißt es dann am Ende? Biste noch so fleißig, ist es nur einsdreißig.

Ein großes Hobby von Ihnen ist das Theater. Würden Sie denn zum Beispiel unter dem momentan höchst umstrittenen Intendanten Matthias Lilienthal überhaupt noch in die Kammerspiele gehen?
Zuerst einmal: Ich habe seit vielen Jahren zwei – bezahlte! – Abonnements für die Kammerspiele. Vor drei, vier Wochen hat mich der Intendant Lilienthal zu einer Podiumsdiskussion über die Probleme seines Theaters eingeladen, da waren noch die Schauspielerin Annette Paulmann dabei, AZ-Redakteur Robert Braunmüller – eine gute Besetzung. Leider konnte ich nicht hin. Lilienthal und ich, wir haben halt unterschiedliche Auffassungen von Theater, mir sind Stücke wichtig, ich liebe das Inszenieren, das Spielen, Commedia dell’Arte. Er sagt, Stücke sind nicht wichtig. Er sieht sich als Sozialarbeiter. Aber ich wollte mich an der öffentlichen Lilienthal-Beschimpfung eigentlich gar nicht beteiligen.

Sie gehen lieber ins Residenztheater?
Ich habe auch fürs Resi zwei selbst bezahlte Abos. Zuletzt habe ich mir die Räuber angesehen, ein tolles, ausladendes Bühnenbild. Aber mich stört, wenn in den Schiller fremde Texte reingezwungen werden.

Sie spielen auch selbst Theater.
Ja, ich habe gerade in der Komödie im Bayerischen Hof 46 Mal den Churchill in „King’s Speech“ gespielt. Das war anstrengend. Aber Theater ist eine Leidenschaft von mir, ich habe schon als Schüler in Darmstadt als Statist gespielt, damals für zwei Mark die Aufführung.

Zu einem weiteren Hobby von Ihnen: dem FC Bayern. Glauben Sie, dass der Verein unter dem neuen, alten Präsidenten Uli Hoeneß wieder zu alter Aggressivität zurückfinden wird?
Letzte Woche haben mich Uli Hoeneß und Karl Hopfner anlässlich meines Achtzigsten zu einem Mittagessen eingeladen, was ich sehr honorig fand. Ich glaube, dass mit Hoeneß wieder mehr Herz und Biss in den Verein kommen. Der Klub ist ja perfekt gemanagt, da gibt es nichts. Aber dieser einmalige Charakter vom Uli Hoeneß, der diesen Verein geprägt hat, der bringt sicher nochmal eine andere Farbe rein.

Als gebürtiger Darmstädter – wie groß ist der Kummer angesichts der momentanen Misere ihres Heimatklubs Darmstadt 98?
Ach, ich habe als Schüler da gespielt, rechter Verteidiger, nicht sehr erfolgreich. Heute spiele ich nur noch Tennis, in den letzten Jahren allerdings am liebsten Doppel.


Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews: Markwort über die Wahlen in Italien und Österreich, den Rechtsruck in Europa sowie die Flüchtlingskrise und den Umgang der Medien mit ihren Folgen.

 

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