AZ-Interview zum 80. Edith von Welser-Ude: "Ich wurde fast als Bub getauft"

Edith von Welser-Ude in ihrem geliebten Zuhause in Schwabing. Als Stadtteil-Politikerin, Stadträtin und als Ehefrau von Christian Ude prägte sie München. Foto: Sigi Müller

Edith von Welser-Ude, Ehefrau des Münchner Ex-OB Christian Ude, wird an diesem Samstag 80. Wir sprachen mit ihr über das Altern und ihr München-Gefühl.

 

Die ehemalige Stadträtin (SPD) und Ehefrau von Christian Ude lebt am Schwabinger Kaiserplatz.

AZ: Frau von Welser-Ude. Sie feiern am Samstag Ihren 80. Wie geht es Ihnen damit?
EDITH VON WELSER-UDE: Wissen Sie, die ersten runden Geburtstage sind erfreulich, alle weiteren nostalgisch. Die Zeit vergeht zu schnell.

Wären Sie gerne wieder 20?
Nein, bloß nicht! Warum denn? Das sind die Zeiten, in denen man sich überhaupt nicht in der Welt zurechtfindet. Ich hatte damals schon zweijährige Zwillinge und musste das lange Zeit verheimlichen. Das war alles nicht einfach. Abtreiben durfte man heimlich, unverheiratet Kinder kriegen nicht! Nein, ich möchte nicht jünger sein. Ich bin sehr dankbar für meine Lebenserfahrung.

Was bringt Ihnen die Erfahrung?
Endlose Gelassenheit im Umgang mit Problemen.


AZ-Redakteur Hüseyin Ince im Gespräch mit Edith von Welser-Ude. Foto: Sigi Müller

Macht Sie trotzdem irgendetwas schwermütig?
Wenn ich an die Zukunft denke, ja. Da überlege ich: Was hast du bisher getan, was möchtest du noch tun? Wie viele Länder kannst du noch bereisen, wie viele Freundschaften pflegen? Allzu viel Zeit bleibt einem ja nicht mehr. Andererseits können wir uns mit unserem Haus sehr glücklich schätzen.

Inwiefern?
Wir sind hier 15 Familienmitglieder in Schwabing samt Kindern und Enkeln, alle unter einem Dach. Das ist sehr lebendig.

Von Welser-Ude: "Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich"

Sie wohnen seit 1963 im Stadtteil Schwabing. Wie hat er sich verändert?
Früher traf man hier eine buntere Mischung. Arbeiter, Handwerker, Studenten, Künstler. Inzwischen erkennt man ein neues Milieu, das sich breitmacht. Und zwar an der wachsenden Größe der Autos. Ein trauriger Prozess.

Sie glauben, die Entwicklung ist unaufhaltbar?
Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich könnte nur auf höheren politischen Ebenen gestoppt werden. Zum Beispiel durch die Begrenzung der Bodenpreise und Mieten und im Kleinen durch das Verbot von Zweckentfremdung, durch Erhaltungssatzungen und Vorkaufsrecht, wie wir es im Rathaus eingeführt haben.

Wo begannen die Münchner Immobilien-Spekulationen?
Hier an der Kaiserstraße schon in den 70er Jahren. Einige Häuser wurden luxussaniert und in Wohneigentum umgewandelt. Als Schwabinger Bezirksausschussvorsitzende und dann als SPD-Stadträtin habe ich auch dafür gesorgt, dass mein eigenes Haus in ein Erhaltungssatzungsgebiet kommt.

"München ist nach wie vor liebens- und lebenswert" 

Gefällt Ihnen München trotzdem?
Ich bin hier fest verwurzelt. Und München ist nach wie vor liebens- und lebenswert. Zum Glück ist die Stadt lange Zeit von Rot und Grün regiert worden. Die CSU hätte die Umwandlungen nicht in dem Maße aufgehalten oder die Spekulationen eingedämmt.

Sie sind auch begeisterte Fotografin mit über 50 Ausstellungen. Pflegen Sie diese Leidenschaft weiterhin?
Jetzt im Alter, mit meinen Rückenproblemen, ist das schwierig. Eine Hand brauche ich immer zum Festhalten. Da ist es einfacher, wenn ich zu meinem Mann Christian sage: "Schau mal, magst du das nicht aufnehmen?" Er ist mittlerweile auch ein begeisterter Fotograf.

Was war eines Ihrer Lieblingsprojekte?
Das Buch über Moskau. Christian war gerade Bürgermeister geworden. Ich schied als Stadträtin aus und hatte Zeit zu reisen. Ein russischer Freund bot mir an, eine Fotoreise nach Moskau zu machen. Ich unterhielt mich mit einem U-Bahnfahrer und obdachlosen Frauen, mit einem alten sowjetischen Oberst genauso wie mit jungen Künstlern. Es wurde ein sehr vielfältiges Buch daraus: "Moskauer Ansichten".

Sie sind gebürtige Kielerin. Welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt?
Gar keine. Wir zogen nach meiner Geburt bald weg. Nur eine Anekdote kenne ich, die meine Mutter erzählte.

Nämlich?
Ich wurde fast als Bub getauft.

Wie bitte?
Der Pfarrer war kurz vor Kriegsbeginn 1939 wohl gewohnt, immer denselben Taufspruch zu sagen. Und der lautete: "Ein Sohn fürs Vaterland!" Kinder in Kleidchen sehen ja alle gleich aus. Er bemerkte seinen Fehler und taufte mich schließlich auf den Namen Edith. Übrigens: Wollen Sie nicht zu meiner Geburtstagsfeier am Samstag kommen?

Oh, vielen Dank für die Einladung.
Dann entscheiden Sie sich mal, rot oder weiß?

An Ihrem Geburtstag?
Nein jetzt. Wir trinken darauf ein Glas.

Verlockend. Aber ich muss später weiterarbeiten.
Na gut. Dann holen wir das an meinem Geburtstag nach.

Gern! Zurück zu Ihrer Kindheit: Welche Erinnerungen haben Sie an Berlin?
Flugalarm, alle paar Nächte. Wir mussten in den 40er Jahren regelmäßig in den Bunker. Einige Nachbarhäuser waren schon zerstört. Ein Bild prägte sich bei mir besonders ein. Im nächsten Haus hing nach einem Bombenangriff ein Klavier aus der Wand.

Von Welser-Ude: "Frauen konnten kaum in die Politik" 

Und einige Jahre später landeten Sie in München. Welche Erfahrungen haben Sie rückblickend als Stadträtin gemacht?
Ich war eine der wenigen Frauen im Stadtrat und stellte fest: Frauen mussten immer alleine für die Kinder sorgen und bekamen keinerlei Hilfe von den Männern. Das ist ja teilweise bis heute so. Frauen konnten kaum in die Politik. Also startete ich gemeinsam mit weiteren Kolleginnen die Kampagne "Frauen in den Stadtrat!" Das war 1978, glaube ich.

Wie war die Reaktion?
Einige Stadträte waren entsetzt. Einer von der CSU ging ans Mikrofon und sagte: "Ja ham mir Männer denn gar nix mehr zum song?" Das amüsierte mich sehr.

Wurde viel getratscht, als sie ab 1973 als verheiratete Frau mit sechs Kindern ein Verhältnis mit dem acht Jahre jüngeren Christian Ude hatten?
Kaum. Ich war ja auch frech. Das war ohnehin eine sehr konfliktfreie Episode meines Lebens. Und die Ehe mit meinem zweiten Ehemann Hubert von Welser hatte zudem keine Zukunft.

Wie zeichnete sich das ab?
Hubert war 29 Jahre älter als ich. Ein liebevoller, sorgsamer Mann. Aber er war in einem ganz anderen Lebensabschnitt. Und ich hatte mit 34 Jahren noch so wenig erlebt, weil ich so früh schwanger wurde. Da lief mir Christian Ude über den Weg, 1973 beim Faschingsball. Und hinzu kam, dass er und Hubert sich gut verstanden.

Erstaunlich.
Der Klatsch wollte keinen Anfang nehmen, weil das alles so friedlich ablief, als ich mich von Hubert endgültig trennte und mit Christian zusammenzog, in die Dachgeschosswohnung unseres heutigen Hauses.

Hatte das alles mit dem liberalen Geist der 68er zu tun?
Mit Sicherheit. Aber auch mit dem Parteibuch. Wenn ein CSU-Politiker Eheprobleme hatte, kochte das schneller hoch.

Was machte Hubert von Welser nach Ihrer Scheidung?
(seufzt) Etwas für mich Unverständliches. Er heiratete eine noch jüngere Frau.

Ihr Mann Christian Ude war 21 Jahre lang OB, wie kamen Sie mit der Rolle als Frau neben ihm klar?
Gut. Ich hatte ja meine eigene Arbeit: Ausstellungen, Bücher, Architekturfahrten, Filmreihen. Und Kommunalpolitik hat uns beide interessiert. Wir tauschten uns ständig aus. Aber bei seiner Kandidatur zum Ministerpräsidenten 2011 heulte ich vor Wut. Trotzdem unterstützte ich ihn mit einer eigenen Veranstaltungsreihe. Froh bin ich aber schon, dass irgendwann mit dem ewigen Wahlkampf Schluss war.

 

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