AZ-Interview zu Red-Bull-X-Alps Rekordsieger Maurer: "Man muss der Natur mit Demut begegnen"

"Wenn ich da oben in der Luft bin, mache ich mir natürlich schon meine Gedanken", sagt Christian Maurer über die sich durch den Klimawandel verändernde Natur. Foto: Sepp Inninger, Harald Tauderer/Red Bull Content Pool

Laufen? Fliegen? Die Red-Bull-X-Alps sind die wohl härteste Art der Alpenüberquerung. Der Schweizer Rekordsieger Christian Maurer spricht in der AZ über die Herausforderungen des Wettbewerbs.

 

Christian Maurer (36) und die Red-Bull-X-Alps: Seit 2009 gewann er alle fünf Events der Alpenüberquerung von Salzburg nach Monaco.

AZ: Herr Maurer, am Sonntag starten Sie als Titelverteidiger mit 31 Konkurrenten in die nächste Auflage der Red-Bull-X-Alps, eine strapaziöse Alpenüberquerung von Salzburg kreuz und quer bis nach Monaco, bei der Sie zu Fuß oder mit dem Gleitschirm unterwegs sind. Macht diese Schinderei eigentlich auch Spaß?
CHRISTIAN MAURER: Und wie. Für mich steht der Genuss da sehr im Vordergrund. Wenn ich das nicht genießen könnte, würde ich mir das nicht antun. Ich mache immer wieder auch bei Berglauf-Rennen mit, eine Stunde, eineinhalb. Da bist du im Tunnel und bekommst nichts mit von der Landschaft. Aber wenn ich zwei Wochen in den Alpen unterwegs bin, möchte ich auch Freude spüren. Der Spaß muss viel Platz haben, sonst geht das nicht.

Die Siegerzeit 2017 betrug etwas mehr als elf Tage und 23 Stunden, gibt es heuer einen neuen Streckenrekord?
Unmöglich, statt sieben haben wir diesmal 13 Checkpoints zu passieren, ich schätze, das dauert sicher drei Tage länger. Wie ist das Verhältnis zwischen fliegen und laufen? Etwa 80 Prozent fliegen, 20 laufen. 2017 war ich 2268 Kilometer unterwegs, mehr als 1.736 davon mit dem Gleitschirm, die anderen gut 531 zu Fuß.

Maurer: "Es gewinnt der mit der niedrigsten Fehlerquote"

Und Sie entscheiden selbst, wie Sie vorwärtskommen?
Richtig, das ist genau der Clou. Jeder schaut am Morgen, was ist die beste Taktik. Wie sind die Bedingungen, Wetter, Wind. Mit dem Schirm bin ich mit bis zu 30 Stundenkilometer unterwegs und damit doppelt bis fünfmal so schnell wie zu Fuß. Ich kann in der Luft ja auch richtig schön abkürzen. Aber manchmal ist es bei Regen oder tiefen Wolken einfach zu riskant zu fliegen. Das ganze Rennen ist nichts anderes als eine ständige Abwägung, was jetzt besser sein könnte.

Haben Sie sich auch schon einmal verkalkuliert? Einmal? Permanent. Ich schätze, dass ich in den zwei Wochen immer so an die 100 falschen Entscheidungen treffe. Nur sind es bei den anderen Athleten an die 150. Letztlich gewinnt der mit der niedrigsten Fehlerquote.

Sind Sie nachts unterwegs?
Nein, laufen darf man von fünf Uhr morgens bis 22.30 Uhr, fliegen von 6 bis 21 Uhr. Die Koordination, wo ich die Nacht verbringe, erledigt mein Team, das mich im Tal immer mit einem Bus begleitet. Manchmal ist es so, dass man abends noch schnell einen Aufstieg auf eine Berghütte macht und dort übernachtet, dann hat man einige Kilometer mehr hinter sich. Andererseits spielt der Sauerstoff eine große Rolle, ich schlafe immer lieber unten im Tal, da regeneriere ich besser.

Maurer: Das verbrauche ich an Kalorien

Was essen Sie eigentlich während der Zeit?
Viel, sehr viel. Ich verbrenne so 4.000 bis 5.000 Kalorien am Tag, das muss alles wieder rein. Morgens gehe ich erst einmal nüchtern los, eine Stunde, bis ich Hunger habe. Dann esse ich Brot, Müsli. Keine Milch, keine Früchte, die Säure schlägt nur auf den Magen. Untertags viel Flüssignahrung, Kohlehydrate in Pulverform. Und abends reichlich Teigwaren, viel Pasta.

Kommen in den zwei Wochen nicht auch Gedanken ans Aufhören, wenn die Quälerei doch größer wird als der Genuss?
Natürlich. Eben wenn ich falsche Entscheidungen treffe. Oder wenn es emotional wird, wenn im Team eine blöde Bemerkung fällt. Es stehen alle unter Anspannung. Da gibt es die Momente, an denen ich denke, warum ich das mache. Aber dann schlafe ich drüber, nach einer Nacht legen sich die Emotionen meistens, und am nächsten Tag geht's weiter.

Wo liegt in diesem Jahr die Schlüsselstelle?
Ganz sicher die vierte Etappe, wenn es vom Kronplatz bei Bruneck wieder zurückgeht über Tirol bis zur Zugspitze. Das wird eine Strecke, an der man viel richtigmachen kann. Aber eben auch viel falsch.

Maurer: "Haben wir nicht schon genug Skipisten?"

Sie sind nicht nur erfolgreicher Alpencrosser, sondern haben kurz vor Beginn der X-Alps ganz nebenbei einen neuen Weltrekord im FAI-Dreiecksflug aufgestellt, können Sie das mal bitte erklären?
Als FAI bezeichnen wir Flieger ein Dreieck, bei dem die kürzeste Seite mindestens 28 Prozent beträgt, alle drei Seiten also in etwa gleich lang sind. Ich bin da 343 Kilometer über die Schweiz, bis nach Frankreich und wieder zurückgeflogen, unterwegs war ich da mehr als elf Stunden. Eine grandiose Erfahrung.

In der Zeit fliegt man von München nach San Francisco. Wenn Sie immer so über die Alpen fliegen, wird das Hochgefühl nicht durch die Erkenntnis getrübt, wie sehr die Gletscher schmelzen und der Mensch in die Natur eingreift?
Natürlich. Dabei klingt es sicher komisch, wenn ich sage, dass für uns Gleitschirmflieger die Gletscherschmelze sogar ein Vorteil ist, weil uns die Felsen, die darunter hervortreten, eine bessere Thermik geben. Im Ernst ist das aber schon sehr bedrückend. Ich fliege seit 20 Jahren, oft über die gleichen Gegenden und sehe da natürlich, wie sich die Landschaft gewandelt hat.

Was schmerzt Sie dabei eigentlich am meisten?
Zu sehen, wie der Mensch immer mehr Liftanlagen und Schneisen für den Skitourismus in den Berg schlägt. Wie die Bagger im Sommer die Erde umpflügen, damit die Menschen im Winter glatte und neue Pisten haben. Das ist schon sehr gravierend. Ich frage mich dann immer, haben wir denn nicht schon genug Skipisten? Muss man noch mehr in die Natur eingreifen? Ich kann es nicht ändern, aber wenn ich da oben in der Luft bin, mache ich mir natürlich schon meine Gedanken über Sinn und Unsinn. Darum ist für mich bei allem Wettkampfgedanken bei den X-Alps das Wichtigste der Respekt vor dieser genialen Landschaft. Dass man dieser einmaligen Natur mit Demut begegnet und Dankbarkeit.

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