AZ-Interview Wie Münchner Unternehmer die Verkehrswelt revolutionieren wollen

Der Münchner Thorsten Salaske ist als Business Development Manager dafür zuständig, die Idee mit der Gondelbahn ständig weiter zu entwickeln. Foto: TS-IT-Consulting/privat/AZ-Montage

Münchner Unternehmer wollen die Verkehrswelt revolutionieren. Ihre Idee: Eine Gondelbahn, mit der man von Haustür zu Haustür fahren kann.

 

München - Keine Staus mehr, keine Abgase und wieder viel mehr Platz in den Städten. Das ist das verwegene Versprechen von ein paar findigen Münchner Tüftlern. Mit einer 240 Stundenkilometer schnellen Gondelbahn wollen sie die weltweiten Verkehrsprobleme lösen. Firmenintern trägt das Projekt den Arbeitstitel Bahn X. Seit Mai 2018 gibt es dafür ein Patent. In der AZ erklärt Geschäftsentwickler Thorsten Salaske nun erstmals, wie das System funktionieren soll.

AZ: Herr Salaske, sind Sie gut hergekommen?
THORSTEN SALASKE: Ich bin mit dem Auto gefahren. Das war völliger Schwachsinn. Von München-Ost zur Abendzeitung an den Westpark in einer Dreiviertelstunde – das ist absurd.

Autofahren in München macht also keinen Spaß.
So ist es. Aber es gibt bislang halt kein anderes Verkehrsmittel, mit dem man von Haustür zu Haustür fahren kann. Das ist ja, was jeder will, Point-2-Point. Nicht drei Mal umsteigen müssen, sondern direkt nach Hause, direkt zum Oberpollinger oder direkt zur Abendzeitung.

Und deswegen haben Sie dieses Gondelsystem entwickelt?
Ursprünglich sind wir eher aus einer anderen Richtung gekommen. Da ging es darum, die ganzen Verbrennungsmotoren abzulösen. Wir wollten die Städte wieder grün und lebenswert machen. Deswegen haben wir vor sechs, sieben Jahren angefangen, über eine Lösung nachzudenken.

Und jetzt haben Sie einen Vorschlag. Wollen Sie die Idee mal skizzieren?
Also, es ist vollkommen klar, dass wir in die dritte Dimension gehen müssen. Am Boden ist alles zugebaut, deswegen müssen wir nach oben.

Mit einem Flugtaxi zum Beispiel.
Nein, Flugtaxis sind tot. Sorry, liebe Flugtaxis. Aber wenn man fliegen will, hat man den Faktor 100 an Energieverbrauch. Sie brauchen 100 Kilowatt die Stunde alleine dafür, um eine Tonne in der Luft zu halten. Da haben Sie sich noch keinen Meter bewegt. Unser System braucht nur 1,5 Kilowattstunden. Umgerechnet auf Benzin wären das ungefähr 0,2 Liter auf 100 Kilometer.

Wie geht das?
Ich erkläre Ihnen das gerne kurz: Wir haben ein System entwickelt, bei dem man die Gondeln koppeln kann. Die fahren also wie die Waggons bei einem Zug in einer Reihe. Dadurch muss nur die vorderste Gondel den Luftwiderstand durchbrechen. So erreicht man einen niedrigen Energieverbrauch.

Und die Gondeln hängen dann in der Luft?
Ja, an einer Hochschiene. Ob die dann fünf Meter hoch hängt oder zehn Meter – das ist egal. Aber der Clou des Ganzen ist: Sie können die Gondeln an jeder beliebiger Stelle ablassen, egal, wo sie gerade hinwollen.

"Für 13 Milliarden statten wir Ihnen die ganze Republik aus"

Wenn das funktionieren soll, müssten Sie ja durch jede Straße eine Hochschiene bauen.
Na ja, vielleicht nicht durch jede einzelne Straße. Wir haben neulich mit dem Geschäftsführer von Car2Go gesprochen. Der hat gesagt, seine Kunden seien bereit, bis zu 300 Meter bis zum nächsten Auto zu laufen. Man muss also nicht in jeder Straße Schienen bauen, es reicht eigentlich, wenn man die Hauptstraßen nimmt.

Das klingt unfassbar teuer.
Ist es aber nicht. Die Amerikaner planen gerade einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Dallas und Houston, ungefähr 350 Kilometer, eine klassische Schienenstrecke. Für die Trasse geben die 13 Milliarden Dollar aus. 13 Milliarden! Für dieses Geld statten wir Ihnen mit unserem System die ganze Bundesrepublik aus.

Entschuldigung, aber das klingt jetzt ein bisschen größenwahnsinnig.
Ich kann verstehen, dass das so ankommt, aber wir haben das durchkalkuliert. Ein ICE zum Beispiel wiegt leer 600 bis 700 Tonnen. Da wirken unheimliche Kräfte – auf die Gleise, auf die Bremsen. Deswegen ist das in der Anschaffung und im Unterhalt auch alles so teuer. Eine von unseren Gondeln wird aber nur 400 Kilo wiegen. Deswegen ist das System vergleichsweise günstig.

Wie viel wird’s denn konkret kosten?
Wir liegen bei weit unter einer Million pro Gleiskilometer. Zum Vergleich: Beim Bau eines Autotunnels sind es etwa 100 Millionen pro Kilometer.

Und das wollen Sie jetzt in München bauen?
In München, in Europa, auf der ganzen Welt – überall.

Den Prototypen würden Sie aber gerne in München bauen.
Liebend gerne! Klein anfangen würde für uns zum Beispiel bedeuten, mit unserem System den Hauptbahnhof an den Flughafen anzubinden. Es ginge aber auch noch kleiner. Wir könnten auch erst einmal nur den Parkplatz P81 am Flughafen mit dem Terminal verbinden, das sind ein, zwei Kilometer. Wir halten es nicht für ausgeschlossen, dass schon 2021 dort ein Prototyp fährt.

Was würde ein Ticket vom Hauptbahnhof zum Flughafen denn kosten?
Das müssten wir im Detail noch ausrechnen. Aber es wäre nicht teuer. Von München nach Berlin zum Beispiel bringen wir Sie in unter drei Stunden für weniger als fünf Euro. Wenn Sie fliegen, sind Sie auf der Strecke locker 300 bis 400 Euro los. Wir denken auch über eine Flatrate nach: 100 Euro für unbegrenzte Mobilität in Europa.

"Unsere Technik löst die weltweiten Armutsprobleme"

Das klingt zu schön, um wahr zu sein.
Es wird noch viel besser. Unsere Technik löst nämlich auch die weltweiten Armutsprobleme. Es ist nämlich nicht so, dass es in Afrika keine Jobs gäbe. In den Städten gibt es da sehr wohl welche. Nur leider haben die Leute aus den Slums bislang keine Möglichkeit, dorthin zu kommen. Mit unseren Gondeln würde sich das ändern.

Also nicht Brot für die Welt, sondern eine Bahn für die Welt.
Ich weiß, wir werfen da viel rein, aber wir haben da gedanklich auch schon viel investiert. Und das Ziel ist es am Ende tatsächlich, das Erscheinungsbild dieses Planeten zu verändern. Keine Parkplatzsuche mehr, die Leute könnten wieder auf der Straße herumlaufen, die Kinder dort Fußball spielen – so, wie man das früher gemacht hat. Der ganze Transportverkehr, die ganzen Lkw, die da rumstehen – all das wäre weg. Die Städte würden wirklich wieder grün und lebenswert werden.

Wo sind die ganzen Autos und Lkw denn hin?
Die braucht niemand mehr. Unsere Gondeln sind auf den Transport von Paletten hin optimiert, der Mensch ist eigentlich nur ein Nebennutzer. Dadurch können wir mit unserem System nicht weniger als 100 Prozent der U-Bahnverkehrs ablösen, 90 Prozent des Lieferverkehrs, 80 Prozent der Züge und 30 Prozent des Flugverkehrs. Nach New York wird man natürlich immer noch fliegen müssen. Aber alles bis 1.000 Kilometer fährt man mit diesem System viel schneller und vor allem auch viel bequemer.

Warum sollte die Stadt denn in Ihr System investieren? Man könnte doch auch einfach das U-Bahnnetz ausbauen.
Das Problem mit der U-Bahn ist: Die fährt zu den Stoßzeiten auch nicht pünktlich. Bei so vielen Leuten dauert das Ein- und Aussteigen einfach zu lange. Die U-Bahn ist also ein System, das negativ skaliert. Soll heißen: Je mehr Last man drauf gibt, umso ineffizienter funktioniert es. Und auch das mit der Seilbahn am Frankfurter Ring scheint uns einen Schritt zu kurz gedacht.

Warum denn?
So eine Seilbahn hat eine Kapazität von 3.500 bis 4.000 Passagiere pro Stunde. Als Querverbindung zwischen zwei U-Bahnstationen taugt sie also eigentlich nicht. In einer U-Bahn sitzen schließlich nicht nur 100 oder 200 Leute, wenn’s sehr zugeht, sind da manchmal auch 1.000 drin. Und wenn da 1.000 Leute hinten anschieben, zum Beispiel beim Oktoberfest, da geht’s dann irgendwann einfach nicht mehr weiter. Wir aber könnten leicht auch zwei oder drei Hochgleise übereinander bauen. Wir haben da überhaupt kein Kapazitätsproblem.

"Wenn das klappt, sind wir in zehn Jahren die größte Firma der Welt"

Wie viele Leute passen denn in so eine Gondel?
Damit wird man in aller Regel alleine fahren. Denn, kleines Beispiel aus dem Wintersport: Was liebt der Skifahrer am meisten? Wenn er unten in die Gondel steigt und hinter ihm drängeln noch drei andere alkoholisierte Skifahrer mit rein. Die dünsten neben Ihnen dann erst einmal aus. Man will mit fremden Leuten, mit denen man nichts zu tun hat, nicht auf so engem Raum zusammen sein.

Das ist dann wie Autofahren – nur ohne Stau.
So ist es. Unser System vereint das Beste von allen Verkehrsmitteln. Klar bin ich in der Stadt mit der U-Bahn manchmal schneller unterwegs. Ich fahre trotzdem lieber Auto, da sitze ich alleine drin. Da kann ich telefonieren, habe Musik, es ist warm, schönes Leder. Bei unserem System wird es auch Privatgondeln geben, die kann man dann ganz nach seinen eigenen Wünschen gestalten und bei sich zu Hause parken.

Glauben Sie denn, dass so ein Gondelsystem, wie Sie es entworfen haben, akzeptiert würde. Da würde bei einem im dritten Stock dann schließlich eine Bahn vorbeifahren.
Das lässt sich ganz leicht lösen. Wir würden für die Gleistrasse gerne eine Einhausung bauen. Die könnte man dann bepflanzen. Ich gucke aus der Gondel also nicht ins Schlafzimmer von meinem Nachbarn aus dem dritten Stock. Man schaut letztendlich auf einen Busch. Wir sehen aber ein anderes Problem.

Nämlich?
Na ja, wir gehen davon aus, dass man so ein System gut in den USA umsetzen kann, nicht aber in Deutschland. Die Automobilindustrie wird sich nicht freuen – und die ist sehr stark in Deutschland. Und leider waren wir hier auch nicht der Quell der Innovationsfreudigkeit in den vergangenen zehn, 20 Jahren.

Warum haben Sie dann trotzdem schon alles so genau durchgeplant?
Weil es unheimlich schade wäre, wenn wir diese Chance nicht nutzen. Denn alles, was wir für dieses Gondelsystem brauchen, haben wir schon hier. Bei den Gondeln wäre ein logischer Partner Eurocopter. Wenn’s um Schienentechnik geht, da haben wir den Max Bögl oder natürlich auch Siemens. Man könnte hier also einen Global Player aufbauen mit einer Technologie, die die Chance hat, 20 Prozent des CO2-Ausstoßes auf diesem Planeten zu reduzieren, 1,5 Millionen Verkehrstote pro Jahr zu verhindern und die Städte insgesamt wieder lebenswert zu machen. All das könnten wir aus Bayern für die Welt machen.

Klingt nach einem lukrativen Geschäft.
Ums Geld geht es uns nicht. Aber klar: Wenn das funktioniert, werden wir in zehn Jahren das größte Unternehmen der Welt sein. Größer als Google und Microsoft und wie sie alle heißen.

 

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