AZ-Interview "Weltenbrand"-Tour: Konstantin Wecker über sein neues Projekt

In der Toscana? Nein, in der Pasinger Bäckerstraße zwischen den Proben mit der bayerischen Philharmonie: Konstantin Wecker. Foto: Annette Hempfling

Der Komponist und Aktivist Konstantin Wecker tourt erstmals mit Symphonieorchester. Was ihn aber nicht softer macht, wie man von ihm hören kann.

 

München - Er wollte Schüler bei Carl Orff werden, wie er erzählt. Überhaupt lässt Konstantin Wecker seine Hingabe an die klassische Musik ebensowenig los wie sein Engagement für eine linkere, menschlichere Welt. Zusammen kommt das bei seinem neuen Projekt, der "Weltenbrand"-Tour, auf die er die Bayerische Philharmonie mitnimmt. In Pasing wird dazu groß geprobt.

AZ: Herr Wecker, vorhin, bei den Proben, haben sie beim Song "Sage nein" gemurmelt: "Wahnsinn, wie aktuell das ist, was ich vor 20, 30 Jahren geschrieben habe". Ist das großartig oder erschreckend?
KONSTANTIN WECKER: Musikalisch großartig, inhaltlich erschütternd: Denn vieles ist nicht nur "immer noch" aktuell. Es ist leider viel konkreter als ich es mir damals je hätte vorstellen können: "Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazi-Lieder johlen,/ Über Juden Witze machen,/ Über Menschenrechte lachen. / Wenn sie dann in lauten Tönen / Saufend ihrer Dummheit frönen, /Denn am Deutschen hinterm Tresen / Muss nun mal die Welt genesen,/ Dann steh auf und misch’ dich ein: /Sage nein!"

Das Lied entstand, als in Lichtenhagen die ersten Ausländerheime brannten. Und jetzt haben wir eine Partei – sogar im Bundestag!– , die das, wenn auch nicht offiziell, aber doch fast unverhohlen befürwortet. Ich würde das Lied tausendmal lieber als unzeitgemäß in die Mülltonne treten, anstatt es wieder singen zu müssen.

Konstantin Wecker: "Ich wollte Schüler bei Carl Orff werden"

Ihr neues Musikprojekt baut ihre Lieder aus – durch Orchesterbegleitung. Was gewinnt man dadurch?
Das ist das, was ich eigentlich bei meiner Musik immer mitgedacht habe und sogar original so arrangiert war. Jo Barnikel hat das jetzt wunderbar wieder aufbereitet. Ich bin Anfang der 80er ganz keck mit einem Kammerorchester getourt, als gerade Punk angesagt war. Damals kam das Publikum nicht wegen, sondern trotz meiner Musik. Ich war damals auch Carl Orff begegnet und es orfft in meiner Musik! Ich wollte Schüler bei ihm werden, aber da war er schon zu alt.

Welche Erinnerung haben Sie?
Er hat mir das schönste Musiker-Kompliment gemacht. Ich hatte ihm meine Gedichte zugeschickt, bevor ich in Dießen zu Besuch kam. Er hat dann auf seinen Flügel gezeigt und gesagt: "Spui, Junge! Spui!" Ich habe mich hingesetzt und mit "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", begonnen. Er hat dann gesagt: "Komisch Klavier spielst du. Weißt was. Du bist nicht der Mozart oder der Schubert: Du bist der Wecker!"

"Ich bin überzeugter Anarchist"

Wenn man aber mit Orchester statt mit einer kleinen, eigenen Band auftritt, verliert man doch Spontaneität und Macht.
Ich versuche schon mein ganzes Leben, Macht abzugeben, was mir im Alter leichter fällt als als junger Mann. Ich bin überzeugter Anarchist. Und "mit Orchester" heißt natürlich, dass ich weniger improvisieren kann und mich mehr konzentrieren muss. Aber es ist mein Wunschprojekt, das ich jetzt versuchen muss zu finanzieren. Deshalb hat es auch etwas länger gedauert. Aber ich möchte in Orchesterklängen baden! Ich sage dem Publikum: Das hier ist erst einmal für mich! Wenn es Euch auch gefällt, freut es mich sehr! Und es gibt – hat mir mal ein großer Münchner Konzertveranstalter gesagt – ein Publikum, das nur Klassik hört – aber auch mich.

"Weltenbrand" heißt die Tour. Das klingt nach Armageddon. Aber Sie sind doch auch ein Mensch, der Hoffnung verbreitet, ein Wir-Gefühl.
Das zugrundeliegende Gedicht ist auch nicht apokalyptisch. Aber natürlich erleben wir einen Weltenbrand, gerade mit den neuen Rechten in Europa, mit Trump in Amerika und Erdogan in der Türkei: all diese hilflosen, kleinen Machos, die hoffentlich das letzte Aufbäumen des Patriarchats sind. Vieles erinnert an die Zeit zwischen den Weltkriegen. Ich habe gerade wieder Gedichte von Günther Weisenborn von der Widerstandsgruppe Rote Kapelle vertont, Kurt Eisner und Erich Mühsam gelesen. Mein Konzert soll natürlich auch erinnern und mahnen.

Hannes Wader, mit dem ich vor wenigen Jahren auf Tour war, hat in einem gemeinsamen Interview plötzlich gesagt: "Ich denke eigentlich jeden Tag an den Holocaust." Da waren wir alle kurz etwas irritiert. Aber er hat Recht: Wir müssen uns daran erinnern, um zu spüren, dass wir dieses Grausame, das in jedem von uns steckt, nie wieder von der Leine lassen dürfen. Das geht auch, weil der Mensch gleichzeitig ein mitfühlendes Wesen ist. Und die, die das verlernt haben, sind eigentlich nur verletzte arme Seelen.

"Viele meiner italienischen Freunde sind traurig und niedergeschlagen"

Das Grundgesetz als Gegenentwurf zum Faschismus ist ungefähr so alt wie Sie und wird gerade gefeiert.
Es bleibt ein hervorragendes Buch. Man muss sich oft einfach nur fragen, ist etwas mit dem Geist des Grundgesetzes vereinbar? Und bekommt im Grundgesetz eine menschlich verlässliche Antwort. Diese Verfassung ist auch ein Spiegel, wie wir Deutsche unsere NS-Vergangenheit aufgearbeitet haben – meist viel besser als alle anderen ihre Geschichte.

Sie leben viel in Italien. Und das ist ja ein Land geworden, dass man politisch auch nicht mehr so leicht romantisieren kann.
Leider, ja! Mit Salvini geht das nicht mehr, aber es gab auch zuvor schon eine Mussolini-Verehrung. Ich selbst wohne ja in der Toskana, und die hat ihre Grundliberalität noch bewahrt. Und vielleicht kann man auf den Typus des Italieners hoffen, der nie alles so hart anfasst. Aber viele meiner italienischen Freunde sind traurig und niedergeschlagen.

Es gibt noch die ökologische Dimension, wie bei Ihrem Lied "Und das soll dann alles gewesen sein", wo es heißt: "Wir haben die Erde so schlecht bestellt /und betrügen noch heute das Morgen."
Ja, auch das ist Wahnsinn, dass man nach über 30 Jahren Erkenntnis und Wissen, immer noch sagen muss: Ist, was uns die Leistungsgesellschaft vorgibt, wirklich alles, was wir aus unserem Leben machen können? Gibt es nur den kapitalistischen Wohlstand, oder muss man nicht endlich den seelischen Wohlstand – um es im zynischen Wirtschaftsjargon zu sagen: mit einpreisen? Man muss endlich immer ein seelisches und ökologisches Sozialprodukt mitdenken!

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