AZ-Interview Was 1860-Coach Michael Köllner an München schockiert

Nachfolger von Daniel Bierofka: Michael Köllner. Foto: sampics/Augenklick

Löwen-Trainer Michael Köllner spricht im großen AZ-Interview über Weihnachts-Traditionen, soziale Missstände in Deutschland, sein Verhältnis zur katholischen Kirche und seine Reise ins Heilige Land.

 

München - AZ-Interview mit Michael Köllner. Der 49-jährige Oberpfälzer ist seit 9. November 2019 Chefcoach beim TSV 1860. Zuvor stand der gelernte Zahnarzthelfer knapp zwei Jahre beim 1. FC Nürnberg an der Seitenlinie und führte den Club 2018 sogar zurück in die Bundesliga.

AZ: Herr Köllner, wo steht heuer ihr Weihnachtsbaum, schon in München oder noch in Nürnberg?
MICHAEL KÖLLNER: Wir haben dieses Jahr gar keinen Baum. Im Hotel, in dem ich aktuell in München-Taufkirchen noch lebe, stehen schon circa 20 sehr liebevoll geschmückte, da muss ich nicht noch den 21. aufstellen. Ich habe hier aber einen schönen Adventskalender, den ich von meinen Kindern geschenkt bekommen habe, da mache ich jeden Tag ein Türchen auf und freue mich.

Wo verbringen Sie die Feiertage?
Zuhause in Fuchsmühl, wie jedes Jahr. Soweit ich mich erinnern kann, war ich an Heiligabend noch nie woanders.

Michael Köllner: "Gibt Themen, die über dem Fußball stehen"

Was bedeutet Weihnachten für Sie?
Ich habe mir viel bewahrt, von dem, was für mich als Kind Weihnachten ausgemacht hat. Also die Christmette, dann "Stille Nacht, Heilige Nacht" in der Kirche zu hören – das ist schon etwas ganz Besonderes für mich. Wenn dann die Lichter in der Kirche ausgehen, beginnt für mich selbst so eine Reise, bei der ich mein Leben reflektiere und auf mein Leben blicke. Und ich muss sagen, ich hätte es mir nicht recht viel besser ausmalen können. Dabei muss man aber auch sehen, was wichtig ist im Leben. Das ist für mich nicht der Sieg im nächsten Spiel. Da gibt es ein paar andere Themen, die mich bewegen und die über dem Fußball stehen.

Welche Themen sind das?
Zum einen natürlich die Frage, was ich in meinem Leben noch bewegen will und wie es mir und meiner Familie geht. Aber auch: Was passiert so um mich herum? Ich habe zum Beispiel die Altersarmut in München als ganz schlimm empfunden. Das habe ich in Nürnberg nicht so gesehen, nehme sie aber in München als extrem wahr. Hier gibt es so viele alte Leute, die nichts haben. Die arbeiten mit 80 noch in der Bäckerei und bringen dir den Kuchen. Das sind Menschen, die 50, 60 Jahre lang alles dafür getan haben, dass es uns, dass es Deutschland heute so gut geht. Und trotzdem profitieren sie nicht von dem hohen Lebensstandard. Das ist hart, richtig hart. Das trifft mich, da frage ich mich schon, was wir alle tun können, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Köllner will jeden Tag etwas Gutes tun

Wie können Sie selbst dazu beitragen?
Ich versuche eben, solche Themen öffentlich anzusprechen – und vielleicht auch so den einen oder anderen zum Nachdenken zu bringen. Auch meine Spieler, mit denen ich natürlich auch über so etwas spreche, damit sie sich mit solchen Dingen auch einmal bewusst auseinandersetzen. In Nürnberg war mir die Unterstützung der Obdachlosen ein Anliegen. Ich engagiere mich zudem bei den Sternstunden, die sich auf bewundernswerte Weise für Kinder und deren Nöte einsetzen. Und ich spende für mehrere Projekte – und dieses Geld zahle ich wirklich gerne. In Nürnberg hatten meine Mannschaft und ich immer den Vorsatz: Jeden Tag etwas Gutes tun – und wenn es nur bedeutet, zehn Minuten bei einem Fan stehen zu bleiben und ihm mit einem Gespräch eine Freude zu bereiten. Jeden Tag etwas Gutes zu tun, das ist mir persönlich immer mehr wichtig geworden.

Sie sind bekennender Christ. Inwiefern ist ihr soziales Engagement durch den katholischen Glauben geprägt?
Ach, die katholische Kirche als Institution hat damit eigentlich nichts zu tun. Da kann ich mich auch nicht ausnahmslos mit jedem Detail identifizieren. Aber die Zehn Gebote sind für mich ein wichtiges Fundament, sie beinhalten alle Werte, auf deren Basis eine Gesellschaft funktionieren kann. Ich sage bewusst kann. Und natürlich die Vorbildfunktion von Jesus Christus. Er hat in relativ kurzer Zeit ganz viel bewegt und der Menschheit unendlich viel gegeben – in den wenigen Jahren, die er gelebt hat. Diese beiden Dinge geben mir Orientierung.

Haben Sie in München schon einen Gottesdienst besucht?
Nein, noch nicht. Zu den großen Festen versuche ich schon in die Kirche zu gehen. Die Osternacht werde ich wahrscheinlich hier in München besuchen. Den wöchentlichen Gottesdienst schaffe ich nicht. Aber das finde ich jetzt auch nicht so dramatisch. Es geht dabei ja auch nicht darum, dass man einmal in der Woche in die Kirche rennt und dann die anderen sechs Tage einen Sch… treibt. Mein Ansatz ist: Ich versuche, unter der Woche ein guter Mensch zu sein – das ist schon mehr als schwer –, dann muss ich auch nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen.

"Spieler haben Fragen ans Leben"

Nachdem Sie den 1. FC Nürnberg zurück in die Bundesliga geführt haben, haben Sie sich mit einer Reise ins Heilige Land, nach Israel, belohnt. Wohin geht‘s nach dem Aufstieg mit den Löwen?
(lacht) Soweit sind wir noch lange nicht. Aber nach Israel wollte ich schon immer mal. Meine Frau hat zwar anfangs nicht so gezogen, aber mir war das wichtig. An Weihnachten und Ostern kommen immer diese Jesus-Filme, man liest in der Bibel so viel über das Wirken Jesu und da denkst du dir dann: War das wirklich so? Und Jerusalem, diese Stadt im ständigen Zwiespalt, das hat mich sehr interessiert. Und tatsächlich, es war wirklich beeindruckend für mich. Dieses Land sieht mich definitiv wieder.

In ihrer Zeit beim Club haben Sie bewusst auf einen Sportpsychologen verzichtet, dafür aber in den Trainingslagern oft einen Geistlichen zum Gespräch eingeladen. Haben sie so etwas auch bei Sechzig geplant, mit denen Sie Anfang Januar nach La Manga fliegen?
Nein, ich kenne keinen spanischen Geistlichen (lacht). Außerdem muss das auch zur Gruppe passen. Man kann nicht einfach fünf Priester hinstellen, die eine Weihrauchbüchse schütteln – das funktioniert so nicht. Aber in Nürnberg ging es gar nicht um den Geistlichen an sich, sondern – und das ist ja auch der Ansatz eines Psychologen – um Fragen nach dem Sinn des Lebens. Spieler haben Fragen ans Leben und da ist dann eine neutrale Person, die ihnen zuhört und ihnen hilft, zu reflektieren. Die Spieler müssen sich abgeholt fühlen – nicht nur als Fußballer, sondern auch als Menschen. Nur darum geht es.

Lesen Sie hier: Erdmann, Gebhart und Co - Die Neuzugänge des TSV 1860 im AZ-Check

 

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