AZ-Interview Waldemar Hartmann wird 70: "Weißbier? Abends Wodka!"

Ois Guade! Waldemar Hartmann feiert heuer seinen 70. Geburtstag. Foto: Janne Kieselbach/dpa

Waldemar Hartmann wird 70. Im AZ-Interview spricht er über schöne Momente seiner Karriere und prägende Erlebnisse. "Rudi ist mitverantwortlich, dass ich mein Leben sorgenfrei genießen kann."

 

München - Der gebürtige Nürnberger ging mit 18 Jahren nach Augsburg, um Discjockey zu werden. Nebenher arbeitete er als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen. Anschließend betrieb er die Kneipe "Waldis Club". Diese verkaufte er später wieder, zog nach München und arbeitete fortan für den BR und die ARD als Sportreporter und Moderator.

AZ: Herr Hartmann, an diesem Samstag werden Sie 70 Jahre alt – Grund zu feiern. Gibt es eine große Party?
WALDEMAR HARTMANN: Nein, genau das Gegenteil ist geplant. Ich werde mit meiner Frau hier in Berlin bei unserem Lieblingsitaliener essen gehen – und das war’s dann auch. An meinem 60. Geburtstag habe ich es ja richtig krachen lassen: Die Klitschkos, Veronica Ferres, Matthias Sammer, Mehmet Scholl, Harald Schmidt, Ottfried Fischer oder Henry Maske – alle waren da, das war ein richtiger Auftrieb. So etwas ist nicht mehr zu toppen, deshalb versuche ich es auch gar nicht. Der 70. wird mit einem feudalen Essen gefeiert – und sicher mit einer Flasche Champagner.

Weißbier wäre dem Anlass ja auch gar nicht angemessen.
(lacht) Ich trinke weiterhin gern mal ein Weißbier, vor allem im Sommer. Nachmittags im Biergarten ein kühles Hefe - da geht nicht viel drüber. Es ist nur nicht so, dass ich schon morgens drei Weißbier trinke oder gar vor der Sendung, so wie Rudi Völler das nach dem 0:0 auf Island im Interview mit mir vermutete. Abends an der Bar trinke ich kein Weißbier. Da trinke ich Wodka.

40 Jahre sind Sie jetzt schon eine bekannte Figur in der Medienlandschaft, es gab auch immer wieder Kritik an Ihrer Arbeit. Wie hält man so lange durch?
Man muss sich eine dicke Haut zulegen, keine Frage. Doch die Kritik kam fast ausschließlich von Feuilletonisten, die sich a priori für Regelhüter der Kulturhoheit halten. Ich habe aber zum Beispiel mit "Waldis Club" kein literarisches Quartett für die Südkurve gemacht, sondern einen Fußball-Stammtisch in einer Kneipe um Mitternacht. Mit überragenden Quoten. Auch das Duzen wurde immer mal kritisiert. Heute ist es total normal. Ich kann mich ja fast als Trendsetter sehen. Jedenfalls spielte ich über 30 Jahre in der ersten Reihe mit. Alles kann nicht falsch gewesen sein.

Was war das schönste Erlebnis Ihrer Karriere?
Ich habe mein Hobby zum Beruf machen können, das ist zuallererst eine Gnade Gottes. Ich war bei elf Olympischen Spielen dabei, bei Fußball-Weltmeisterschaften und -Europameisterschaften, bei Ski-Weltmeisterschaften, war zwölf Jahre im Boxen tätig, habe alle fünf Erdteile gesehen. Ich hatte immer Spaß dabei. Am schönsten war Italien 1990, als Deutschland Weltmeister wurde. Das Team war damals ziemlich bayerisch geprägt – mit Franz Beckenbauer, dem Maier Sepp als Torwarttrainer, der medizinischen Abteilung um Mull (Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, d. Red.), Hansi Montag, Klaus Eder. Der BR war damals zudem federführend, die "Zeit" hat von der Lodenfraktion geschrieben: Gerd Rubenbauer, Fritz von Thurn und Taxis und ich. Vier Wochen kein Regentropfen, das süße Leben – und am Schluss Weltmeister: Das war herausragend.

Und in anderen Sportarten?
Lillehammer 1994 war das Highlight. Das waren die ersten Spiele, die ich in erster Reihe moderieren durfte. Alle schwärmen heute noch von der Stimmung. Lillehammer – das waren die letzten echten Olympischen Winterspiele. Da standen 300 000 Leute aus Norwegen, Schweden und Finnland an den Laufstrecken und feierten. Einzigartig!

Sie haben in Ihren Sendungstrailern gesagt, dass Sie lieber über Fußball sprechen, als selbst zu spielen. Wie war es denn um Ihr Talent bestellt?
Ich habe selbst Handball und Fußball gespielt. Und ich bin extrem stolz darauf, dass vor kurzem, anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die Torschützenliste des FC Schmiere (Freizeitmannschaft mit Prominenten wie Paul Breitner, Bruno Jonas u.a., d. Red.) veröffentlicht wurde. Ich werde dort mit sieben Einsätzen und vier Toren geführt, die Quote muss man ja erst mal haben. Fußball war immer das Zentrum meiner Tätigkeit, ich habe aber auch Boxen geliebt. Muhammad Ali 1976 bei seinem Kampf in München zu erleben, war faszinierend.

Sie sprechen Ali an. War er die spannendste Persönlichkeit, der Sie begegnet sind?
Es gab ein paar Menschen, bei denen ich körperlich gespürt habe, was es heißt, eine Aura zu haben. Ali war einer, Papst Johannes Paul II. ein anderer. Ich war Radioreporter, als ich bei seinem Bayern-Besuch 1980 zwei Meter neben ihm stand. Meine ersten Begegnungen mit Franz Beckenbauer waren ähnlich. Franz hatte eine spezielle Aura, die jetzt von vielen missliebigen Menschen leider zerstört werden soll, was ich sehr bedauere.

Rudi Völlers Aura haben Sie 2003 in Island auch zu spüren bekommen, als er nach dem 0:0 und der Kritik an der deutschen Mannschaft zu einer Wutrede ansetzte.
(lacht) Bei Rudi war es damals etwas anderes als Aura. Er ist ja mitverantwortlich, dass ich sorgenfrei mein Leben genießen kann. Ein Weißbier-Botschafter-Vertrag mit einer Münchner Brauerei und andere Werbeverträge machten mich unabhängig. Wir sind immer noch gute Spezln, das waren wir auch vor seinem Ausraster in Island. Beruflich gab es zwei Einschnitte in meinem Leben: Das war zum einen Völler. Der Auftritt damals hat mein Dasein verändert. Noch heute quatschen mich Leute auf der Straße darauf an. Seltsamerweise auch auf meinen Schnurrbart, der schon 20 Jahre weg ist. Und dann natürlich mein Auftritt als Telefonjoker der Herzen...

...als Sie bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" nicht mehr wussten, dass Deutschland 1974 Weltmeister im eigenen Land geworden war.
Ja. Da hatte ich danach einen Schock. Etwa zwischen Blutsturz und Schnappatmung. Aber all das war prägend, und es hat mir letztlich nicht geschadet.

Mit 70 soll für Sie noch nicht Schluss sein, Sie planen zur WM ein Comeback bei einem Internet-Startup. Was steckt dahinter?
Ich kann noch nicht mehr verraten. Es ist die Idee einer Agentur hier in Berlin, die auf mich zugekommen ist. Ich war bisher weder bei Facebook noch bei Twitter oder Instagram. Ich lehnte Social Media wegen der Anonymität und des ungebremsten Hasses ab. Aber da habe ich mir gedacht: Wenn der Klügere nachgibt, bekommen die Deppen die Macht. Deshalb will ich das Internet nicht nur den Hatern und Bekloppten überlassen.

Was planen Sie konkret?
Wir basteln gerade, es ist ja noch Zeit. Es wird ein Videoblog, das kann ich verraten. Unfallfrei in eine Kamera schauen und meine Meinung sagen – damit bin ich 40 Jahre gut gefahren. Das Projekt ist nicht nur für die WM gedacht. Wenn es gut läuft, wollen wir in der Bundesliga weitermachen. Ein großes Stück Erfahrung kann dabei ja nicht schaden.

 

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