AZ-Interview "Wahnsinnig traurig": Wiesnwirt über die Absage des Oktoberfests

Ein besonderer Moment, der auch heuer fehlen wird: Edi Reinbold, Chef vom Schützenfestzelt, mit seiner Frau Petra, seinem älteren Sohn Mathias und Schwiegertochter Anastasia beim traditionellen Einzug der Wiesnwirte. Foto: imago

Seit er auf der Welt ist, gehört das Oktoberfest für ihn dazu, jetzt wurde es wegen dem Coronavirus abgesagt: Festwirt Edi Reinbold hat noch nie ein Jahr ohne Wiesn erlebt.

 

München - AZ-Interview mit Edi Reinbold. Der 76-Jährige ist Wirt vom Franziskaner und vom Schützenzelt auf der Wiesn.

Als kleiner Bub war er das erste Mal auf der Wiesn, als Teenie arbeitete er schon bei den Eltern mit – und mit 38 war er selbst Wiesnwirt vom Schützenfestzelt: Edi Reinbold (Franziskaner, Löwenbräukeller) kennt gar kein Leben ohne Oktoberfest. Mit der AZ spricht er über die Absage, Sorgen und Tränen.

Wiesen Absage: Keine Überraschung

AZ: Lieber Herr Reinbold, gerade wurde die Wiesn offiziell abgesagt. Sind Ihre Tränen schon getrocknet?
EDI REINBOLD: Ich habe mir Herrn Söder und Herrn Reiter live angeschaut, geweint habe ich nicht. Denn: Eine Überraschung war es für mich nicht. Viele andere Wiesnwirte haben noch an ein Wunder geglaubt – aber mir war schon seit Tagen klar: Heuer findet keine Wiesn statt.

Wie geht es Ihnen mit dieser Erkenntnis?
Es ist wahnsinnig traurig. Ein Jahr ohne Wiesn? Für mich war das immer unvorstellbar. Aber ich fürchte, wir alle müssen uns damit abfinden.

Ist die Absage richtig?
Ja, klar. Wer einen halbwegs gesunden Menschenverstand besitzt, kann da keine andere Meinung haben. Selbst eine Wiesn mit strengsten Hygiene-Regeln würde nicht laufen. Ich hab das mal durchgerechnet, wenn wir nur 50 Leute ins Zelt lassen würden. Das bringt alles nix. Die Wiesn lebt von Gemütlichkeit, Geselligkeit, dem engen Miteinander. So eine Halbwiesn haben wir nach dem 11. September erlebt. Feiern mit angezogener Handbremse ist ein Schmarrn. Das bringt stimmungstechnisch nichts – und finanziell auch nichts. Entweder gscheit oder gar nicht.

Wiesn-Wirt besorgt um seine Mitarbeiter und Kollegen

Viele Leute sagen, mit den großen Wiesnwirten braucht niemand Mitleid haben. Sehen Sie das auch so?
Ha! Weil wir im Geld schwimmen, auch wenn die Wiesn ausfällt!? Natürlich mache ich mir mehr Sorgen um meine Mitarbeiter, als um mich selbst. Wobei ich schon traurig werde, wenn ich auf mein Konto schaue – deshalb lass ich das gerade lieber sein. Ich werde jedem Mitarbeiter noch mal einen ausführlichen Brief schreiben und alles erklären. Ob die vielen Bedienungen, die Security-Leute, die Musiker, Köche, Studenten-Aushilfen – es tut so sehr weh, zu sehen, wie alle leiden müssen. Ich probiere, allen zu helfen, wo es geht. Das sag ich jetzt nicht nur, das meine ich auch. Deshalb sehe ich die Zukunft meiner anderen Betriebe mit noch größerer Sorge als die Absage der Wiesn.

Inwiefern?
Wenn wir noch zwei Monate geschlossen haben müssen, wird es wirklich hart. Ich kenne Kollegen in München, die nicht mehr aufsperren werden, selbst wenn es wieder erlaubt ist. Das ist bitter.

Reinbold hält sich an Kontaktverbote und trägt Maske

Was werden Sie jetzt am 19. September um 12 Uhr machen – bei sich daheim anzapfen?
Gute Frage. Keine Ahnung. Wahrscheinlich muss ich alles noch mehr verdauen. Freunde haben vorgeschlagen, ob wir eine Mini-Wiesn im Löwenbräukeller feiern können. Ich sagte: Spinnt’s ihr, wir dürfen uns nicht treffen und müssen alle Abstand halten. Da bin ich richtig spießig, ich halte mich sehr an alle Kontaktverbote.

Tragen Sie eine Maske?
Sicher. Ich habe eine Profi-Maske und eine weiß-blau karierte, die mag ich lieber. Ich hab mich dran gewöhnt, die zu tragen. Da ich keine 30 mehr bin, muss ich sehr aufpassen. Da mach ich mir nichts vor.

Haben Sie seit dem Lockdown den Franziskaner betreten?
Der Franziskaner war vorher jeden Tag offen, jetzt ist seit Wochen alles dicht. Wenn ich in den leeren Wirtsräumen stehen würde – naa, das pack ich wirklich nicht.


Drei-Wochen-Wiesn: "Eine Wahnsinnsherausforderung" 

Natürlich ist Wirtesprecher Christian Schottenhamel nicht überrascht. "Man hat sich die ganze Zeit damit beschäftigt und dann ist die Absage trotzdem ein tiefer Stich ins Herz", sagt Schottenhamel. Er ist aber auch froh, dass es keine abgeschwächte Wiesn geben wird. "Da geht die Marke kaputt, wenn man das verwässert. Die Wiesn ist halt die Wiesn."

Also ebenso einzigartig sieht er die Tatsache an, dass die Wiesn nur etwas über zwei Wochen geht. "Da spreche ich jetzt für mich persönlich, aber eine Wiesn über drei oder vier Wochen, das wäre eine Wahnsinnsherausforderung." Zumal Schottenhamel argumentiert, nur weil die Wiesn dann doppelt so lang sei, kämen nicht doppelt so viele Gäste. "Wir wissen ja nicht, was nächstes Jahr ist: Ob es einen Impfstoff gibt, vielleicht ein neues Virus. Damit auf der Wiesn unbeschwert gefeiert werden kann, muss auch das Vertrauen der Bevölkerung da sein."

Ähnlich sieht das auch Otto Lindinger von Bodo’s Cafézelt, Sprecher der Kleinen Wiesnzelte: "Zwei, drei Tage länger sind mit der jetzigen Logistik und Einsatz von Mitarbeitern durchaus machbar. Ich sehe aber nicht, dass das ein großer Gewinn wäre. Aus unserer Erfahrung kommen immer die gleichen Stammgäste zu den Kleinen Wiesnzelten." Einen zusätzlichen Tag würde er sich aber 2021 schon wünschen. "Die Geselligkeit kann man nicht mit Videokonferenzen generieren. Das persönliche Gespräch mit dem Gast fehlt mir sehr. Das ist wertvolle Lebenszeit, die wir gerade nicht leben können", sagt Lorenz Stiftl, Wirt vom Festzelt Zum Stiftl.

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