AZ-Interview Vorstandschef von Ludwig Beck Christian Greiner: "Geht wieder in die Innenstadt"

Paul Nöllke.
Christian Greiner (40) ist seit 2019 Aufsichtsratschef von Ludwig Beck. Seit 2017 hat er diese Funktion bei Wöhrl. Foto: Bernd Wackerbauer

Christian Greiner von Ludwig Beck über das Weihnachtsgeschäft in Online-Zeiten, seine Enttäuschung über die Stadt-Politik – und Einkaufsbummel ohne Stress.

 

AZ: Herr Greiner, haben klassische Kaufhäuser überhaupt noch eine Zukunft?
CHRISTIAN GREINER: Ja. Ich wäre nicht in diesem Geschäft, wenn ich nicht daran glauben würde. Vor Kurzem hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich war auf einem Kongress mit vielen digitalen Firmen und traditionellen Marken. Bei den Digitalen war da der Grundton "Wir sind die Zukunft." Viele der traditionellen Firmen wirkten dagegen sehr verunsichert, obwohl sie mitunter viel mehr Umsatz machen und erfolgreich sind.

Sind diese Sorgen denn nicht berechtigt?
So etwas kann schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Der Online-Handel darf nicht zur Ausrede werden. Ich muss immer erstmal bei mir selber schauen: Was kann ich besser machen, wo mache ich Fehler? Wenn zu wenig Leute kommen, dann bin ich immer erstmal selber schuld. Wir müssen uns fragen, was können wir machen, damit die Leute kommen?

Vor Kurzem hat Ludwig Beck Wormland verkauft, das ja auch hier am Marienplatz präsent ist. Kamen zu wenig Leute?
Wormland haben wir 2015 gekauft, saniert und vorangebracht. Heute geht es Wormland deutlich besser. Aber wir haben realisiert, dass Wormland nicht in unsere Unternehmensstruktur passt. Wir haben dann eine gute Lösung gefunden und die Kette an das Management verkauft. Ludwig Beck konzentriert sich jetzt wieder auf das Kerngeschäft.

Was zum Beispiel?
Einkaufen muss wieder als schönes Erlebnis wahrgenommen werden. Viele Menschen haben verlernt, wie schön Shoppen sein kann. Man kann sich Zeit nehmen, durch die Läden laufen, mit Verkäufern reden und sich beraten lassen. Und vielleicht danach noch kurz über den Weihnachtsmarkt gehen und einen Glühwein trinken.

Ist Shopping vor Weihnachten nicht eher Stress?
Stress macht man sich immer erstmal selbst. Wer sich Zeit nimmt und einfach treiben lässt, kann das genießen. Ich finde es schön, dass es voll ist in der Stadt. Wenn ich im Fußballstadion sitze, will ich ja auch, dass es voll ist. Wenn ich ins Restaurant gehe, will ich ja auch nicht alleine sitzen. Das ist doch eine schöne Atmosphäre in der Stadt mit der ganzen Weihnachtsdeko. Jetzt noch vielleicht ein bisschen Schnee... Sie sehen, ich stehe voll auf Weihnachten.

"Der Christkindlmarkt? Da stehen doch einfach nur ein paar Hütten!"


Direkt vor Ihrer Tür ist Münchens bekanntester Christkindlmarkt. Wie gefällt Ihnen der?
Ich glaube, da gibt es noch viel Potenzial. In München gibt es oft diese Einstellung "Wir sind eh die Besten, wir müssen nichts verbessern." Das sieht man auch beim Weihnachtsmarkt am Marienplatz. Es gibt Städte, die feiern die Eröffnung ihres Weihnachtsmarktes und binden den angrenzenden Einzelhandel ein. Um den Marienplatz stehen nur ein paar Hütten eng zusammen. In München sagt keiner "Wir haben den schönsten Weihnachtsmarkt." Aber das sollte doch unser Anspruch sein.

Ist das ein Appell ans Rathaus?
Unbedingt. Aber das betrifft nicht nur den Weihnachtsmarkt. Im Rathaus herrscht allgemein eine gewisse Selbstzufriedenheit. Dabei könnte in München vieles noch besser laufen. Im Rathaus denkt man trotzdem, man mache einen tollen Job, die Touristen kommen ja. In Wahrheit lebt München heute in hohem Maße von dem, was frühere Generationen erschaffen haben. Keiner von denen, die heute im Rathaus sitzen, hat das Oktoberfest erfunden oder die Schlösser und den Olympiapark gebaut. Ich wünsche mir in München mehr Bewegung, Kreativität und Mut.

Wo könnte die Stadt außer beim Christkindlmarkt mutiger sein?
Zum Beispiel bei der Architektur. Viel, was heute gebaut wird, ist langweilig und beliebig. Areale wie der Olympiapark würden heute vermutlich nie genehmigt werden. Das Gleiche gilt für den Nahverkehr, da wurde viel verschlafen, denken Sie an die schnelle Anbindung des Flughafens, auf die wir seit fast 30 Jahren warten. Und solche Versäumnisse haben natürlich auch Auswirkungen auf den Einzelhandel in München.

"Der Bau der Stammstrecke schadet Traditionshändlern"


Also sind doch manchmal auch die anderen schuld, wenn es dem Handel schlecht geht?
Natürlich gibt es äußere Faktoren, die den eigenen Erfolg beeinflussen. Ein Beispiel ist die Baugrube für die Zweite Stammstrecke am Marienhof. Grundsätzlich ist das natürlich ein gutes Projekt, der Bedarf ist ja offensichtlich. Aber auch da zieht sich alles bis 2028 in die Länge. Hoffen wir, dass die Strecke zumindest im jetzt geplanten Zeitrahmen fertig wird. Denn natürlich beeinträchtigt so ein Mammutprojekt die umliegenden Händler, darunter viele Münchner Traditionshäuser.

Was können Münchner tun, um diese Traditionshäuser zu unterstützen?
Einkaufen gehen. Wenn man lebendige Innenstädte möchte, dann sollte man dort auch einkaufen. Oft findet man dort ja auch weitere Inspirationen. Im Internet weiß ich meistens, was ich will. Das suche ich dann und bestelle es. Im Kaufhaus kann ich mich umschauen und neue Sachen entdecken. Natürlich kommen manchmal auch Leute zu uns, schauen sich um, lassen sich kompetent beraten und bestellen dann zum billigsten Preis im Internet. Das finde ich schade.

Haben Sie Verständnis für Leute, die im Internet bestellen?
Grundsätzlich natürlich. Ich bestelle auch manche Dinge im Onlineshop. Aber es ist eben kein Erlebnis. Und es ist oft auch nicht nachhaltig.

Wieso ist der Onlinehandel nicht nachhaltig?
Der Onlinehandel ist stark preisgetrieben und keiner will für Versand zahlen. Die Menschen lassen sich die Kleidung schicken, probieren alles an und senden oft mehr als die Hälfte der Waren zurück. Das geht, weil der Versand gerade bei einem hohen Bestellvolumen oft kostenlos ist. Gut für das Klima ist dieser logistische Aufwand aber sicher nicht. Wer Umweltschutz und Nachhaltigkeit fordert, muss dann schon auch bereit sein, dafür zu zahlen. Deswegen kann der Versand von Produkten nicht dauerhaft subventioniert werden.

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