AZ-Interview Vierschanzentournee: Freund und der Zauberwürfel

Severin Freund beim Tourneespringen in Innsbruck im Januar 2016. Am Ende wird er hinter Peter Prevc Gesamtzweiter. "Das war eine große persönliche Genugtuung." Foto: dpa

Vor der Vierschanzentournee erklärt Skispringer Severin Freund, wie er zwischen den Wettbewerben entspannt und wie seine Chancen nach der langen Verletzungspause sind. "Wahrscheinlich kommt die Tournee zu früh".

 

Skispringer Severin Freund im Interview mit der AZ: Der 28-Jährige gehört seit Jahren zu den besten Skispringern der Welt. Ab Donnerstag geht er bei der 65. Vierschanzentournee an den Start.

AZ: Herr Freund, im Sommer konnten Sie nach Ihrer Hüft-Operation fünf Monate keine Sprünge machen. Kommt die Tournee heuer für Sie ein bisschen zu früh?
Severin Freund: Wahrscheinlich ja. Gesundheitlich ist alles gut, aber mir fehlen einige Sprünge aus dem Sommer, daher war es erwartbar, dass ich zu Beginn der Saison nicht in der Super-Form bin. Das ist nichts, was mich extrem stört.

Die Saison begann aber mit Platz 1 und 2 in Kuusamo sehr verheißungsvoll
Das hatte ich nicht erwartet! Kuusamo ist eine spezielle Schanze, und ich hatte ein wenig Glück. Wir hatten tatsächlich zu Saisonbeginn mit den Plätzen gerechnet, wie sie dann bei den Springen danach rausgekommen sind, also irgendwo zwischen 10 und 15. Das hatten wir nicht nur als Losung ausgegeben, um zu taktieren oder Druck von mir zu nehmen. Wichtig war es, jeden Wettkampf zu nutzen und ein Stück näher ranzukommen, schließlich gibt es auch nach der Tournee noch Highlights wie die WM in Lahti, bei der ich in einer Form sein will, mit der ich vorne mitspringen kann.

Kann die Verletzung auch ein Vorteil sein, weil Sie bei der Tournee nicht so unter Druck stehen wie sonst?
Für mich selbst ist das definitiv so. Wenn ich ohne Verletzung in der Form wie jetzt wäre, würde ich mich fragen, warum. Die Erwartungshaltung von außen kann man als deutscher Skispringer eh nicht beeinflussen, aber das ist etwas, was mich nicht belastet.

Denkt man während einer so langen Verletzungspause auch mal ans Karriereende?
Ehrlich gesagt relativ wenig. Ein Motivationsloch, so dass ich mich gefragt hätte, ob ich mir das noch antun müsste, hatte ich nicht. Wenn die OP mal rum ist und ich wieder an mir arbeiten kann, habe ich schnell wieder ein Ziel vor Augen. Und für die Zeit nach der Karriere habe ich eh noch keinen Lebensplan.

Wie sehr würde es Sie schmerzen, die Tournee nie zu gewinnen?
Das wäre für mich kein Problem. Der Erfolg bei der Tournee hängt von so vielen kleinen Dingen ab. Du kannst auch neben dem Podium stehen, obwohl du alles richtig gemacht hast. Ich bin deshalb niemand, der sich an Ergebnissen aufhängt. Letztes Jahr zum Beispiel war ich bei der Tournee in Topform, ich habe vier gute Wettbewerbe gemacht. Nur war halt mit Peter Prevc einer noch besser. Das muss man anerkennen. Trotzdem ist das für mich mehr Genugtuung, als einen Wettkampf zu gewinnen und zu wissen, dass ich mehr Glück als Können hatte.

Der Druck bei der Tournee ist sicherlich größer als sonst im Weltcup. Wie bekommen Sie zwischen den Springen den Kopf frei?
Ich schaue ganz gern TV-Serien, lese ein Buch oder wir spielen Karten. Und zuletzt habe ich mir den Zauberwürfel mit vier Mal vier Feldern angeschafft. Der stellt mich vor eine schöne Herausforderung (lacht).

Ihre Lieblingsserie und Ihr Lieblingsbuch?
Momentan schaue ich Westworld (US-amerikanische Science-Fiction-Western-Serie, d. Red.) und lese Jussi Adler-Olsen (dänischer Krimiautor, d. Red.), den Titel habe ich leider vergessen.

Zurück zur Tournee: Im vergangenen Jahr sind Sie erstmals wirklich um den Gesamtsieg mitgesprungen. Wie sehr wird Ihnen diese Erfahrung heuer helfen?
Ich habe ja lange genug dafür gebraucht, bis ich das mal zusammengebracht habe (lacht). Nein, man nimmt sich natürlich jedes Jahr viel vor und probiert viel aus. Wenn es dann endlich mal klappt, ist eine große persönliche Genugtuung da.

Sie gelten als ständiger Tüftler an Technik und Material. Sind Sie ein Perfektionist?
Das würde ich schon sagen. Früher war ich sogar zu sehr Perfektionist, das war vielleicht manchmal hinderlich. Aber ein gewisser Anspruch an sich selbst muss da sein, wenn man sich weiterentwickeln will.

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Im vergangenen Jahr hat Peter Prevc die Tournee und den Gesamtweltcup gewonnen, heuer dominiert sein kleiner Bruder Domen. Was macht die Prevc-Brüder so stark?
Sie haben sicher gute Gene (lacht). Es gibt ja auch noch den dritten Bruder, Cene, der zuletzt wieder im Weltcup dabei war. Die beiden Jüngeren lernen von Peter. Und speziell Domen ist einer der Springer, der schon mit den neuen Bindungen aufgewachsen ist und viel in der Jugend damit lernen konnte. Sein Flugsystem ist extrem, aber auch extrem effektiv.

Im Sommer haben Sie Ihre Freundin Caren geheiratet. Hat das Ihre Einstellung zum Sport geändert?
Wir waren ja vorher schon lange zusammen, insofern hat sich nicht viel geändert, bis auf ihren Namen.

Wie oft begleitet Caren Sie an die Schanzen?
Das ist sehr unterschiedlich. Bei der Tournee ist sie in Oberstdorf und Garmisch meistens dabei, in Innsbruck glaube ich war sie noch nie. Sie hat ja auch Besseres zu tun, als permanent mit mir unterwegs zu sein (lacht). Wozu ich sie heuer gebracht habe: Dass sie mal in Zakopane dabei ist.

An den Wochenenden muss sie also relativ oft auf ihren Mann verzichten.
Das schon, aber das hat sie zum Glück schon gewusst, als sie mich kennengelernt hat. Das hat sie sozusagen mitgekauft (lacht).

Sie unterstützt Sie voll in dieser Hinsicht?

Sowieso. Und es ist einfach toll, wenn man jemanden daheim hat, der zu einem hält und dem es dann relativ egal ist, wie die Ergebnisse am Wochenende waren.

 

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