AZ-Interview Verena Dietl: "Kostenlose Kita abschaffen? Da haue ich auf den Tisch!"

Verena Dietl vorm Münchner Rathaus am Marienplatz. Die bisherige Fraktionschefin der SPD ist jetzt Familienbürgermeisterin. Foto: Petra Schramek

Verena Dietl ist Münchens neue Familienbürgermeisterin. Warum sie eine Jugendsprechstunde und Mini-Kita plant und wie sie Sozial-Streichungen verhindern will.

 

München - Die neue grün-rote Stadtregierung hat Diplom-Sozialpädagogin Verena Dietl (39) zur Dritten Bürgermeisterin gewählt – als Nachfolgerin von Christine Strobl. Dietl war bislang Geschäftsführerin des Sozialvereins AKA, saß dazu seit 2008 ehrenamtlich für die SPD im Stadtrat und lebt mit ihrem Partner und zwei kleinen Söhnen (sechs Jahre und acht Monate) in Laim.

Wer in den Wochen vor dem Lockdown in der SPD-Fraktion im Rathaus vorbeigeschaut hat, kannte das Bild: Verena Dietl, zuletzt Co-Fraktionschefin, saß da und arbeitete mit ihrem Baby im Arm, das wahlweise schlummerte oder auch mal von Kollegen bespaßt wurde. Zwischen Telefon und Arbeitsmappen lag eine Wickelauflage.

Verena Dietl: Mit roter Tasse am früheren Pretzl-Schreibtisch

Erstaunlich entspannt sah das alles aus. Nun ist die zweifache Mutter am 5. Mai einen Stock höher gezogen, ins Zimmer der Dritten Bürgermeisterin, das neben dem OB-Büro von Dieter Reiter (SPD) liegt. Unten: der Marienplatz, vorm Fenster steht der Turm vom Alten Peter. Der Schreibtisch mit schwarzen Metallfüßen und schlichter Holzplatte, an dem gerade noch der CSU-Mann Manuel Pretzl (als Zweiter Bürgermeister) gesessen ist, steht noch da.

Auch seine Bilder hängen noch an der Wand. Neu ist nur die große rote Tasse, die Verena Dietl sich zum Einzug von daheim mitgebracht hat. Fürs Gespräch mit der AZ (nach zwei Ausschuss-Sitzungen, die sie am Vormittag schon geleitet hat) füllt sie die Tasse mit Kräutertee – und setzt sich lieber an den langen Besprechungstisch.

AZ: Frau Dietl, fremdeln Sie noch mit dem Bürgermeisterschreibtisch, nach zwölf Jahren als SPD-Stadträtin?
VERENA DIETL: Er ist nicht unbedingt mein Geschmack, und ich werde auch sicherlich einen größeren brauchen für die Berge an Mappen und Bürgerbriefen, mit denen ich jetzt zu tun bekomme...

...und für die Wickelauflage fürs Baby, oder? Wo ist das denn heute überhaupt?
Noch daheim. Mein Partner ist ja in Elternzeit und bringt es mir jetzt immer mittags für eine halbe Stunde vorbei – oder ich radel kurz nach Hause. Übrigens zur Wickelauflage...

Ja?
Ich möchte im Rathaus lieber ein Wickel- und Spielzimmer einrichten lassen. Im neuen Stadtrat haben wir jetzt viele neue, junge Kolleginnen und Kollegen mit kleinen Kindern. Wenn man will, dass Eltern in der Rathauspolitik mitmischen, braucht es mehr als nur einen Wickeltisch. Es braucht idealerweise auch einen Raum mit Betreuung, damit man notfalls sein Kind auch mal mitbringen und trotzdem arbeiten kann.

Verena Dietl: "Ich will wissen, wie es Kindern geht – ungefiltert"

Eine Mini-Rathaus-Kita?
Es würde München gut stehen, wenn jungen Eltern dabei geholfen werden würde, Job und Familie auch im Rathaus unter einen Hut zu bekommen. Davon konnten viele Münchner mit kleinen Kindern gerade während des Shutdowns nur träumen. Viele Kita- und Schulkinder sind ja immer noch daheim.

Haben Sie schon Rückmeldungen, wie es diesen Eltern in der Stadt eigentlich geht – finanziell und psychisch?
Ich denke, dass wir in Kürze Einblick über das Sozialreferat bekommen. Ich will auch wissen, wie es den Kindern und den Jugendlichen geht – und das gern ungefiltert aus deren eigenem Mund erfahren.

Wie denn?
Ich werde eine Kinder- und Jugendsprechstunde bei mir einrichten. Da können sie mir dann alles genau selber erzählen.

Dann dürfen Kinder und Jugendliche direkt zu Ihnen an Ihren Bürgermeisterschreibtisch kommen?
Ja, erst mal einmal im Monat, wenn das gut läuft, später gerne auch öfter.

Dietl: "Radlwege? Ich werde im Zweifel immer für Soziales kämpfen"

Sie verstehen sich ja nicht nur als Schul- und Sportbürgermeisterin wie Ihre Vorgängerin, sondern vor allem als neue Familienbürgermeisterin. Wie besorgt sind Sie darüber, wie es Münchner Familien in dieser Krise geht?
Die Frage, wie es Eltern geht, die jetzt ihre Jobs verloren haben oder auf Kurzarbeit sind, und die mit ihren Kindern in eine neue Armut rutschen könnten, macht mir große Sorgen. Es trifft ja jetzt auch viele aus der Mittelschicht. Wir werden in nächster Zeit nicht nur Rettungsschirme für die Gastronomie oder Händler brauchen, sondern eine Menge mehr Geld in den Sozialbereich und auch in Einzelhilfen stecken müssen.

Wie wollen Sie das durchsetzen, ausgerechnet jetzt, da der Kämmerer zum Sparen mahnt, weil die Gewerbesteuer einbricht?
Ich zähle darauf, dass der SPD-Finanzminister Olaf Scholz mit einem kommunalen Rettungsschirm so viel Geld aus Berlin nach München schickt, wie uns an Gewerbesteuer wegbricht.

Trotzdem: Der Kämmerer will vor der Sommerpause eine Streichliste vorschlagen. Da könnten nicht nur Zuschüsse für Sozialeinrichtungen und Vereine draufstehen, sondern auch die gerade erst beschlossenen kostenlosen Kindergärten, die die Stadt 50 Millionen Euro im Jahr kostet.
Das kommt überhaupt nicht infrage. Wenn die kostenlose Kita wieder abgeschafft werden soll, haue ich als Familienbürgermeisterin auf den Tisch. Beitragsfreie Kinderbetreuung entlastet ja Familien wirklich, da darf es kein Zurück mehr geben, vor allem jetzt in und nach der Krise nicht.

Dietl: "Sechzgerstadion kann jetzt leider nicht erste Priorität haben"

Wollen Sie die Beitragsfreiheit auch für private Kitas, die nicht in der Münchner Förderformel sind, und wo Eltern ja noch selber zahlen müssen?
Ich verstehe, dass diese Eltern sich die Förderung auch wünschen. Aber wir werden für Familien, die sich bewusst entscheiden, in eine teure Privatkita zu gehen, sicher nicht die kompletten Kosten übernehmen. Ob wir Teilbeträge übernehmen können, muss nach einem Kassensturz geprüft werden.

Ihr Koalitionspartner von den Grünen will ja Geld vor allem für Radwege und Klimaschutz ausgeben. Ist da ein schneller Koalitionskrach nicht programmiert?
Wir haben uns als SPD zum Radlbegehren bekannt, und ich bin ja selber begeisterte Radlfahrerin. Aber ich werde im Zweifel immer für Ausgaben im Sozialbereich kämpfen und hoffe, dass uns am Ende ein guter Kompromiss gelingt, auch wenn natürlich vorher ausgiebig verhandelt wird.

Viele Millionen wird auch der zweitligataugliche Ausbau des Sechzgerstadions kosten, den der Stadtrat noch im Februar befürwortet hat – und für den gerade auch Sie gekämpft haben. Würden Sie wetten, dass der Ausbau jetzt noch kommt?
Ich liebe das Grünwalder. Das ist mein absoluter Lieblingsort in München, und ich vermisse die Spiele dort gerade sehr. Bevor ich Kinder hatte, war ich bei jedem zweiten Heimspiel.

Aber?
Ich würde jetzt nicht dafür auf den Tisch hauen. Es kann in dieser Finanzlage leider nicht erste Priorität haben. Aber es kommt ziemlich gleich nach den Sozialthemen und dem Verkehrsausbau.

Verena Dietl: Demnächst wieder mit OB Reiter beim Essen

Fans diskutieren jetzt schon, ob man nicht sofort mit ersten Umbaumaßnahmen beginnen könnte, weil während der Geisterspiele eh keine Zuschauer da sind.
Guter Hinweis. Das kann ich direkt mal in die Verwaltung durchgeben. Allerdings wissen wir ja nicht, wie lange überhaupt noch Geisterspiele stattfinden. Wenn wir jetzt mit dem Ausbau anfangen und dann dürfen die Fans doch wieder rein, haben wir Chaos.

Sie sitzen auch im Aufsichtsrat der Olympiapark GmbH, die Millionenverluste hat, weil alle Großveranstaltungen wegfallen. Haben Sie eine Idee, wie der Olympiapark sich beleben ließe mit weniger Menschen?
Darüber sprechen wir im nächsten Aufsichtsrat. Ich erwarte spannende Vorschläge.

Ein enger Draht zum Oberbürgermeister ist ziemlich praktisch, wenn man sich schneller durchsetzen will im Rathaus. Der geht allerdings häufiger mit der grünen Bürgermeisterin Katrin Habenschaden Pizza essen, heißt es manchmal. Oder machen Sie das auch?
Ich freue mich, wenn ein gutes Verhältnis in der Koalition herrscht. Ich sehe den Oberbürgermeister ohnehin mehrfach in der Woche, montags in der Referentenrunde, dann im Krisenstab für Außergewöhnliche Ereignisse, und wenn etwas Besonderes ist, telefonieren wir auch mal. Wenn wir wieder dürfen, gehen der Oberbürgermeister und ich bestimmt auch mal wieder zusammen essen.

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