AZ-Interview Verena Bentele: "Ich wünsche mir mehr Offenheit"

Golden Girl: Allein in Vancouver holt Verena Bentele fünfmal Gold. Foto: dpa

Ex-Langläuferin und -Biathletin Verena Bentele, mittlerweile Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, spricht hier über die Paralympics, Fortschritte bei der Inklusion und ihre Zukunft

München - Die Lindauerin Verena Bentele ist viermalige Weltmeisterin und zwölfmalige Paralympics-Siegerin im Langlauf und Biathlon. Seit 2014 ist die 36-Jährige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und setzt sich für Menschen mit Behinderungen ein. Bentele ist aufgrund eines Gendefekts blind. Hier äußert sie sich im AZ-Intetview.

AZ: Frau Bentele, gibt es in Berlin rund um den Bundestag eigentlich Loipen?
VERENA BENTELE: Nein. Worauf wollen Sie denn hinaus? (lacht)

Als ehemalige Langläuferin und Biathletin sowie gebürtige Bayerin müssen Sie doch die Loipen, die Berge vermissen...
In Berlin kann man kein Biathlon machen, Wintersport ist dort kein Thema. Keine Ahnung, wo der Berliner Skifahren geht, vielleicht in einer Skihalle? Wenn ich Skifahren möchte, dann fahre ich in die Alpen, weil ich ja in München wohne. Und von dort sind die Alpen nicht weit.

Da verbringen Sie aber viel Zeit im Zug oder im Flugzeug.
Ja, das stimmt. Ich wohne sehr gern in München, daher macht mir das Pendeln nichts aus.

Fünf Tage die Woche als Behindertenbeauftragte in Berlin, Bundestag - und Angela Merkel. Wie ist die Kanzlerin so?
Unsere Bundeskanzlerin habe ich in meiner Funktion natürlich ein paar Mal getroffen, sei es zum Gespräch oder auf Veranstaltungen. Das Wichtigste für mich: Angela Merkel war immer offen für die Themen, die ich an sie herangetragen habe.

Sie sind von Geburt an blind. In einem AZ-Interview von 2011 sagten Sie, dass es noch ein weiter Weg sei, um im Umgang mit Menschen mit Behinderungen von Normalität sprechen zu können. Wie schaut es sieben Jahre später aus?
Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger und das ist auch gut so. Menschen mit und ohne Behinderungen begegnen sich immer selbstverständlicher, beispielsweise in der Arbeit oder in Schulen. So können Berührungsängste abgebaut werden, auch wenn viele immer noch verunsichert sind im Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Und genau da wünsche ich mir noch mehr Offenheit.

Und was haben Sie als führende Instanz getan, um diese Entwicklung voranzutreiben?
Um Offenheit zu erreichen, müssen wir Menschen sensibilisieren. Daher ist Bewusstseinsbildung eines meiner zentralen Anliegen. Gemeinsam mit meinem Team habe ich Gesetzgebungsverfahren kritisch begleitet, Termine mit Abgeordneten wahrgenommen oder auch Kulturveranstaltungen durchgeführt.

Bentele: Nicht Behinderte, sondern Menschen mit Behinderung

Wie stehen Sie zu dem Wort "behindert"?
Es gibt keine ideale Alternative für "Behinderungen". Mir ist wichtig, dass heute nicht mehr von "Behinderten", sondern von Menschen mit Behinderungen gesprochen wird. Viele Menschen mit Beeinträchtigungen selbst bevorzugen beispielsweise das Wort "Handicap". Als studierte Germanistin geht es mir vor allem darum, was wir mit einem Wort aussagen. Die wichtigste Aussage hier sollte sein, dass Menschen nicht vordergründig durch ihre Behinderung charakterisiert werden. Allein die Behinderung in den Mittelpunkt zu rücken, ist diskriminierend.

Im Fokus stehen bei Ihnen auch die Paralympics in Pyeongchang. Wie werden Sie diese verfolgen?
Ich habe die Olympischen Spiele sehr intensiv im Fernsehen verfolgt. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gab es eine Audiodeskription, das heißt, dass für blinde Fans alles genau beschrieben wurde. Diese Beschreibung und die Kommentare der Reporter geben mir ein umfassendes Bild. Ich höre quasi Fernsehen. Die Paralympics verfolge ich teils vor Ort. Ich werde also die Gelegenheit haben, Wettkämpfe live zu schauen.

In Sotschi 2014 waren Sie nicht dabei, um während der Krim-Krise ein Zeichen zu setzen: Reisen Sie als Fan oder Politikerin an?
Beides. Ich werde die deutschen Sportlerinnen und Sportler anfeuern, werde aber auch politische Gespräche führen, werde beispielsweise Menschen aus koreanischen Organisationen für Sportler mit Behinderungen treffen.

Die Paralympics erleben aber keinen so großen Hype. Das scheint eine chronische Problematik zu sein. Was kann man da tun?
Da sind unterschiedliche Seiten verantwortlich. Zum einen geht es um die Berichterstattung. Es gibt viele Sportarten in Deutschland, die nicht so präsent sind, wie es beispielsweise der Fußball ist. Da wünsche ich mir eine größere Ausgewogenheit. Auf der anderen Seite müssen spannendere Wettkampfformen geschaffen werden, um das Interesse der Zuschauer zu steigern.

Bayerisch oder Berlinerisch? - Toll, wenn Menschen Dialekt sprechen

Wäre es nicht auch eine gute Maßnahme, die Paralympics in Deutschland auszutragen, um den Behindertensport mehr in den Fokus zu rücken?
Ja, klar. Ich habe 2011 sehr dafür gekämpft, dass die Olympischen und Paralympischen Spiele nach München, Garmisch-Partenkirchen und an den Königssee kommen. Wir haben die Abstimmung nicht gewonnen, nun sind die Spiele eben in Pyeongchang. Natürlich wünsche ich mir, dass sich Deutschland in den nächsten Jahren wieder bewirbt.

Das klingt alles sehr visionär, zielstrebig. Und dennoch kokettierten Sie kürzlich in einem anderen Interview mit einer neuen Aufgabe. Haben Sie keine Lust mehr?
Ich kandidiere im Mai als Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. (Der Sozialverband VdK ist unter anderem eine sozialpolitische Lobby für Rentner und Menschen mit Behinderungen; Anm. d. Red.). Ich freue mich auf die neue Aufgabe, wenn ich im Mai gewählt werde. Das Amt als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen war in den letzten Jahren eine großartige Herausforderung, die ich sehr gern angenommen habe.

Bei Ihnen geht ja sehr vieles über das Gehör: Bayerischer oder Berliner Dialekt - welcher gefällt Ihnen besser?
(lacht) Ach, das ist so unterschiedlich. Ich finde es toll, wenn Menschen einen Dialekt sprechen und damit etwas über ihre Herkunft verraten.

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. null