AZ-Interview über Orienthelfer Christian Springer: So hilft er den Menschen in Syrien

Christian Springer und Monika Gruber im Einsatz für die Menschen in Syrien. Foto: privat

Am 22. Januar beginnt in Genf die Syrien- Friedenskonferenz, doch Millionen Flüchtlingen muss jetzt geholfen werden – der Münchner Kabarettist Christian Springer kämpft mit seinen Orienthelfern gegen die Not.

 

München - Der Münchner Kabarettist Christian Springer studierte Philologie des christlichen Orients und bayrische Literaturgeschichte. Am 31. Dezeber feiert er seinen 49. Geburtstag, am Tag zuvor wird Springer im türkisch-syrischen Grenzgebiet zwei Krankenwägen, zwei LKWs und – auch dank Uli Hoeneß – sieben Feuerwehrfahrzeuge an die zivile Stadtverwaltung von Aleppo, Homs und Hamah übergeben. Mit seinem Verein „Orienthelfer“ versucht Springer, die Not zu lindern. Der syrische Bürgerkrieg hat mittlerweile weit über 120.000 zivile Opfer gefordert. Jeden Monat kommen rund 250 Kinder ums Leben, hauptsächlich durch Bombardierungen. „Aber jedes 5. Kind unter den Opfern ist gezielt durch einen Scharfschützen erschossen worden“, sagt Springer. „Es ist fast jeder zweite Syrer auf der Flucht, fast zehn Millionen Menschen. Zwei Drittel davon sind noch in Syrien, diesen Menschen kann ganz schlecht geholfen werden.“

AZ: Herr Springer, wie häufig sind Sie als Orienthelfer im Krisengebiet?

CHRISTIAN SPRINGER: Grundsätzlich bin ich einmal im Monat vor Ort, meist im syrischen Grenzgebiet, wo es nicht gefährlich ist für mich und meine Mitarbeiter. Auch ich habe große Angst vor dem Krieg und möchte jeden wieder heil nach Hause bringen. In erster Linie sind wir aber im Libanon, weil da das größte Flüchtlingsproblem herrscht.

Warum sind die meisten syrischen Flüchtlinge im Libanon?

Auch gestern Nacht sind wieder hunderte über die Grenze. Der Libanon grenzt an das syrische Gebiet, das sehr umkämpft ist. Homs ist nur 18 Kilometer entfernt, aber über 200 Kilometer von der Türkei. Umgerechnet hat der kleine Libanon schon so viele Flüchtlinge aufgenommen, als wenn morgen in Deutschland 20 Millionen Flüchtlinge wären. Das ist nicht mehr vorstellbar – auch nicht mehr organisierbar. Es verhungern täglich Menschen.

Und im Libanon sinkt die Toleranz?

Es gibt beide Seiten. In Beirut an der Universität kenne ich beispielsweise junge Gruppen, die seit zwei Jahren ihre gesamte Freizeit in die Flüchtlingsarbeit investieren. Das ist Wahnsinn, wie aufopfernd die sind. Auf der anderen Seite ist vor wenigen Wochen ein syrisches Camp von Einheimischen abgebrannt worden, und ein libanesischer Bürgermeister hat eine „Syrerfreie Zone“ ausgerufen. Dieser kleine Libanon hat die Hauptlast des Kriegs zu tragen.

Wie stark hilft Deutschland?

International gesehen ist Deutschland ein großer Helfer mit über 200 Millionen Euro aus öffentlichen Geldern und zwölf Millionen Euro aus privaten Spenden in zwei Jahren für die syrischen Flüchtlinge. Umgerechnet sind das aber pro Flüchtling nur 75 Cent – im Monat. Das sind zwei Flaschen Wasser. Wir müssen viel mehr tun. Die deutschen Spender dürfen sich auch nicht von der Situation, die uns verworren erscheinen mag, abhalten lassen. Es gibt Gruppen wie die Orienthelfer, die garantieren, dass die Spende ankommt.

Was haben Sie anderen Organisationen voraus?

Ich bin sehr gut vernetzt, weil ich ja seit meiner Studienzeit Mitte der 80er jedes Jahr in Syrien war. Ich kenne mich dort und im Libanon so gut aus, als würde ich durch Oberbayern fahren, und habe dort viele Freunde und Kontaktstellen. Deswegen ist uns auch kein Hilfsmaterial verloren gegangen.

Was ist momentan vor Ort für Sie das Wichtigste?

Ein großes Problem ist momentan die Versorgung von Kleinkindern mit Milchprodukten. Wir fahren jetzt wieder drei Tonnen Milchpulver mit Lastern in die Flüchtlingslager. Das dauert von München aus ungefähr 9 Tage. Und dann steht man in Syrien und es kommt ein Mann vorbei und sagt: „Warum macht ihr euch die Mühe, ihr könnt es doch billiger von mir haben.“ Das sind Situationen, wo ich fast einen Herzinfarkt bekomme, weil ich weiß, das dieses Milchpulver, das er uns verschachern will, einfach geklaut ist von anderen Hilfsorganisationen. Im Krieg haben die einen die Not im Blick, die anderen Dollarzeichen.

Aber bei Ihnen wird nichts entwendet?

Das Allerwichtigste ist, dass ich meine Hilfstransporte bewachen lasse von uns bekanntem, vertrauensvollem Personal. Das gilt nicht nur für das Milchpulver. Wir haben inzwischen auch 50000 Kuscheltiere aus Deutschland nach Syrien gebracht. Ein Kuscheltier ist dort mehr als ein Spielzeug, das ist eine pädagogische Hilfsmaßnahme für traumatisierte Kinder, die gar nichts mehr haben.

Wie ist die Situation für die über eine Million Kinder, die in Flüchtlingslagern leben?

Weil die Väter häufig tot sind, vermisst, gefangen oder kämpfen, gibt es Achtjährige, die nun die Familie ernähren müssen, die Verantwortung übernehmen müssen und um Nahrung betteln. Sie müssen bedenken: Wenn man sich bei der Vereinten Nationen anmelden will, muss man wochenlang warten, um überhaupt den Anspruch auf Hilfe zu bekommen. Die Vereinten Nationen können nur noch etwa 25 Prozent der Flüchtlinge erreichen und versorgen, der Rest bekommt nichts. Es ist jede Hilfsorganisation dieser Erde vor Ort, aber es reicht hinten und vorne nicht. Wir können über tausend Kinder verlässlich und kontinuierlich mit Milchprodukten versorgen – mehr aber auch nicht.

Und trotzdem sind die Spenden rückläufig.

Der Konflikt dauert auch schon drei Jahre, und einem Drama über einen so langen Zeitraum schenken die Medien und damit die Menschen auch nicht mehr regelmäßig Aufmerksamkeit. Obwohl es die größte Katastrophe humanitärer Art seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Umgekehrt wird die Hilfe immer weniger, das Wegschauen nimmt zu.

Haben Sie eine Hoffnung auf politische Besserung?

2014 wird der Krieg beendet sein.

Warum sind Sie sich so sicher?

Es gibt ganz große Bestrebungen von allen Seiten, dass man den Krieg sehr bald beenden wird. Es gibt ein Schattenkabinett der Opposition, und der Iran, eigentlich ein Verbündeter von Assad, hat schon einen Ersatzpräsidenten in der Tasche. Die Zeichen stehen auf große Veränderung.

Und Präsident Assad wird das Land verlassen müssen?

Wahrscheinlich, wenn er es überlebt.

Damit endet Ihre Arbeit aber nicht.

Wenn Assad morgen weg wäre, hätte das keinen Einfluss auf die Notwendigkeit meiner Arbeit für die nahe Zukunft. Syrien braucht einen Wiederaufbau wie Deutschland nach 1945. Es braucht einen sozialen Wohnungsbau, die Leute haben kein Geld, keine Arbeit, es gibt unendlich viele verstümmelte Kriegsopfer. Es wird zwei Generationen dauern, bis Syrien wieder auf den Stand kommt, auf dem es vor dem Konflikt war. Und wir dürfen als westliche Organisationen jetzt nicht daher gehen und unser Hauptaugenmerk auf Autobahnbau und Ölraffinerien richten. Man muss jetzt für die Menschen was tun. Sie brauchen Essen, Wohnraum, Arbeit.

Der Frieden ist allerdings noch Zukunftsmusik.

Das Hauptproblem momentan sind für uns die Islamisten, die übrigens zerstritten sind, das ist keine einheitliche Gruppe. Aber wenn ich im Sommer von der türkischen Grenze noch 50 Kilometer fahren musste, um Aleppo zu erreichen, müsste ich heute einen Umweg von 300 Kilometern machen, um nicht den Islamisten in die Hände zu fallen. Wir bräuchten unbedingt einen von den Vereinten Nationen militärisch geschützten Korridor für Hilfskonvois. Viele trauen sich sonst nicht mehr rein.

Ihre Kollegin Monika Gruber hat sich immerhin mit Ihnen ins Flüchtlingslager getraut.

Wir sind seit Jahren befreundet, und die Monika ist sehr sozial engagiert, ohne das an die große Glocke zu hängen. Genau solche Leute brauchen die Flüchtlinge, Leute, die nicht ihr Ego pflegen wollen, sondern Menschen helfen wollen.

Wie verkraften Sie persönlich den harten Kontrast zwischen syrischem Flüchtlingslager und Münchner Lustspielhaus?

Ich arbeite bereits an einem neuen Kabarett-Programm, das im März startet. Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit eines zweiten Lebens. Denn wenn man sein Leben ausschließlich damit gestaltet, anderen zu helfen, dann verliert man sich wahrscheinlich auch selbst.

Orienthelfer: So können Sie spenden

Christian Springer und sein Freiwilligenteam fahren seit Dezember 2011 regelmäßig in den Libanon sowie nach Jordanien und Syrien, um syrischen Flüchtlingen zu helfen. Das Ziel: schnell, effektiv und professionell vor Ort Hilfe zu leisten. Dafür wurde der gemeinnützige Verein Orienthelfer e.V. gegründet.
Spendenkonto Postbank (Giro) Empfänger: Orienthelfer
Kontonummer: 46572805
Bankleitzahl: 70010080

 

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