AZ-Interview Sherry Hormann über "Nur eine Frau"

Regisseurin Sherry Hormann bei der Premiere ihres Films "Nur eine Frau" im Kino International. Foto: Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa

Sherry Hormanns neuester Film handelt vom Schicksal von Aynur Sürücü, die einem "Ehrenmord" zum Opfer fiel. Die AZ hatte sie im Interview.

 

Sherry Hormann, in New York geboren und in Deutschland aufgewachsen, scheut kein hartes Thema, redet Klartext. Nach "Wüstenblume" über Geschlechtsverstümmelung greift sie jetzt in "Nur eine Frau" den "Ehrenmord" an Hatun Aynur Sürücü in Berlin auf. Schockierend: Alles, was man im Film sieht, ist in den Gerichtsakten verbrieft, nicht erfunden. Gedreht wurde unter dem Radar mit einer türkischen Security an Originalschauplätzen. Hier geht es zur AZ-Filmkritik zu "Nur eine Frau".

AZ: Frau Hormann, fassen Sie gerne heiße Eisen an?
Sherry Hormann: Nein, darum geht es nicht. Aber für mich ist es eine Verpflichtung, diese Geschichte aus Berlin zu erzählen, wo ich seit vielen Jahren lebe. Ich kann und darf da nicht wegschauen. Ehrenmord ist übrigens ein furchtbares Wort. Da geht es nicht um Ehre, sondern um Mord, eiskalten Mord.

Hatun Aynur Sürücü ist und war kein Einzelfall

Nach dem Tod von Hatun Aynur Sürücü 2005 gab es einen großen Aufschrei. Hat sich seitdem irgendetwas getan?
Es hat sich leider gar nichts getan. Es wird eher schlimmer. Und es passiert immer noch. Nicht nur in Berlin. Hatun Aynur Sürücü ist und war kein Einzelfall. Inzwischen haben wir uns an den Begriff der Parallelgesellschaft fast gewöhnt. Der Anteil der muslimischen Bürger in unserer Gesellschaft ist gestiegen, sie werden immer mehr ins Abseits gedrängt. Und lassen sich ins Abseits drängen, gehen ins Abseits, weil wir zu wenig in den Dialog treten und weil viele Emigranten dann auf Identitätssuche an fundamentalistischen Werten festhalten. Unser Film erzählt aber auch von der anderen, der liberalen muslimischen Seite – wie der Mutter, die ihr Kind aus den Fängen des Fundamentalisten holt, wie Aynurs Bruder, der Jura studiert oder ihre moderne Freundin.

Stand es von Anfang an fest, aus dem Blickwinkel von Aynur zu erzählen?
Ich musste mir eine eigene Filmsprache suchen, wollte keinen Gerichts- oder Faktenfilm drehen. Deshalb war dieser Ansatz sehr früh klar. Wir sprechen viel zu wenig von den Ermordeten, sondern immer von den Tätern und wie es dazu kam. Aber nie sind die Stimme des Opfers und seine Perspektive zu hören. Ein Menschenleben wurde ausgelöscht. Wir wollen erfahren, was war das für ein Mensch?

Extreme ziehen die Aufmerksamkeit auf sich

Haben Sie keine Angst zwischen verschiedenen Fronten zerrieben zu werden? Da die liberalen Moslems, auf der anderen Seite religiösen und frauenfeindlichen Eiferer und Deutsche, die in den neuen Bürgern vorrangig das Positive sehen wollen.
Wir wussten von Anfang an, dass wir zwischen diese Fronten geraten könnten. Davon darf ich mich aber nicht einschüchtern lassen, muss den Film drehen, von dessen gesellschaftlicher Relevanz ich überzeugt bin. Gerade weil die populistischen Stimmen immer lauter werden, gerade weil der Shitstorm en vogue ist und jeder seine Meinung herausbläst. Es ist leider so, dass erst einmal Extreme die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Sie sind ganz schön mutig. Es könnte Beifall von der falschen Seite kommen.
Wenn ich mich keinem Diskurs stelle, lebe ich doch keine demokratischen Werte. Demokratie heißt Auseinandersetzung, dazu gehört auch Anecken. Für mich hat jeder Mensch das Recht auf das Streben nach Glück. Das Recht auf Leben. Wer in dieses Land kommt, trifft auf unsere Werte. Und es gibt Werte, die es zu verteidigen gilt – und dazu gehört, dass Frauen über ihr eigenes Schicksal selbst bestimmen dürfen. Das heißt offensichtlich nicht, dass ich AfD-Anhängerin bin, im Gegenteil. Ich habe eher Angst vor dem Schweigen oder missverstanden zu werden von Menschen, die ich schätze. Aus dem eigenen Lager angegriffen zu werden, ist das Schlimmste.

Gab es schon Reaktionen?
In Kommentaren auf den Trailer hieß es: "Wieso erlaubst du dir als Deutsche, was über unsere Community zu erzählen?" Da kann ich nur sagen, ich kann auch einen Film über einen Mann oder den Holocaust realisieren, muss nicht alles selbst erleben. Wir haben ja einen Film über eine junge Frau gemacht, die leben wollte, ihr eine Stimme gegeben. Sie ist eine Kriegerin, eine Jeanne d‘Arc der Berliner Hinterhöfe. Allein eine Frau im Blaumann, die eine Elektrolehre macht, ist doch für jeden AfD-Politiker wahrscheinlich ein rotes Tuch. Da braucht es kein Kopftuch.

Staat wird seiner Verantwortung nicht gerecht

Die Kronzeugin lebt mit ihrer Mutter im Zeugenschutzprogramm, der Mörder nach Verbüßung seiner Strafe in Deutschland in der Türkei, wo seine zwei älteren Brüder mangels Beweisen freigesprochen wurden. Da packt mich Wut.
Die Kronzeugin und ihre Mutter leben immer noch in der Anonymität, müssen auf eigenen Füßen stehen, eine neue Identität aufbauen. Die Mutter mit ihrem florierenden Reinigungsbetrieb hat alles aufgegeben. In den ersten Monaten mussten die beiden Pfandflaschen aus den Mülltonnen holen, um sich ernähren zu können. Das darf alles nicht sein. Der Staat wird seiner Verantwortung hier nicht gerecht.

Das heißt also: Besser wegducken, nicht aufmucken. Blicken Sie optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?
Die Mauer der Autokraten und der Despoten, die sich immer mehr um uns schließt, ängstigt mich, wie auch die Stille in der Politik. Wir hören nur noch Worthülsen. Das System klemmt buchstäblich fest. In New York leben Menschen neben- und miteinander. Das ist ja möglich. Interessant, dass unser Film in Amerika Weltpremiere feierte und nicht in Deutschland.

Was erhoffen Sie sich?
Dass der Zuschauer aus dem Kino kommt und sagt: "Wir sind ein Wir!" Dass die Jüngeren sagen: "Wow, was für eine tolle und mutige Kriegerin, die ihr Ding durchzieht und trotzdem eine tiefe Liebe für ihre Familie empfindet." Dass man mit einer Wut rausgeht und sich fragt: "Wie kann der Bruder, den diese junge Frau großgezogen hat und liebt, ihr die Waffe ins Gesicht halten und abdrücken?" Das ist unvorstellbar, aber es ist passiert. Mitten in Berlin.


Kinos: ABC, City-Atelier (auch als Kinderwagenkino), Monopol
Regie: Sherry Hormann (D, 90 Min.)

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