AZ-Interview Roland Schulz: "Sterben und Tod sind völlig selbstverständlich"

Was passiert, wenn es zu Ende geht? Dieser Frage widmet sich Roland Schulz in seinem Buch. (Symbolbild) Foto: Angelika Warmuth, dpa

Autor Roland Schulz wollte wissen, was eigentlich vor dem Tod passiert – und hat darüber ein Buch geschrieben.

 

Was passiert, bevor man stirbt? Und was, wenn man gestorben ist? Diesen und anderen Fragen geht der Autor Roland Schulz in seinem Buch "So sterben wir" nach. Die AZ hat mit ihm über sein Buch gesprochen und warum es ihm geholfen hat, sich mit dem Tod zu beschäftigen.

Roland Schulz, geboren 1976 in München, arbeitet für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Seine Reportagen wurden mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Theodor-Wolff-Preis und dem Deutschen Reporterpreis.

AZ: Was war Anlass, das Buch zu schreiben?
Roland Schulz: Als der Bundestag 2014 über Sterbehilfe diskutierte, hatte ich den Eindruck: Alle reden vom Sterben – aber was ist denn eigentlich genau, Sterben? Also habe ich mich auf die Suche gemacht.

Sie haben sich sehr lange mit Tod und Sterben für Ihr Buch beschäftigt. Ist das am Ende eher befreiend oder bedrückend?
Ich habe das Gefühl gewonnen, dass es ein Stück weit befreit – so weit das bei Sterben und Tod überhaupt möglich ist. Denn: Je länger ich mich damit beschäftigte, umso klarer ist mir geworden, wie normal, natürlich, vollkommen selbstverständlich Sterben und Tod sind: Milliarden von Menschen sind schon gestorben, und eines Tages werde auch ich sterben. Mir hat das so ein eigenartiges Gefühl von Ruhe gegeben.

Was haben Sie übers Sterben im Zuge ihrer Recherchen gelernt?
Ich dachte anfangs, ich könnte Sterben so verstehen lernen wie eine Maschine oder eine Sprache. Ich habe schnell gelernt: Das ist unmöglich. Dafür ist Sterben zu komplex, zu dynamisch, zu individuell. Und manches werden wir nie verstehen, weil im Sterben eine Grenze wissenschaftlicher Erkenntnis erreicht wird.

Wie hat sich durch Ihr Buch Ihr Blick aufs Leben verändert? Sie schreiben ja selbst, dass Sterbende auch immer wieder von Reue gepackt werden, Dinge im Leben nicht gemacht zu haben.
Ich hatte schon den Eindruck, dass das Leben im Angesicht des Todes etwas mehr, sagen wir: leuchtet. Aber im Alltag verliert sich dieses Gefühl auch wieder, und ich ertappe mich inzwischen wie früher dabei, mich über Kleinigkeiten zu ärgern, wie einen verpassten Zug – dabei ist das vollkommen egal. Ich versuche aber immer noch, Dinge leichter zu nehmen und in schönen Momenten innezuhalten.

Es heißt ja immer, unserer Gesellschaft fällt es schwer, sich mit dem Tod zu beschäftigen. Haben Sie den Eindruck, da verändert sich etwas zu einem bewussteren Umgang – oder wird es noch mehr verdrängt als vor 30 oder 40 Jahren?
Ich habe den Eindruck, dass da gerade eine Menge in Bewegung kommt: Mehr und mehr Menschen beginnen, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen, mit grundlegenden Fragen: Brauche ich eine Patientenverfügung? Wie will ich eigentlich bestattet werden? Vielleicht wird das in Zukunft noch zunehmen, schließlich nähert sich nach und nach die Generation der Babyboomer dem Alter, in dem der Tod statistisch nicht mehr fern ist.

Was für Menschen begegnen Ihnen bei Ihren Lesungen?
Sehr unterschiedliche. Viele haben Erfahrungen mit Sterben und Tod gemacht, weil sie einen Angehörigen verloren haben. Aber viele wollen auch nur mal hören, Sterben und Tod, was passiert denn da ungefähr?


Das Buch "So sterben wir – Unser Ende und was wir darüber wissen sollten" von Roland Schulz ist bei Piper erschienen und kostet 20 Euro.

 

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