AZ-Interview Robert Harting: "Mit mir sollte man rechnen"

"Mit ‘Tschüss’ und ‘Danke’. Und hoffentlich einer Medaille" will sich Robert Harting bei der EM im August in Berlin von der Leichtathletik-Bühne verabschieden. Foto: imago

Diskus-Olympiasieger Robert Harting beendet 2018 seine Karriere. Exklusiv in der AZ spricht er über Weihnachten, die Sportrente und Doping.

Robert Harting (33) gewann 2012 Diskus-Gold bei den Olympischen Spielen und wurde dreimal Weltmeister. Im kommenden Sommer beendet er seine Karriere.

AZ: Herr Harting, wie muss man sich Weihnachten bei Ihnen, dem "Hulk Hogan der Leichtathletik", vorstellen? Ganz besinnlich? Oder werden die Geschenkpapiere wie Trikots zerrissen?
ROBERT HARTING: (grinst) Das könnte man meinen. Die eine oder andere Schleife oder das ein oder andere übermotiviert verpackte Geschenk kann einfach nicht immer sorgsam geöffnet werden. Und gefeiert wird so gut es geht immer dort, wo sich alle zu Gesicht bekommen.

Und Silvester? Lassen Sie es richtig krachen?
Ich feiere eher in Qualität statt in Quantität, also gemütlich im engeren Kreis.

Sie wollen nächstes Jahr als Profisportler mit 33 in Rente gehen. Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken? Und wie muss man sich den Sportrentner Harting vorstellen?
Ich habe viel Lust und Energie und ich bin vom Arbeitsalltag her unverbraucht. Olympische Sportler sind ja alles Amateure, wenn auch nur vom Status her. Und auch als Sportrentner werden mich weiterhin Fragen interessieren, die die Gesellschaft positiv voranbringen.

Was kann das Gefühl, vom Publikum in einem großen Stadion euphorisch gefeiert zu werden, ersetzen?
Vieles. Das Gefühl ist ja nur eine temporäre Form der Realität, wenn auch eine sehr schöne.

Wie stark sehen Sie sich zur Leichtathletik-Europameisterschaft im August 2018 im Olympiastadion Berlin?
Zur EM werde ich nochmal alles geben. Wir werden dann sehen, für was es reicht. Es hängt natürlich ganz vom Trainingsverlauf und der körperlichen Fitness ab. Die jungen Wilden sind extrem stark und zählen zu den Favoriten. Aber mit mir sollte man rechnen. Ich werde eins meiner mental besten Jahre haben.

Wie werden Sie sich in Ihrem "Wohnzimmer" von Ihren Fans verabschieden?
Mit "Tschüss" und "Danke". Und hoffentlich einer Medaille.

Ihr schönster und schlimmster Karriere-Moment?
Der schönste: Olympiasieger zu sein. Der schlimmste: mein unverschuldeter Kreuzbandriss.

2011 OP an der Patellasehne, 2014 Kreuzbandriss und 2016 Hexenschuss kurz vor Olympia. Wie geht man gerade als Bär von einem Mann damit um, wenn einen der Körper im Stich lässt und man zum Zuschauen verdammt ist?
Ich habe meinen Körper eventuell vorher selbst im Stich gelassen. Aber ganz ehrlich, Leistungssport findet im Bereich des biologisch nicht Notwendigen statt. Es gibt auch Bagatellschäden in der Spitzenpolitik, nur fällt die Situation im Sport mehr ins Auge, weil es teilweise offensichtlich ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich im Wartezimmer eines Orthopäden unter den Patienten wenig Leistungssportler befinden. Man lernt einfach, den Körper zu verstehen und weiß, wann man ihn fordern oder überfordern kann. Restrukturierungen sind eingeplant. Dennoch gehen wir sicherlich an absolute Belastungsgrenzen.

"Ich kann an der Muskulatur Betrüger im Sport erkennen"

Was oder wer hilft Ihnen dabei, mental stark zu bleiben?
Ich bin diszipliniert genug, meinen eigenen Beitrag zu leisten. Bedrohungen behandle ich mit Herausforderung, und die wiederum wird körperlich und geistig angegangen.

Wie viele Trikots haben Sie insgesamt zerrissen?
Bezogen auf meine Medaillen: Bei allen Goldmedaillen interkontinentaler Meisterschaften und einmal bei meiner ersten Silbermedaille.

Wie sehen Sie Ihre Heimatstadt Cottbus heute?
Die AfD hat auch da viele Wähler.

Verstehen Sie das oder haben Sie Angst vor der Entwicklung in Deutschland?
Für mich ist nichts selbstverständlich und nichts ist von Dauer, weder das Gute noch das Schlechte. Ich bin mit 15 aus der Stadt gegangen und es gab viele Momente, die sich eingespeichert haben. Es gab aber auch viele Momente in Berlin, die mich geprägt und meine Identität in dieser neuen Umgebung gestaltet haben.

Russland darf bei den Olympischen Spielen im Februar 2018 in Südkorea nicht antreten. Was sagen Sie zu der Entscheidung des IOC?
Das Thema langweilt mich. Betrug wird in aller Welt versucht zu bekämpfen. Der Sport, wohlgemerkt die einzige Welt mit Ehrlichkeitskodex, sollte sich nicht davor verstecken, Werte und Meinungen wiederzugeben. Und Entscheidungen sind nun mal notwendig, um Bewegung zu erzeugen. In dem Fall sind es dann diese wie die des IOC.

Was würden Sie einem Doper ins Gesicht sagen, wenn er vor Ihnen stehen würde?
Ich selbst kontrolliere keine Athleten, erfahre das auch erst später. Aber ich kann an Muskulatur und Bewegung Betrüger im Sport erkennen und halte mich davon fern.

Sie sind dafür berühmt-berüchtigt, dass Sie sagen, was Sie denken, ob nun über Doping, Sportförderung, Sponsoren oder Medien. Schon mal was bereut?
In der Genauigkeit meiner Aussagen schon. Den Inhalt noch nie.

Sie und Ihr Bruder Christoph sind das erste Geschwisterpaar, das bei Olympischen Sommerspielen unmittelbar nacheinander denselben Einzelwettbewerb gewinnen konnte. Wie haben Sie Christophs Sieg erlebt, während Sie sich einen der skurrilsten Hexenschüsse zugezogen hatten?
Manchmal sind Sachen schwer zu erklären. Der Hexenschuss ist eine davon.

Sie sind inzwischen seit knapp einem Jahr verheiratet. Wer hat damals den ersten Schritt beziehungsweise Wurf gemacht?
Es war ein klassischer Antrag, wie er sein sollte: Der Mann fragt die Frau.

Würden Sie Ihre Frau als Ihren Seelenpartner beschreiben? Und wie muss man sein, um Robert Harting zu faszinieren?
Wir sind uns idealistisch sehr ähnlich und in vielen Sachen wieder total unterschiedlich. Generell ist es nie eintönig, das finde ich sehr entscheidend.

"Für mich ist Kunst ein Hobby, bei dem ich mich ausleben kann"

Wer braucht länger im Bad, ist eitler?
(lacht) Das hängt ganz von den feinmotorischen Ressourcen ab. Mal geht es fix und der Style passt, und manchmal wird verzweifelt.

Haben Sie sehr unter dem Haarverlust gelitten, da Sie ihn mit einer Transplantation bekämpft haben?
Meine Frisuren waren sehr begrenzt. Ich mag Grenzen aber nicht so sehr. Nach der ganzen Prozedur kann ich aber verstehen, warum Menschen solche persönlichkeitsverformenden Makel ändern, insofern die Möglichkeiten dazu vorhanden sind. Jeder muss und kann für sich selbst entscheiden, was er braucht, um sich wohlzufühlen. Ich fühle mich seitdem jedenfalls einfach fröhlicher, besser und wohler.

In Ihrer Freizeit probieren Sie sich an abstrakter Malerei. Was reizt Sie daran und wo wird man "einen echten Harting" vielleicht mal hängen sehen?
Das mit der abstrakten Kunst stimmt so nicht, es ist Kunst und Gestaltung im Allgemeinen. Farbe ist ja nur ein Medium. Für mich ist Kunst ein Hobby, bei dem ich mich ausleben kann. Insofern will ich die Welt mit meinen künstlerischen Ergüssen nicht beeinflussen. Mal sehen, ob es dazu aber doch mal kommen wird. Kein Zustand ist von Dauer.

Was bedeutet für Sie Kunst? Sie gilt als Spiegelbild der Seele - was sagen Ihre Bilder über Ihre Seele aus?
Es ist eher der Drang zur Gestaltung. Momentan in Form von Fotografie, Druck und ersten Streetart-Konzepten. Leider fehlt mir die Zeit.

Sie wirken nach außen immer so stark. Wie verletzlich ist Ihre Seele wirklich?
Ich bin ganz normal stark und normal verletzlich.

Lesen Sie hier: Tennis-Profi Julia Görges im AZ-Innterview

Die AZ-App für Android und iOS

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null