AZ-Interview Politiker im Netz: Wahlkampf im World Wide Web

Nutzt die Möglichkeiten des World Wide Web: Kanzlerin Angela Merkel. Foto: dpa

Soziale Netzwerke werden auch für Politiker immer wichtiger, sagt Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger im Interview mit der AZ. Besonders kleine und extreme Parteien machten sich das Netz zunutze.

 

München - Nein, "Neuland", wie Kanzlerin Angela Merkel 2013 sagte, ist das Internet für die deutschen Politiker nicht mehr. Inzwischen besitzt fast jeder einen Account bei Twitter oder Facebook. Doch was bedeutet das für den Wahlkampf und die politische Meinungsbildung der Internet-Nutzer? Die AZ hat darüber mit Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaften an der LMU, gesprochen.

AZ: Herr Neuberger, wie wichtig ist mittlerweile der Wahlkampf im Internet?
Christoph Neuberger: Wahlkampf in sozialen Netzwerken ist inzwischen sehr wichtig geworden, siehe die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Mittlerweile tummeln sich fast alle Spitzenpolitiker auf Twitter und Facebook. Allerdings fehlt noch der Nachweis, dass man damit auch Wahlen gewinnen kann.

Merkel, Schulz oder Lindner haben inzwischen eine große "Fangemeinde" in den sozialen Netzwerken. Wie setzt sich diese zusammen?
Das sind meistens Anhänger des entsprechenden Politikers beziehungsweise der entsprechenden Partei.

Neue Wähler werden im Netz also kaum gewonnen?
So ist es. Man spricht in der Regel nur die Gleichgesinnten an, kann Menschen mit anderen politischen Ansichten aber nur schwer für sich gewinnen.

Man verstärkt also mit Hilfe sozialer Netzwerke nur die Bindung zur bereits bestehenden Anhängerschaft?
Davon ist auszugehen.

Stichwort: "Fake News": Auf Facebook und Twitter kursieren immer wieder Falschmeldungen. Wie sehr beeinflussen diese inzwischen die politische Meinungsbildung?
Da ist eine wichtige und spannende Frage. Allerdings gibt es da aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf Studien, die tendenziell Entwarnung geben. So haben "Fake News" verglichen mit anderen Kommunikationsmittel eine vergleichsweise geringe Reichweite.

"Insbesondere extreme Parteien nutzen die sozialen Netzwerke"

Was bedeutet das?
"Fake News" kursieren meistens nur in dem entsprechenden politischen Milieu, auf das sie abzielen.

Also machen Falschbehauptungen über Flüchtlinge in der rechtspopulistischen Szene eher die Runde als in anderen politischen Lagern?
Ja, das kann man so sagen. Wenn das eigene Weltbild bestätigt wird, werden solche Falschmeldungen eher weitergegeben. Und das verstärkt dann auch die Haltung, die ohnehin schon vorhanden ist. Ich glaube nicht, dass "Fake News" eine so große Überzeugungskraft haben, die Einstellung von Menschen zu ändern.

"Wir haben eine sehr viel weniger polarisierte politische Landschaft"

Apropos Rechtspopulismus: In den Kommentarspalten auf Facebook und Twitter hat man oft den Eindruck, dass rechtspopulistische Ansichten überwiegen. Ist das wirklich so?
Ja, es gibt Analysen, die zeigen, dass die AfD da sehr stark vertreten ist. Es zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, dass insbesondere kleine und extreme Parteien die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke nutzen. Die sagen sich: "Wir kommen in die Mainstream-Medien nicht rein, also müssen wir über soziale Netzwerke mobilisieren".

US-amerikanische Verhältnisse haben wir in Deutschland aber noch nicht, oder?
Nein, wir haben eine sehr viel weniger polarisierte politische Landschaft. Wir haben zwar extreme Gruppen wie die AfD, die sich im Netz häufig zu Wort melden. Aber diese ganz starke Polarisierung, bei der sich die konkurrierenden Lager alles mögliche zutrauen und dabei alle möglichen Mittel einsetzen, wie etwa "Fake News", haben wir in Deutschland glücklicherweise noch nicht.

Sicherheitschefs sorgen sich um Cyber-Bedrohung

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sieht eine große Gefahr von Einflussversuchen aus dem Ausland im Bundestagswahlkampf – insbesondere aus Russland. Im US-Wahlkampf habe es solche Versuche offenbar gegeben, sagt Maaßen. Ob das auch in Deutschland passiere, werde sich zeigen. Die Entscheidung darüber werde im Kreml getroffen, meint er. Russland wird seit längerem Einflussnahme auf Wahlkämpfe im Ausland vorgeworfen. Kremlchef Wladimir Putin hatte diese Vorwürfe bislang vehement zurückgewiesen. Die Chefs des Bundeskriminalamts (BKA) und des Bundesnachrichtendienstes (BND), Holger Münch und Bruno Kahl, warnen ebenfalls vor wachsenden Gefahren im Cyberraum, etwa durch Spionage und Sabotage wie "Fake News".


Quelle: Medienkonvergenzmonitor der Medienanstalten

Lesen Sie auch: VdK Bayern zieht Bilanz - Schlechte Noten für Pflegereform

 

6 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading