AZ-Interview Olaf Thon fordert Löw-Abgang nach WM

Olaf Thon glaubt, dass Bundestrainer Joachim Löw nach der WM in jedem Fall aufhört. Und erklärt, wie man sich als Aussortierter fühlt.

AZ: Herr Thon, vor dem Länderspiel gegen Kamerun haben Sie mit der Aussage überrascht, es sei in Sachen Bundestrainer Joachim Löw „ein Tapetenwechsel nach diesen langen Jahren zu spüren“. Wie meinen Sie das?

OLAF THON: Nach acht Jahren als Cheftrainer und zwei Jahren als Assistent von Jürgen Klinsmann wäre es nach dieser WM mal an der Zeit für einen anderen Bundestrainer. Ich habe Hochachtung vor der Leistung von Löw, sie wurde bisher leider noch nicht mit einem Titel gekrönt. Das ist mein Bauchgefühl. Egal wie die WM ausgeht, Joachim Löw war ein super Bundestrainer, aber vielleicht ist die Zeit für einen Neuen gekommen.

Würde Löw als Weltmeister trotz Vertrag bis zur EM 2016 in Frankreich aufhören?

Ich würde mich freuen, wenn er als Weltmeister weitermacht. Bei einem Ausscheiden in der Vorrunde – und da sind wir uns doch alle einig – wird der Bundestrainer nicht mehr Joachim Löw heißen. Vielleicht liege ich falsch, vielleicht habe ich aber auch ein gutes Näschen.

Löw hat Marcel Schmelzer, Shkodran Mustafi und Kevin Volland aus seinem endgültigen WM-Aufgebot gestrichen. Nun ist mit Miroslav Klose nur einen Stürmer in Brasilien dabei.

Der Bundestrainer wird sich etwas dabei gedacht haben. Es spricht viel dafür, dass wir bei der WM ein Team ohne zentralen, klassischen Stürmer sehen werden – ähnlich wie im Test gegen Kamerun. Er hat Volland am Sonntag auch nicht gebracht. Ich denke, er hatte nicht das vollste Vertrauen zu ihm.

Mit Götze, Özil, Müller, Reus und Draxler hat Löw nun viele ähnliche Spielertypen im Kader. Bedauern Sie das? Hätte ein weiterer Stoßstürmer nicht noch Sinn gemacht?

Max Kruse hätte dabei sein können, vielleicht müssen. Aber er ist wohl aus disziplinarischen Gründen nicht dabei. Oder Pierre-Michel Lasogga, So einen Typen haben wir nicht dabei – wenn Löw schon nicht Stefan Kießling möchte, er ist mein Lieblingsspieler. Das System mit der flachen Neun ist auch plausibel, das muss man akzeptieren, aber in meinen Augen hätte einer wie Lasogga gut getan.

Aber wen soll Löw nun als Joker ins Sturmzentrum schicken, wenn es brennt, das Team in Rückstand ist?

Dann werden große Abwehrspieler zu Stoßstürmern, zu Brechertypen umfunktioniert: also Mertesacker, Hummels, Boateng. Das wurde oft erprobt, ging aber selten gut.

Aktuell plagen Löw Sorgen um die Rückkehr von Torhüter Neuer sowie der Kapitäne Lahm und Schweinsteiger.

Die Achse ist Neuer-Lahm-Schweinsteiger-Khedira-Klose. Das Auftakt-Spiel gegen Portugal wird richtungweisend. Ich hoffe, es gibt eine Initialzündung wie bei unserem 4:1 bei der WM 1990 in Italien gegen Jugoslawien. Das war die Grundlage zum Titel. Dieses Korsett muss funktionieren, dann können wir Weltmeister werden.

Haben Sie eigentlich Mitleid mit den Aussortierten? Für Sie war es auch mal knapp.

Ja, vor der WM 1986 in Mexiko. Ich war der Jüngste mit 20 Jahren, aber sehr gut drauf. Damals hat Teamchef Franz Beckenbauer vier Spieler noch bis zum Schluss mittrainieren lassen. Nach der letzten Einheit im Trainingslager in Malente hieß es: So, Jungs, wer nun eine Sporttasche auf seinem Zimmer findet, der ist bei der WM dabei.

Und wie hoch war Ihr Puls?

Sehr hoch, aber ich war mir relativ sicher, dabei zu sein. Noch höher dann vor Freude, als ich die Tasche sah.

Was war drin?

Trainingsklamotten, Sportwäsche, alles für die Reise. Sozusagen als erste Anzahlung. Aber später hat der Franz ja zugegeben, dass er so etwas nie wieder machen würde.

 

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