AZ-Interview "Nachhaltiges Lernen funktioniert nur ohne Druck"

Claudia Langer (62): Sie leitet Bayerns innovativste weiterführende Schule, das Gymnasium in Oettingen. Foto: John Schneider

Von wegen Schulstress: Im Albrecht-Ernst- Gymnasium lernen Kinder ganz anders – im Rahmen der Schulordnung

 

AZ: Lernen ohne Druck klingt gut. Aber: geht das?
CLAUDIA LANGER: Es ist so, dass sogar nur ohne Druck nachhaltiges Lernen möglich ist. Wir wissen außerdem, dass jedes Gehirn unterschiedlich arbeitet und man also nicht erwarten kann, dass 30 Kinder einen Stoff auf dieselbe Art in derselben Zeit erfassen. Darauf haben wir uns als Schule eingestellt. Wir eröffnen jetzt unseren Schülern verschiedene Wege, sich selbst Inhalte zu erarbeiten. Zum Teil über Arbeitsblätter, dann über Projekte, auch über herkömmlichen Unterricht. Erst wenn man mit den Inhalten umgeht, sie vernetzt, lernt man sie nachhaltig.

Bei Ihnen bestimmen die Kinder, wann sie einen Test schreiben.
Nur im Bereich der mündlichen Leistungen, und nur bei einigen Kollegen. Es ist einfach eine Frage der Fairness den Kindern gegenüber.

Manche Ihrer Kollegen korrigieren nicht mehr mit Rotstift.
Man sollte meiner Meinung nach von der Schlachtfeld-Optik wegkommen. Es ist auch nicht vorgeschrieben, mit Rot zu korrigieren.

Es klingt so, als ob die Veränderungen an Ihrer Schule immer weitergingen?
Es ist ein ständiger Entwicklungsprozess, seit sieben, acht Jahren. Ich unterrichte Latein und überarbeite gerade zum sechsten Mal meine Unterrichtsmaterialien. Schule anders zu gestalten, bedeutet viel Arbeit für die Lehrer. Viele Kollegen bereiten längst ihr nächstes Schuljahr vor.

Noten, hat man das Gefühl, sind bei Ihnen nicht alles. Aber Zeugnisse gibt’s ja doch.
Bei uns bekommen die Schüler des Halbjahreszeugnisses zeitversetzt zwei ,Zwischenberichte’, mit ausführlichen Bemerkungen aller Lehrer. Zum Jahresende gibt es dann ein zweiseitiges Zeugnis – auf Seite zwei stehen nochmal sämtliche Zensuren, die erzielt wurden. Damit wird die Benotung für Eltern und Schüler sehr transparent.

Wie ist der Entwicklungsprozess bei Ihnen überhaupt in Gang gekommen?
Vieles lief nicht so, wie wir uns das gewünscht hätten. Aber wir wussten, wie man nachhaltig lernt. Also haben wir ganz vorsichtig in einer fünften Klasse angefangen, mehr Gruppenarbeit einzuführen und die Kinder wieder an Vierertischen sitzen zu lassen, wie in der Grundschule.

Heute ist Ihr Gymnasium das innovativste in Bayern.
Wir haben Schritt für Schritt weitergemacht und mussten viel lernen unterwegs. Zum Beispiel, dass es, je freier der Unterricht wird, umso wichtiger ist, sich abzusprechen, Rücksicht zu nehmen, Regeln zu haben.

Wie tragen Ihre Lehrer die Umstrukturierungen mit?
Wir haben anfangs mit den Kollegen gearbeitet, die dem Ganzen offen und mutig gegenüberstanden. Weiterhin geben wir viele interne Fortbildungen. Und de Lehrer, die mitmachen, werden immer mehr.

 

Wie kann, muss die Schule von morgen eigentlich aussehen? Was wissen wir heute über das Lernen – und was heißt das für den Unterricht? Solche und viele andere Fragen kommen zur Sprache bei einer AZ-Podiumsdiskussion zum Thema „Schule im Aufbruch“. Mit Kultusminister Ludwig Spaenle, Stadtschulrat Rainer Schweppe, mit Claudia Langer, einer äußerst engagierten Schulleiterin, Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrerverband und zwei Schülern. Termin: 8. Juli, 17 Uhr, Mensa des Maria-Theresia-Gymnasiums, Regerplatz 1, Eingang Drächslstraße. Die Moderation übernimmt AZ-Chefredakteur Arno Makowsky.

 

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