AZ-Interview mit Löwen-Coach 1860-Trainer Köllner: "Mein Fokus: Dass jeder Spieler besser wird"

Michael Köllner führte die Löwen vor der Corona-Krise wieder in obere Tabellenregionen der Dritten Liga. Foto: sampics/Stefan Matzke

Löwen-Trainer Michael Köllner versucht, sein Team – so gut es geht – auf Tag X vorzubereiten. In der AZ spricht er über lange Arbeitstage, brave Profis und erklärt, warum die Pause nicht zu lange werden darf.

 

AZ: Herr Köllner, wir haben gehört, Sie sind nun endgültig in München angekommen. Wie lief der Umzug?
Michael Köllner:
Der Umzug von Nürnberg nach München ging am Donnerstag über die Bühne. Da ich bei 1860 von früh morgens bis spät abends eingespannt bin, war ich meiner Frau keine große Hilfe. Sie hat dankenswerterweise alles organisiert, so dass schon das meiste fertig war, als ich vom Training heimkam.

Wie schaut Ihr beruflicher Tagesablauf bei den Löwen aus?
Sehr, sehr umfangreich. Mein Tag beginnt um 8 Uhr und endet in der Regel zwischen 20 und 21 Uhr. Zweimal pro Woche absolvieren wir vormittags ein gemeinsames Workout, nach wie vor per Videokonferenz. Darüber hinaus haben wir unter der Woche jeden Nachmittag Training – nacheinander in mehreren kleinen Gruppen. Da ich bei jeder Gruppe als Trainer mit auf dem Platz stehe, ist das sehr umfassend. In Summe sind das etwa mehr als vier Stunden auf dem Platz, dazu Trainingsvor- und -nachbereitung. Das kostet schon viel Zeit. Aber ich trainiere meine Spieler unheimlich gerne.

"Uns gelingt es trotz der Corona-Krise, an vielen Dingen zu arbeiten"

Wie läuft das Training in Kleingruppen?
Das Training ist sehr kräftezehrend, weil die Arbeit in einer kleinen Gruppe automatisch eine sehr hohe Intensität mit sich bringt. Uns gelingt es trotz der Einschränkungen, an vielen Dingen zu arbeiten. Wir sind sehr aktiv im Bereich Kondition und Fitness. Außerdem liegt ein Fokus auf der Verbesserung des einzelnen Spielers in den Bereichen Technik und Taktik. Genauso arbeiten wir daran, die Qualität der gesamten Mannschaft zu verbessern. Wir können nun an Details arbeiten – das freut mich sehr. Dafür würde uns im regulären Trainingsbetrieb die Zeit fehlen. Somit machen wir das Beste aus dieser Zeit und die Spieler honorieren das mit sehr viel Motivation und Leidenschaft. Für sie ist der Arbeitstag nicht so lang, da die Einheiten am Nachmittag 75 Minuten umfassen.

Wie halten Sie die Spieler so ganz ohne Elf gegen Elf bei Laune?
Hin und wieder hängen wir in der Kabine die Auswertungen der athletischen Daten jeder Gruppe aus. Das ergänze ich mit einer kurzen Zusammenfassung, in der steht, welcher Spieler am Vortag herausragend war. Das wechselt jedoch immer wieder. Einen Trainingsweltmeister kann ich nicht benennen, aber ich bin sehr, sehr zufrieden, dass alle Spieler in meiner Mannschaft mit der Situation wirklich gut zurechtkommen. Sie arbeiten hart daran, in einer Top-Verfassung zu sein und diese sogar noch auszubauen. Und was immer ein wenig zu kurz in der Berichterstattung kommt: Bis dato gab es meines Wissens noch keine Infektionen durch den Trainingsbetrieb in Kleingruppen. Das zeigt, wie verantwortungsvoll und diszipliniert die Vereine und vor allem unsere Spieler sind.

Wie meistern die Menschen hierzulande die Corona-Krise generell?
Ich habe den Eindruck, dass die Menschen mit der besonderen Situation zu großen Teilen gut und verantwortungsbewusst umgehen. Ich nehme wahr, dass es für viele Menschen durchaus nicht einfach ist, auf Teile ihrer Persönlichkeitsrechte zu verzichten. Dennoch hat die Bevölkerung ein Bewusstsein dafür, dass es wichtig ist, dies zu tun und Einschränkungen in bestimmten Bereichen hinzunehmen. Natürlich wird man, wie so oft im Leben, erst im Nachhinein sehen, welche Maßnahmen sich als richtig erwiesen haben.

Vorbereitung auf Tag X: "Wir müssen im Training Gas geben"

Wie wäre unter den gegebenen Bedingungen – Sechzigs Aufholjagd und die Coronakrise – ein Aufstieg zu bewerten?
In erster Linie sind wir einmal froh, in eine Situation gekommen zu sein, in der wir in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen sind. Das war sicherlich im November nicht im Ansatz zu erwarten. Für uns steht im Vordergrund, uns im Hier und Jetzt zu bewegen und im Training Gas zu geben, um auf Tag X vorbereitet zu sein. Wenn dieser da ist, muss man erst einmal wieder reinkommen, um erfolgreichen Fußball zu spielen.

Sollte es mit einem baldigen Neustart nicht klappen: Wie lange würde eine noch längere Zwangspause aus trainingswissenschaftlicher Sicht Sinn ergeben, ab welchem Zeitraum müsste man die Spieler in den Urlaub schicken?
Das ist eine schwierige Frage, die ja nicht nur mit Trainingswissenschaft, sondern auch mit Arbeitsrecht und Verträgen zu tun hat. Ein Urlaub würde ja schon allein deswegen keinen großen Sinn machen, weil man nirgendwo hinfahren kann. Wir sind froh, dass wir unserem Beruf nachgehen können, wenn auch nur eingeschränkt. Mein Fokus liegt aktuell darauf, dass jeder Spieler besser wird, und ich glaube, dadurch sehen auch die Spieler in einer gewissen Art und Weise den Sinn des Trainings. Aber natürlich lebt der Profifußball vom Hinarbeiten auf Ziele – also Spiele oder Saisons – und wenn das über Wochen und Monate nicht gewährleistet wird, ist es aus psychologischer Sicht schwierig.

Kabarettist Michael Altinger hat im AZ-Interview erklärt, dass Sie Ihren Job auch dann noch behalten dürfen, wenn Sie 1860 in die Champions League geführt haben. Ein feiner Zug, oder?
Das AZ-Interview habe ich mit großer Freude gelesen. Auch, dass Michael Altinger im Oktober so viele Auftritte haben wird, dass es für ihn eng wird, unsere Heimspiele zu besuchen. An dieser Stelle kann ich ihm schon einmal versprechen, dass er den Trainingsplan von uns bekommen wird und wir uns freuen, wenn er uns unter der Woche mal besucht. Das wird bestimmt richtig lustig. (lacht) Das Szenario mit der Champions League ist ein guter Humor, aber wir müssen den Alltag 3. Liga annehmen. Und wir setzen alles daran, dass wir mittelfristig in die 2. Bundesliga aufsteigen können.

Lesen Sie hier: Sechzigs Sport-Boss bedankt sich bei Bayern und co.

3 Kommentare