AZ-Interview mit Löwen-Boss TSV 1860: Günther Gorenzel wehrt sich - "Lassen uns nicht die Schuld zuschieben"

Gemeinsam für den TSV 1860: Trainer Daniel Bierofka (li.) und Sportchef Günther Gorenzel. Foto: imago/MIS

Günther Gorenzel, Sport-Geschäftsführer des TSV 1860, wehrt sich im AZ-Interview gegen die Vorwürfe an ihn und Löwen-Trainer Daniel Bierofka: "Der Etat reicht nicht aus, um laufende Verträge einzuhalten."

 

München - Aus Giesing ist die Frage zu vernehmen, wer denn nun beim TSV 1860 falsch geplant habe, sodass Verträge aufgelöst und/oder Spieler verkauft werden müssen.

Im Interview mit der AZ steht Löwen-Sportchef Günther Gorenzel Rede und Antwort - und weist die Schuld von sich und Trainer Daniel Bierofka.

AZ: Herr Gorenzel, der TSV 1860 verabschiedet sich nach der ersten Drittliga-Saison mit 47 Punkten und Platz zwölf in die Sommerpause. Während die Spieler urlauben, müssen Sie aufgrund des deutlich verkleinerten Etats für die Spielzeit 2019/20 noch den ein oder anderen Löwen verkaufen.
GÜNTHER GORENZEL: Aus aktuellem Anlass möchte ich zuerst ein paar Fakten klarstellen: Der Sportlichen Leitung Daniel Bierofka und Günther Gorenzel die wirtschaftliche Verantwortung in die Schuhe zu schieben, entbehrt jeder rechtlichen und inhaltlichen Grundlage.

Löwen-Sportchef Gorenzel: Kein übergroßer Kader

Was meinen Sie konkret?
Fakt ist, dass kein Trainer und kein Sportlicher Leiter im deutschen Fußball in wirtschaftlicher Sicht im Detail Einblick in die Zahlen hat. Nicht nur bei Sechzig – so läuft das auch bei anderen Klubs. Somit waren Daniel und ich in der Entscheidungsfindung bei Transfers immer abhängig von dritten Personen. Diese Leute haben uns erklärt, dass die wirtschaftliche Situation stabil wäre. Unter dieser Annahme haben wir sportliche Entscheidungen getroffen.

Sie sprechen von den Planungen im vergangenen Sommer, als Sechzig nach einer Finanzspritze von Investor Hasan Ismaik in Höhe von zwei Millionen Euro mit einem Etat von 4,5 Millionen an den Start gegangen war.
Genau. Im Sommer 2018 war ich Sportchef. Damals wurden Bestandsverträge mit Neuzugängen über zwei Jahre geschlossen. Seit Februar 2019 habe ich als Geschäftsführer Einblick in die Zahlen. Ich habe mich mit den Wirtschaftsprüfern ausgetauscht, die zu diesem Zeitpunkt im Haus waren und ihren Prüfbericht als Basis für die Einreichung der Lizenz 2019/20 genommen. Nun hat sich herausgestellt, dass unsere Spieler mit dem aktuellen Etat nicht finanziert werden können. Drei Millionen Budget – das ist nicht ursächlich das Hauptproblem, es kommt wie die drei eingeplanten, langzeitverletzten Spieler (Quirin Moll, Stefan Lex, Semi Belkahia, d. Red.) erschwerend hinzu. Auch nicht der angeblich übergroße Kader – wir hatten 24 Spieler und drei Torhüter. Zwar werden weitere Spieler im Profikader geführt, die aber noch in die U21 gehören. Das Hauptproblem ist: Im Sommer 2018 sind Verträge unter anderen Annahmen abgeschlossen worden.

TSV 1860: "Gezwungen, Spieler zu verkaufen"

Was Sie nun zu schmerzhaften Einschnitten zwingt.
Aufgrund dessen bin ich gezwungen – in meiner sportlichen wie wirtschaftlichen Verantwortung –, Spieler zu verkaufen. In den kommenden Tagen werden Entscheidungen fallen. Ich werde alles in die Waagschale werfen, um stabil und nachhaltig zu planen. Wobei ich mich aber frage: Wenn die Lage damals doch nicht so stabil gewesen wäre, warum wurden Zweijahresverträge abgeschlossen – mit Grimaldi sogar ein Dreijahresvertrag? Wenn meine Darstellung nicht der Wahrheit entsprechen sollte, warum wurden diese Verträge geschlossen?

Drängt sich die Frage auf: Auf welcher Basis wurde geplant?
Das kann ich nicht beantworten, da ich zu diesem Zeitpunkt nicht Geschäftsführer war.

Der alleinige Geschäftsführer hieß damals Michael Scharold.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will niemandem einen Vorwurf machen. Michael Scharold hat auch jetzt die Gesamtverantwortung Wirtschaft und Finanzen. Ich bin als Geschäftsführer Sport für die Einhaltung der Etats im Sportbudget verantwortlich. Aber: Der Personaletat, der mir für 2019/20 zugewiesen wurde, reicht nicht aus, um laufende Verträge einzuhalten. Der Trainer und ich stehen an der Front und müssen liefern. Aber dafür lassen wir uns nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Wir werden in ein Licht gerückt, das nicht der Faktenlage entspricht.

Günther Gorenzel: "Ich mache keine Vereinspolitik"

Präsident Robert Reisinger verordnete Scharold mitten in dieser Zweijahresplanung im Winter per Weisung, keine Darlehen und Genuss-Scheine von Ismaik anzunehmen und hat den Kurs der Vereinsführung jüngst verteidigt.
Auch zu dem Vorwurf, auf einer Seite zu stehen, möchte ich ein klares Statement abgeben: Ich mache keine Vereinspolitik. Ich will einzig und allein den Profifußball bei 1860 weiterentwickeln, sportliche Entscheidungen treffen. Ich bin seit 20 Jahren im Geschäft, mir ging es immer nur um die Entwicklung des Fußballs.

Stichwort Perspektive: Bierofka hat kürzlich erklärt, sich bezüglich eines Abschieds von 1860 "Gedanken" zu machen.
Ich kann den Trainer verstehen, dass er sich intensiv Gedanken über seine Zukunft macht.

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