AZ-Interview mit Karsten Wettberg Wettberg über 1860-Trainerwechsel: "Ich bin schockiert"

1860-Legende Karsten Wettberg trauert um den Abschied von Daniel Bierofka. Foto: imago/Zink

Karsten Wettberg erklärt im AZ-Interview, warum Michael Köllner der richtige Mann für die Löwen ist. Das Bierofka-Aus hält der 78-Jährige dennoch für den "größten Fehler der letzten Jahrzehnte".

 

AZ: Herr Wettberg, haben Sie den Wunsch des neuen Löwen-Trainers Michael Köllner erhört – und sich Ihr Geburtstagsbierchen schmecken lassen?
Karsten Wettberg:
Nein, ich bin kein Biertrinker. Ich trinke kaum Alkohol, höchstens mal ein Glas Sekt oder Wein. Aber ich hatte einen schönen Tag, die Familie war da und wir haben ein bisschen gefeiert. Ich habe mich auch sehr über seine Glückwünsche gefreut.

Wettberg über Köllner: "Richtig netter Kerl"

Sie waren schon einmal gemeinsam für einen guten Zweck unterwegs.
Genau, beim FC Sternstunden bin ich Ehrenspielführer. Er hat mich bei einem Spiel mal als Trainer über den Platz gejagt – obwohl er an die 30 Jahre jünger ist. (lacht)

Was können Sie uns über Köllner sagen?
Er ist ein richtig netter Kerl. Ich habe ihn schon als Verbandstrainer und natürlich als Aufstiegstrainer in Nürnberg wahrgenommen, aber ich habe ihn früher nicht enger gekannt. Ich bin gespannt, wie er sich bei Sechzig schlägt. Es ist ja keine leichte Aufgabe, die er da übernommen hat – gerade in diesen traurigen Tagen.

Sie meinen den Rückzug von Daniel Bierofka?
Daniel ist zweifellos eine Vereinsikone. Ich bin immer noch schockiert, dass man ihn zur Aufgabe gezwungen hat. Jeder Trainer macht Fehler, Daniel ist noch ein junger Trainer. Man muss ja nicht der Meinung sein, dass er alles richtig macht. Aber was da unternommen wurde, um ihn loszuwerden, das ist für mich wirklich der größte Fehler der letzten Jahrzehnte.

Rauswurf von Bierofka: "Das ist nicht mehr Sechzig"

Seit der Vertragsauflösung hat sich Bierofka nicht geäußert. Sie kennen ihn und seine Familie seit Jahren. Können Sie uns sagen, wie es ihm geht?
Daniel ist total fertig. Die ganze Familie ist total entsetzt. Sie saßen ja immer auf der Haupttribüne, um ihn und die Mannschaft zu sehen. Was sie dort über sich ergehen lassen mussten – immer wieder irgendwelche Zuschauer, die unschöne Dinge geschrien haben –, das finde ich schlimm. Das ist nicht mehr Sechzig.

Können Sie auch etwas zu der These sagen, manche Leute in und um den Verein wollten Bierofka gezielt loswerden?
Das kann ich in der Tat. Was da von manchen Leuten praktiziert wurde – da hört es bei mir auf. Ich wusste zuerst nicht, wer mir da dauernd Nachrichten und Mails schickt. Mir und anderen Experten wurde vorgeworfen, wir würden Bierofka sakrosankt machen. Ich habe irgendwann die Handynummern abgeglichen und herausgefunden, dass es ein Vorstandsmitglied der Organisation "Pro1860" war. Eine Nachricht kam schon im August. Darin hieß es, dass Bierofka als Trainer – wie schon als Spieler – limitiert sei. Am Ende der Nachricht stand so der "Hashtag" mit der Botschaft "Bierofka raus" – und jetzt haben sie es tatsächlich geschafft. So etwas ist für mich einfach beschämend! Es kommt für mich nicht von ungefähr, dass bei Sechzig keine Ehemaligen eingebunden sind.

"Für Köllner ist noch alles möglich"

Sie meinen: Damit niemand die aktuellen Machtverhältnisse aufbrechen kann?
Genau so ist es. Rainer Berg, Icke Häßler, Bernhard Winkler, Benny Lauth, jetzt Bierofka – sie gehen mit Löwen-Legenden um, wie man es nicht tun darf. Ich spreche ja auch viel mit ehemaligen Trainern und Spielern, auch mit der Meistermannschaft: Bringen Sie mir einen, der sagt, er würde nicht gerne auf die große Bühne zurückkehren. Aber im Verein fehlt jeglicher Fußballsachverstand. Wie man sieht, ist das gar nicht gewollt.

Zurück zu Köllner: Der neue 1860-Dompteur hat betont, Sechzig müsse – sportlich wie vereinspolitisch – an einem Strang ziehen. Angesichts der Zustände und auch Ihrer Schilderungen nur ein frommer Wunsch?
Man wird sehen. In sportlicher Sicht war die Handschrift von Bierofka zuletzt in Halle zu erkennen, wie auch Interimstrainer Oliver Beer gesagt hat. Die Mannschaft ist intakt, es kommen bald einige Verletzte zurück wie Nico Karger oder Quirin Moll. Theoretisch ist bei fünf Punkten vor einem Abstiegsplatz und acht Punkten nach oben für Köllner noch alles möglich. Ich wünsche ihm hier jedenfalls viel Glück und alles Gute. Aber dass es für ihn wegen der zwei Lager bei Sechzig nicht auch schwierig werden könnte – das braucht mir keiner erzählen.

Lesen Sie hier: Der Alles-Köllner - Sechzigs neuer Coach von A bis Z

 

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