AZ-Interview mit Graphic-Novel-Macher "Einige harte Erlebnisse": Ex-Taxler Frank Schmolke zeichnet den Wiesn-Alltag

Der 52-jährige Illustrator Frank Schmolke aus München ist Mitbegründer der Magazine "Tentakel" und "Comicaze" und veröffentlicht seit 1994 Comics Foto: privat

Die Wiesn spielt in der aufregenden Graphic Novel des Münchners Frank Schmolke eine tragende Rolle.

 

Für die einen ist die Wiesn das pure Vergnügen, für die anderen ein Albtraum. Taxler Vincent zum Beispiel sieht an manchen Oktoberfest-Tagen nur noch wankende Zombies, und wenn’s ganz dumm geht, versauen die ihm auch noch das Auto. Mit Vincent lernt man das andere, nicht so fein polierte München kennen, er ist die Hauptfigur in Frank Schmolkes neuer Graphic Novel "Nachts im Paradies". Und Schmolke weiß, wovon er erzählt. Bis vor ein paar Jahren ist der Illustrator selbst Taxi gefahren.



AZ: Herr Schmolke, Ihr Held Vincent wird von einem Fahrgast übel verdroschen. Ist Ihnen das auch passiert?
FRANK SCHMOLKE: Nicht wirklich, aber ich hatte schon auch ein Handgemenge mit einem Fahrgast, der nicht zahlen wollte. Normalerweise versuche ich, so defensiv wie möglich zu bleiben. Und wenn mir einer ganz blöd kommt, schaue ich sehr finster, dann löst sich der Konflikt meistens ganz schnell.

Wieviel Wahrheit steckt in Vincents Geschichte?
Ich fahre seit 30 Jahren Taxi, die letzten fünf Jahre nur noch sehr sporadisch. Aber über die Zeit haben sich schon einige harte Erlebnisse angesammelt. Die habe ich jetzt auf drei Nächte verdichtet, deshalb passiert Vincent nur Scheiße. Normalerweise ist das Taxifahren überwiegend okay, zumindest tagsüber. Doch ich wollte nicht die üblichen netten Taxler-Episoden erzählen. Viele meinen, München sei ein Paradies. Das stimmt aber nur, wenn Du Geld hast. Für die Normalverdiener wird’s schwieriger.

Sind Sie deshalb vor ein paar Jahren raus nach Markt Indersdorf gezogen?
Heute wäre das sicher der Grund. Meine damals schwangere Frau hat sehr für den Umzug plädiert. Und ich war dabei, mich als Illustrator selbständig zu machen. Insofern habe ich das als Chance begriffen.

Wo holen Sie sich da draußen die Ideen?
Mal sehen. In meiner Taxler-Zeit hatte ich immer ein Skizzenbuch bei mir und markante Gäste und Episoden gezeichnet. Über die Jahre haben sich sechs, sieben Bücher gefüllt. Das ist die Grundlage für "Nachts im Paradies". Kann sein, dass ich mich jetzt auch in meinen Geschichten neu verorte, Ideen gibt es durchaus.

Hat das Taxifahren Ihr Menschenbild verändert?
Oh ja, in jungen Jahren war ich ein sehr offener Mensch, das geht beim Taxifahren aber nicht gut. Man lernt die unterschiedlichsten Menschen aus sämtlichen Schichten kennen. Wenn’s schlecht läuft, kann man wirklich zum Misanthropen werden.

Ihr schlimmstes Erlebnis?
Nachts um drei in Obergiesing stieg ein Mann zögerlich ins Taxi. 500 Meter weiter wurden wir von schwarzen Autos aufgehalten. Maskierte Männer mit Maschinenpistolen haben uns aus dem Taxi gezerrt. Die Leute von diesem Sondereinsatz-Kommando merkten schnell, dass ich mit meinem Fahrgast nichts zu tun hatte. Ich wurde dann ganz nett behandelt, aber dieses Erlebnis war einschneidend, in meinen Gedanken hat sich die Geschichte dauernd weitergesponnen.

Sie können Menschen vermutlich schnell einschätzen, auch deren Alkoholpegel?
Im Taxi teilt man sich ein paar Quadratmeter, da riecht man gleich, was los ist.

Fahren Sie manchmal bewusst weiter?
Es gibt ja die Beförderungspflicht. Wenn ich aber sehe, dass eine Gruppe ziemlich alkoholisierter Männer am Straßenrand winkt, fahre ich durch. Steht man allerdings am Taxistand, und hinten wird einfach die Tür aufgerissen, hat man keine Chance abzulehnen. Aber ich hatte auch sehr schöne Begegnungen. Zum Beispiel mit drei Gästen, die ausgehen wollten. Wir haben uns so nett unterhalten, dass wir die ganze Nacht zusammen verbrachten und von einem Club zum nächsten gezogen sind. Danach hatten wir noch lange Kontakt, so etwas passiert schon auch.

Kann man vom Taxifahren leben?
Schwer. Für mich war es immer ab zwei Scheinen okay, das sind 200 Euro in der Nachtschicht von sechs bis sechs. Doch das ist nur der Umsatz, 55 Prozent davon gehen an den Taxi-Unternehmer.

Für zwölf Stunden sind das unter 100 Euro Verdienst.
Dann kommt noch Trinkgeld dazu, das ist manchmal ganz gut, in den meisten Nächten über 20 Euro. Zur Wiesn verdient man schon mal drei, vier Scheine. Wenn aber nichts los ist, geht man mit weniger als 50 Euro nach Hause. Als ich jung und alleine war, ging das, eine Familie damit zu ernähren, wäre sehr hart.

Und jetzt fahren die Leute auch noch billig mit Uber.
Für das Taxigewerbe ist das wirklich ein Desaster. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer plant die Liberalisierung des Personenbeförderungsgesetzes. Damit wird Uber klar bevorteilt und gepusht. Uber-Fahrer müssen keine Ortskundeprüfung machen, sie haben keine Beförderungspflicht, und es gibt noch viele weitere Auflagen, die für sie nicht gelten. Es geht in der Szene das Gerücht um, dass sich BMW und Mercedes gemeinsam einen eigenen Fahrdienstleister aufbauen wollen. Und dann können wir sowieso dicht machen.

Also doch besser Comics zeichnen. Wie kames Sie dazu?
Ich habe schon in der Schule viel rumgekritzelt und war durch verschiedene Allergien auch immer wieder im Krankenhaus. Mein Vater hat mir dann Comics mitgebracht, "Clever & Smart" oder "Asterix". Ich habe erst versucht, die Figuren abzuzeichnen und später begonnen, mir selbst Comics auszudenken. Als Einzelkind konnte ich mir damit meine eigenen Welten erschaffen. Aber als Beruf ist mir das natürlich nicht in den Sinn gekommen, dabei wollte ich eigentlich nichts anderes als Comics zeichnen.

Jetzt tun Sie es erfolgreich, Ihre Helden stehen dagegen eher auf der Schattenseite des Lebens.
Ich bin in einer Unterföhringer Hochhaus-Gegend aufgewachsen, wo es viele Verlierer gab. Das hat mich immer berührt und auch sehr geprägt.

In Ihrem Erstling "Trabanten" geht es um den jungen Franz Huber, der mit den besten Vorsätzen aus dem Knast entlassen wird.
Ich kannte Leute, die in Stadelheim waren und nach dem Gefängnis wie der Franz wieder in dumme Sachen geschlittert sind. Ich kann es gut nachvollziehen, wenn jemand mit dieser Welt einfach nicht zurechtkommt. Der Franz aus "Trabanten" ist ein Maler – ich habe auch eine Malerlehre gemacht und war immer todunglücklich. Durch meine damalige Freundin bin ich dann mit Kunst in Berührung gekommen.

Comics sind meistens bunt, Sie arbeiten in Schwarzweiß.
Das hat zeitliche Gründe. Kolorieren dauert einfach sehr lange. Aber ich habe auch im Taxi so gezeichnet, und "Nachts im Paradies" sollte ganz nah an diesen Aufzeichnungen sein. Dieses Rohe, Echte hat eine besondere Kraft. Farben hätten für mich hier nicht gepasst. Aber natürlich würde ich auch gerne mal etwas Großes, Aufwendiges in Farbe machen, wenn ich die Zeit hätte.

Wovon leben Sie als Zeichner in der Hauptsache?
Von Illustrationsaufträgen für Zeitungen, für Erklär-Videos, außerdem zeichne ich Storyboards für Filme. Live-Zeichnen habe ich auch schon gemacht, Graphic Recording nennt sich das, wenn ich etwa auf Kongressen Vorträge am Flipchart mitscribble. 2014 hatte ich mal sehr wenige Aufträge, da bin ich kurzfristig wieder Taxi gefahren. Seither läuft’s wieder ganz gut, und es gibt schöne Projekte. Mit dem Kabarettisten Christian Springer arbeite ich zum Beispiel an einem Kinderbuch.

Christian Springer hat als Fonsi ja auch in Buchform übers Oktoberfest gegrantelt.
Als Münchner kommt man der Wiesn einfach nicht aus.

Gehen Sie als "weggroaster" Münchner noch auf die Wiesn?
Ja, ich war letztes Jahr mit der Agentur, für die ich arbeite, auf der Wiesn, und das war sehr nett. Aber eigentlich mag ich das Oktoberfest gar nicht. Da sitzen die Erfahrungen als Taxifahrer noch in den Knochen.

Comicfestival, Do. bis So. Alte Kongresshalle, Theresienhöhe 15, Do 12 bis 19, Freitag/Samstag 10 bis 19, Sonntag 10 bis 18 Uhr
Frank Schmolke: "Nachts im Paradies" (Edition Moderne, 352 Seiten, 29,80 Euro). Während des Festivals trifft man den Zeichner am Verlagsstand. Am Do. 19 Uhr, präsentiert er sein Buch im Kösk (Schrenkstraße 8), wo die Skizzen bis So ausgestellt sind (12 bis 21 Uhr). Außerdem stellt Schmolke sein Buch beim "Sommer-Mix" am 3. Juli im Literaturhaus vor.

 

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