AZ-Interview mit Franz Josef Freisleder Was unsere Kinder krank macht

Schulstress, Leistungsdruck: Immer mehr Kinder haben psychische Probleme Foto: dpa

Die Fallzahlen in der Kinder-und Jugendpsychiatrie steigen an. Was auch an einem veränderten Problembewusstsein und Familienstrukturen liegt. Problematisch sind Depressionen und Magersucht – der Leiter der Heckscher-Klinik erklärt, warum.

 

MünchenDas Münchner Heckscher-Klinikum mit seinen sieben Zweigstellen in Oberbayern ist die größte Kinder- und Jugendpsychiatrie im deutschsprachigen Raum. Der Ärztliche Direktor, Franz Joseph Freisleder hat jetzt ein Buch über psychische Erkrankungen bei Minderjährigen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten geschrieben: „Anders als die Anderen – Was die Seele unserer Kinder krank macht“. Die AZ hat mit ihm darüber gesprochen.

AZ: Herr Professor Freisleder, ist es wahr, dass die Zahl der Jugendlichen, die psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen, jährlich um zehn bis 20 Prozent steigt?

FRANZ JOSEPH FREISLEDER: Ja. Wir betreuen heute jährlich 1000 bis 1100 Patienten stationär, früher waren es 400 bis 450. Im ambulanten Bereich ist die Patientenzahl von 1500 bis 2000 pro Jahr auf 14 000 bis 15 000 gestiegen. Epidemiologische Untersuchungen zeigen zudem, dass in den 80er-Jahren etwa jedes fünfte Kind bis zu seinem 18. Lebensjahr einmal psychiatrische Abklärung oder Hilfe gebraucht hat oder hätte, jedes 20. längerfristig.

2007 war laut KiGGS-Studie zur Untersuchung der Kindergesundheit in Deutschland bei 20 bis 22 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis zum Erwachsenenalter einmal psychiatrischer oder psychotherapeutischer Hilfebedarf gegeben ist – bei jedem zehnten längerfristig.

Woran liegt das?

Man muss mit diesen Zahlen vorsichtig umgehen. Es wäre falsch, aus ihnen zu schließen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche psychisch krank sind. Häufig besteht einfach Abklärungsbedarf, weil es in Familie oder Schule ein Problem gibt. Diese Probleme gab es früher auch – aber das Bewusstsein dafür und die Achtsamkeit der Eltern sind gestiegen, genau wie ihr Interesse zu intervenieren.

Das ist eigentlich etwas Erfreuliches. Auch wir Psychiater sind heute besser aufgestellt, haben mehr Know How und mehr Behandlungsmethoden. Und wir wissen: Je eher man die Probleme erkenn und behandelt, desto größer ist die Chance, dass man die Entwicklung positiv beeinflusst. Vielleicht sind auch deshalb mehr Kinder und Jugendliche in Behandlung. Allerdings gibt es tatsächlich bestimmte Störungsgruppen, die statistisch zunehmen.

Welche sind das?

Bis zu 2,5 Prozent der Kinder und bis zu 8 Prozent der 14- bis 18-Jährigen sind irgendwann in ihrer Entwicklung einmal depressiv. Das waren früher weniger. Eventuell hängt das damit zusammen, dass man früher meinte, Kinder könnten gar nicht depressiv werden. In der Zwischenzeit weiß man aber, dass schon Vier-, Fünf- oder Sechsjährige depressiv werden können, ihre Depression aber ein anderes Ausdrucksbild hat als die eines Erwachsenen.

Ein depressives Kind wirkt nicht versteinert, antriebsgemindert und kommt morgens nicht aus dem Bett. Kinder klagen über körperliche Beschwerden, sind weinerlich, ziehen sich zurück, wirken schlecht gelaunt. Früher hielt man das vielleicht für eine Marotte, heute interpretiert man solche entwicklungspsychopathologischen Besonderheiten, wenn sie länger dauern und entsprechend stark ausgeprägt, anders.

Welche Störungen nehmen noch zu?

Kinder und Jugendliche verpacken ihre Depressionen deutlich häufiger in suizidales Verhalten. Hier am Standort München kommen rund um die Uhr Notfälle aus ganz Oberbayern an und bei jedem zweiten, der aufgenommen wird, spielt das Phänomen Suizidalität mit rein. Das heißt nicht, dass derjenige akut selbstmordgefährdet ist, sondern dass er sein Leben in Frage stellt. Sie schreiben, Mädchen versuchen drei Mal häufiger, sich das Leben zu nehmen. Buben sind drei Mal häufiger erfolgreich.

Warum ist das so?

Frauen sind anfälliger für Depressionen und zeigen diese auch eher. Männer tendieren eher dazu, sie zu verbergen. Mädchen neigen eher dazu, sich suizidalen Gedanken hinzugeben und dann auch mal eine Aktion zu unternehmen, die aber – statistisch gesehen –, oft nicht tödlich ausgeht. Sie greifen eher zum Tablettendöschen.

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Aber zum Glück sind viele Medikamente und im Handel befindliche Psychopharmaka auch in höherer Dosierung genommen, nicht tödlich. Was nicht heißen soll, dass manche Versuche trotzdem schrecklich schiefgehen. Denn im Prinzip kann ein Laie nie beurteilen, wie gefährlich die Wirkung oder die Kombination mehrerer Tabletten wirklich ist.

Männliche Jugendliche neigen bei der Wahl der Mittel leider zu gründlicheren Methoden: der Waffe des Vaters, einem Sprung aus großer Höhe oder dem Strick um den Hals. Suizid ist bei Kindern und Jugendlichen zwar immer noch die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Aber in jüngerer Zeit gehen die Zahlen leicht nach unten – übrigens auch bei Erwachsenen. Das sind schon Hinweise dafür, dass das psychiatrische Versorgungssystem nicht das schlechteste ist.

Welche Rolle spielen Süchte in der Jugendpsychiatrie?

In der alten Heckscher-Klinik in Schwabing hatten wir bis Anfang der 2000er Jahre eine Akutstation mit zehn regulären Plätzen. Als Schwabing zu eng wurde, sind wir hierher in die Deisenhofener Straße umgezogen und haben gleich zwei Akutstationen eingerichtet, eine davon mit dem Schwerpunkt „süchtiges Verhalten“, denn das nimmt ebenfalls zu: Alkohol- und Drogenmissbrauch, genau wie nichtstoffgebundene Süchte, also der pathologische Konsum von neuen Medien oder Computerspielen.

Die beiden Akutstationen haben nicht ausgereicht, oder?

Nein. Denn wir sehen auch mehr Sozialverhaltensstörungen. Stichwort: U-Bahnschläger, also aggressives Verhalten, in Verbindung mit anderen psychischen Auffälligkeiten. Das heißt für uns: plötzliche Anrufe von Eltern, Polizei, Heim oder Jugendamt, dass etwas passiert ist. Etwa 80 Prozent aller Jugendliche, die wir aufnehmen, kommen heute als Notfälle an, früher waren es maximal 30 Prozent. Weil der Andrang so groß ist, mussten wir im Oktober 2013 eine dritte Akutstation eröffnen. Insgesamt haben wir jetzt 30 Akut-Plätze zur Verfügung – und sind trotzdem immer überbelegt.

Aber woran liegt es, dass depressives oder aggressives Verhalten bei Jugendlichen heute häufiger auftritt?

Dafür gibt es ein ganzes Bündel von Ursachen: Es wird mehr erlaubt, die Eltern sind großzügiger im Umgang mit den Kindern. Beispiel Jugendalkoholismus. Dem wird heute erzieherisch weniger entgegengesetzt als früher. Es gibt durchaus Eltern, die ein Auge zudrücken, wenn auf der Geburtstagsfeier eines 15-Jährigen Alkohol getrunken wird, oder wenn Teenager allein auf der Wiesn herumziehen.

Zu den Risikofaktoren zählen auch die Veränderungen in den Familienstrukturen: Alleinerziehende sind statistisch gesehen schneller überfordert und Kinder in chronisch überforderten Situationen sind – wieder statistisch gesehen – eher gefährdet, in eine problematische Entwicklung zu münden.

Genau wie Kinder, die in langfristig schwierigen sozialen Umständen aufwachsen: beengter Wohnraum, zu wenig Geld zuhause, der Vergleich mit anderen, denen es vermeintlich besser geht, eine problematische Peergroup. Auch das sind Risikofaktoren, dasselbe gilt für einen problematischen Migrationshintergrund.

Was bedeutet das?

Wenn eine Familie in Deutschland einfach nicht Fuß fasst, wenn ein gewalttätiger Vater und sein gewalttätiger Sohn die Schwestern und die Ehefrau tyrannisieren und sie daran hindern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Was aber überhaupt nicht heißt, dass psychische Probleme auf der anderen Seite der gesellschaftliche Skala – wo Geld da ist, Überbehütung oder Wohlstandsverwahrlosung – nicht auftreten. Selbst wenn im familiären Umfeld alles stimmt, gibt es ADHS, Magersüchte oder Psychosen. Worauf ich hinaus will, ist, dass man bei psychischen Erkrankungen die erbliche Komponente nicht vergessen darf, für die ja keiner von uns etwas kann.

Davon einmal abgesehen – was können Eltern tun, um ihr Kind vor psychischen Erkrankungen zu schützen?

Es klingt fast banal, aber mein Tipp wäre: Sie sollten sich ihrem Kind zuzuwenden, Aufmerksamkeit und so viel Zeit wie möglich für es haben. Das heißt aber nicht, dass sie zu Helikopter-Eltern werden müssen, die ständig über ihren Nachwuchs wachen und sich selbst völlig zurückstellen.

Es geht vielmehr darum, das Leben so zu planen, dass es für das Kind so gut wie möglich ist: Für welche Schule ist es geeignet? Wo geht es hin, wenn die Schule aus ist? Wie kann ich Zeitpunkte finden, zu denen ich trotz meiner Verpflichtungen Zeit habe, mich ihm zu widmen und ihm die Gelegenheit gebe, auf mich zuzugehen – Zeit, in der wir spüren, dass wir zusammengehören?

Zu den Schutzfaktoren gehört auch, dass ich darauf achte, dass es in einen Freundeskreis eingebettet ist. Dass vielleicht Großeltern da sind, ein familiäres Netz. Dass ich mein Kind nicht nur in der Krippe abgebe, sondern auch einen Bezug zu den Betreuerinnen aufbaue und mal nachhöre: Was fällt denen auf?

Manche Eltern sind allerdings schon mit ihrer eigenen Lebenssituation überfordert.

Leider kommt es vor, dass sich gerade alleinlebende Elternteile zurückziehen, eventuell depressiv werden oder zur Flasche greifen. Wenn Eltern erkennen, dass sie selbst gefährdet sind, sollten sie sich Hilfe suchen – auch im Interesse der psychischen Gesundheit ihres Kindes. Aber damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich kenne Alleinerziehende, da klappt alles wunderbar. Und was wir übrigens ganz oft erleben, ist, dass sich die Verfassung von Eltern und Kind durch eine Trennung sehr schnell verbessert. Für ein Kind ist es Gift, in einer chronischen Spannungssituation zu leben. Etliche Kinder werden ruhiger, wenn die Eltern endlich Tabula rasa gemacht haben.

Welche Rolle spielen die neuen Medien im Hinblick auf psychische Erkrankungen?

80 bis 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen gehen verantwortungsvoll mit PC, Internet und Smartphone um. Wir Erwachsenen sollten uns davor hüten, diese Dinge zu verteufeln. Die Zeiten haben sich geändert und die neuen Medien sind aus der Alltagsgestaltung nicht mehr wegzudenken. Man muss aber auch sagen: Zehn bis 20 Prozent der Unter-18-Jährigen gehören zu einer Risikogruppe – und ungefähr fünf Prozent sind hochgradig gefährdet. Das Problem ist aber nicht, wenn ein Kind zwei, drei Stunden täglich am Computer sitzt – wenn es dabei happy ist und keine psychischen Auffälligkeiten zeigt, kann man sich das schon eine Zeit lang anschauen.

Wann sollten Eltern alarmiert sein?

Wenn ihr Kind bis tief in der Nacht im Internet spielt und morgens nicht aus dem Bett kommt; wenn es die Schule vermeidet und sich von Freunden zurückzieht; wenn es sich immer mehr in die Online-Welt verkriecht, den Kontakt zur Familie zurückfährt und nicht mehr isst; wenn es die zeitliche Dosis immer weiter erhöht. Wir haben gerade einen hier, der saß zum Schluss 14 Stunden am Stück vor dem PC und brach dann nachts um drei Uhr zusammen.

Warum haben die Eltern nicht einfach den Stecker gezogen?

Ausstöpseln kann tatsächlich helfen – wenn das Kind nicht schon andere Symptome hat. Aber wir erleben eben immer wieder, dass Eltern nicht einmal die Power haben, zu einfachen Maßnahmen zu greifen. Das ist auch ein Grund für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen: Dass viele Eltern nicht mehr erziehen können. Dass sie zu träge sind, etwas Positives vorzuleben, Grenzen zu setzen und dabei konsequent zu sein. Nach wie vor werden mehr Mädchen magersüchtig als Buben.

Warum eigentlich?

Bei der Magersucht wissen wir, dass es sie auch schon vor 150 Jahren gab – denken Sie an Sisi. Aber das waren Einzelfälle. Mit Twiggy und den neuen Modeidealen hat sich das verändert. Mädchen werden auch deshalb häufiger magersüchtig, weil von ihnen Idealmaße mehr erwartet werden als von Buben. Hinzukommt, dass die Umstellungen, die der weibliche Körper während der Pubertät durchmacht, heftiger, beunruhigender und manchmal auch mehr schamauslösend sind als beim männlichen Körper. Beim Mädchen sind die körperlichen Veränderungen sichtbar, beim Jungen spielt sich das alles verdeckter ab.

Das macht es für manche Mädchen schwieriger, sie anzunehmen. Aber auch hier verändert sich etwas: Früher sagte man, von 100 Magersüchtigen sind ein bis zwei männlich, heute ist jeder 15. magersüchtige Patient männlich. Gleichzeitig fallen uns aber auch mehr Mädchen mit ADHS auf, eigentlich eine eher männliche Erkrankung. Man hat den Eindruck, die ADHS-Fälle generell seien exorbitant gestiegen.

Ist das so?

Das Phänomen wurde schon im 19. Jahrhundert beschrieben. Aber lange hat man diese Kinder als unfolgsam und schlecht erzogen abgetan. Man hat ihnen unterstellt, sie würden sich absichtlich auffällig benehmen. Heute weiß man, dass es ADHS gibt. Allerdings gibt es Menschen, die von Hausaus unkonzentriert und motorisch unruhig sind. Das allein ist noch kein ADHS. Oder stellen Sie sich ein Kind vor, das tagelang zu wenig schläft. Dieses Kind wird spätestens am vierten Tag absolut gerädert, unruhig und unkonzentriert sein.

So entsteht ein Bild, das wie ADHS aussieht. Ein Umzug oder Unruhe in der Familie können ähnliche Auswirkungen haben. Was ich damit sagen will: Die Übergänge sind fließend: von Kindern, die nie unaufmerksam und hibbelig sind – es sei denn, man entzieht ihnen den Schlaf, über solche, die von der Wesensart her eher unruhig sind und sich leichter ablenken lassen, bis hin zu solchen, bei denen das massiv auftritt. Wenn dann ein gewisser Schwellenwert überschritten ist, wird das Kind als krank eingestuft.

Wann genau ist es so weit?

Das kann durchaus davon abhängen, wie belastungsfähig ein Lehrer oder wie stressresistent die Eltern sind. Ein zappeliges Kind kann in der einen Familie noch zurechtkommen – und in der anderen, wenn die Eltern überfordert sind und die Lehrerin überlastet, als ADHS-Kind eingestuft werden. Deshalb zu sagen, es gäbe kein ADHS, wäre aber falsch. Es gibt Kinder, die haben ADHS und gehören behandelt.

Mit Medikamenten?

Manchen Kindern hilft tatsächlich erst der Einsatz eines Medikaments dabei, stabiler und erfolgreicher durchs Leben und die Schullaufbahn zu kommen. Allerdings sollte zuerst überprüft werden, ob man keine anderen Maßnahmen ergreifen kann – zum Beispiel den Lebensstil verändern, eine Verhaltenstherapie oder eine Elternberatung.

Man sollte sich fragen: Ist das Kind wirklich ein Gymnasialkind oder ist es dort überfordert? Wurde vielleicht eine Teilleistungsstörung wie Lese-Rechtschreibschwäche übersehen? Wenn die Diagnose steht, muss ein Therapieplan her, bei dem man – in der Regel – zunächst die nichtmedikamentösen Therapien ausreizen sollte. Ich glaube, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie in vielen Bereichen wirklich etwas bieten kann. Wir retten viele Kinder. Und wenn man früh etwas tut, kann jedem geholfen werden - dem ADHSler, dem Schwerstdepressiven, der Magersüchtigen, dem Autisten und auch dem Suizidalen. 

 

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