AZ-Interview mit Ex-Löwe Jimmy Hartwig: "Der Sport muss gegen Rassismus aufstehen"

"Wir Fußballer sind eine Macht – die Leitwölfe, auf die man hört", sagt Jimmy Hartwig, Integrationsbotschafter des DFB. Foto: dpa

Ex-Löwe Jimmy Hartwig war der zweite schwarze Nationalspieler in Deutschland, jetzt ist er beim DFB Integrationsbotschafter. In der AZ spricht er über rassistische Beleidigungen und fordert Konsequenzen.

 

München - Der frühere 1860-Spieler Jimmy Hartwig war der zweite Schwarze (nach Erwin Kostedde), der in der deutschen Nationalmannschaft gespielt hat. Bei Bayern-Gegner FC Augsburg war er 1989 Trainer.

AZ: Herr Hartwig, das dominierende Fußballthema sind derzeit die Fan-Kurven, die mit teils krassen Aktionen für Negativschlagzeilen sorgen. Von dort haben Sie, der Sie als zweiter Farbiger in der Nationalelf gespielt haben, sich in Ihrer aktiven Zeit sicher einiges anhören müssen, oder?
Jimmy Hartwig: Ja, eins meiner schlimmsten Erlebnisse war, als meine Mutter mal mit im Stadion war. Wir haben mit dem HSV gegen Darmstadt 98 gespielt, und meine Mutter kam aus Offenbach zu Besuch. Nach dem Spiel kam sie zu mir mit Tränen in den Augen. Ich sagte "Mama, wir haben gewonnen, warum flennst du?" Sie meinte: "Hast du nicht gehört, was die Kerle über dich geschrien haben? Hol’ den Neger raus!" Das war ein prägendes Erlebnis in meinem Leben.

Sie hatten überhaupt nicht das, was man gemeinhin eine schöne Kindheit nennt.
Mein Großvater war ein Neonazi der übelsten Sorte. Bis zum 13. Lebensjahr gab es an meinem Körper keine Stelle, die er nicht blau geschlagen hatte. Jede Gelegenheit hat er genutzt, um mir eine reinzuknattern. Irgendwann bin ich aufsässig geworden, habe meinen Mund aufgemacht – aber das war auch nicht richtig. Alle meinten, ich müsse weiter kuschen und die Schnauze halten – das habe ich nicht gemacht, bin in viele Fettnäpfchen getreten. Ich bin den Leuten, die es gut mit mir meinten, auf die Füße getreten – und habe den Ratten auf die Schulter geklopft. Es lief alles verkehrt.

Üble Zeiten.
Heute bin ich Integrationsbotschafter beim DFB. Es hat sich viel geändert beim DFB. Die Leute von früher sind Gott sei Dank fast alle weg, aber bei 7,1 Millionen Mitgliedern sind natürlich auch ein paar Vollpfosten dabei.

Hartwig: "Ein Schild hochheben 'Gegen Rassismus' ist zu wenig"

Derzeit gibt es aus den Fankurven viel Hass und Hetze.
Ich hatte gedacht, dass sich dieser Hass aus den Kurven gelegt hat. Die Welt ist global, man reist überall hin, knüpft überall Freundschaften – und dann fangen diese ewiggestrigen Blödsäcke wie dieser AfD-Typ in Thüringen schon wieder an! Das ist grausam! Aber das Schlimmste ist, dass wir Deutschen diese Mentalität haben, stillschweigend alles hinzunehmen. Leute, das geht nicht! Wir haben seit 70 Jahren keinen Krieg, es geht uns gut – wollen wir jetzt zurück zu diesen Wurzeln? Ich nicht, meine Kinder und Enkel auch nicht. Da müssen wir alle aufstehen! Wir Fußballer sind eine Macht – die Leitwölfe, auf die man hört, müssten sagen: "Wir lieben dieses Land, und wir lassen uns das von euch nicht kaputtmachen!" Ein Schild hochheben "Gegen Rassismus" ist mir definitiv zu wenig.

Was ist zu tun?
Seit vier Jahren reise ich durch sämtliche Landesverbände, halte Vorträge über Integration, war in Flüchtlingsheimen, treffe die Flüchtlinge, die sich integriert haben. Es tut weh, wenn man hört, dass die beschimpft werden. In der C-Klasse müssen sich Muslime beleidigen lassen: ‘Hättet ihr mal mehr Schweinefleisch gegessen!’ Dietmar Hopp, einer der größten Sozialträger Deutschlands, wird ins Fadenkreuz genommen – damit war die Spitze erreicht. Wenn nicht drastische Strafen ausgesprochen werden, laufen wir Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt. Der Sport muss gegen Rassismus aufstehen!

Ihre Ansicht zur Kritik am DFB?
Das nehme ich persönlich! Weil die beim DFB tagtäglich eine super Arbeit machen – und die müssen sich dann von Chaoten beschimpfen lassen. Jetzt ist Schluss mit lustig!

Sie haben über die Leitwölfe gesprochen. Was erwarten Sie sich von denen?
Da muss viel mehr kommen! Ob das Thomas Müller ist, Mats Hummels oder Ex-Nationalspieler: Weltweit müssten die sich zusammentun. Und nicht bloß Plakate hochhalten! Darüber lachen sich diese Typen tot. Ich gehe gern voran, gebe den Leitwolf für die Fußballer der Welt. Beschimpfen können sie mich – ich hab’ ein dickes Fell. Ich bin mein Leben lang beschimpft worden. Wobei: Es gab auch positive Geschichten.

Her damit!
Vor einem Jahr war ich am Ammersee beim Einkaufen, als mich ein etwa 40-Jähriger anspricht, mir die Hand gibt und sagt: "Sie kennen mich nicht. Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich war einer von denen, der Sie im Stadion als Negerschwein beschimpft hat." Alter Falter! Ich sagte zu ihm: "Sie haben ja Eier!" Manche Menschen schalten mit dem Alter dann doch die Birne ein.

In BR-Reihe "Lebenslinien" gibt Hartwig Einblick in sein Leben

Applaus gab es auf so mancher Theaterbühne. Was macht Ihre Schauspielkarriere?
Läuft. Ich nehme seit Monaten Gesangsunterricht, möchte dieses Jahr noch mit Liedern von Bertolt Brecht auf die Bühne. Und ich würde gern mal im "Tatort" spielen. Da muss ich rein! Nicht peng, peng, tot, sondern mit einem gesellschaftspolitischen Thema.

Demnächst sind Sie wieder im Fernsehen: Am 23. März gibt der BR in der Reihe "Lebenslinien" einen Einblick in Ihr ja doch sehr bewegtes Leben.
Das ging sehr in die Tiefe, weil ich ganz intime Fragen zugelassen habe. Ich habe gezeigt, wie ein Mensch mit allen Höhen und Tiefen umgehen kann, wie er wieder hochkrabbelt, die Familie stabilisiert, sich von den falschen Freunden trennt und wieder an den anständigen Menschen orientiert, die mir Halt gegeben und mir auch mal ins Gesicht gesagt haben: "Mensch Jimmy, jetzt ist gut!"

Ihr bislang letzter Bühnenauftritt fand im Augsburger Stadttheater statt, korrekt?
Den "Baron" habe ich da gespielt, den DFB-Präsidenten Grindel – das hat gepasst!

"Augsburg war super": Hartwig wäre wieder für Trainerschaft bereit

Augsburg war Ihre erste Trainerstation, 1989, kurz nach Ende der aktiven Karriere.
Das können Sie mal recherchieren: Ich war der erfolgreichste Trainer in Augsburg. Ich habe bis auf ein Unentschieden alle Spiele gewonnen.

Und wurden doch gefeuert.
Keiner weiß, warum! Ausgerechnet vor dem Spiel gegen den TSV 1860. Die hätten wir weggeputzt! Hinterher hieß es von so einem Halbseidenen, er hätte ein Schreiben von der Bank bekommen: ‘Ich hätte Schulden.’ Ich sagte: "Kann sein. Ich habe Millionen verloren, aber deswegen muss man mich ja nicht entlassen." Dabei wollte er nur Dieter Schatzschneider als Spielertrainer holen. Aber Augsburg war super. Wenn ich ins Stadion komme, rufen die ehemaligen Spieler: "Trainer, geil! Mit Ihnen hat’s Spaß gemacht!" Ich bin bereit: Die sollen mich nur anrufen.

Lesen Sie hier: Neue Aktion des FC Bayern - "Rot gegen Rassismus"

 

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