AZ-Interview mit dem OB Dieter Reiter: "Die Mehrheit der Münchner will mehr Radwege"

Trotz allem zuversichtlich Richtung Wahl: Oberbürgermeister Dieter Reiter beim Gespräch in der AZ-Redaktion. Foto: Daniel von Loeper

Im ersten Teil des großen AZ-Interviews spricht SPD-OB Dieter Reiter über die Debatte um Radwege, Hochhäuser in der Stadt – und den Koalitionspartner CSU.

 

München - AZ-Interview mit Dieter Reiter. Der 61-jährige SPD-Politiker ist seit 2014 Münchens Oberbürgermeister und tritt 2020 erneut an.

AZ: Herr Reiter, die SPD sprüht nachts Parolen vor Kindertagesstätten. Wie groß ist die Verzweiflung ein paar Monate vor der Kommunalwahl?
DIETER REITER: Die Lage der Münchner SPD ist nicht verzweifelt. Und die Aufregung über diese Aktion konnte ich auch nicht so ganz verstehen. Ich hätte da selbst nicht mitgesprüht. Aber dass man, wenn man Gutes tut, auch damit wirbt, ist ja nicht unüblich in der Politik. Und übrigens gab es auch keine Aufregung in der breiten Elternschaft.

Trotzdem: Ist es nicht eine Gratwanderung für die SPD, zu sehr auf Erfolge aus der Vergangenheit zu setzen?
Natürlich erwarten die Leute von einem Oberbürgermeister zurecht auch Ideen, wie es weitergeht. Wenn eine Regierung nach sechs Jahren am Ende einer Amtszeit keine Erfolge vorzuweisen hätte, wäre es aber auch nicht gut. In den sechs Jahren ist sehr viel passiert. Zum Beispiel unsere Offensive für neue U-Bahnen und die gebührenfreien Kindergärten.

"Ein Hochhaus? Es dürfen auch mal 150 Meter sein"

Also ist die CSU der Motor. Die SPD hat ja auch vor den sechs Jahren regiert.
Die SPD ist das tragende Element dieser Stadtpolitik und das seit Jahrzehnten. Wir haben keinen Grund, in Schutt und Asche zu gehen, jedenfalls nicht in München. Wir haben diese Stadt zu dem gemacht, was sie ist.

Der politische Gegner kritisiert immer, Ihnen fehlten die Visionen. Lassen Sie uns über München 2050 reden. Wie hoch ist das höchste Haus?
Für mich ist die 100-Meter-Grenze nicht in Stein gemeißelt. Mich ärgert nur, wenn so getan wird, als könnten Hochhäuser unser Wohnungsproblem lösen. Das tun die paar bezahlbaren Wohnungen, die dort entstehen könnten, nicht. Es wäre besser, wenn wir in der Regel sieben- bis achtstöckig bauen würden. Das Problem sind aktuell einzelne Politiker, die immer vor Ort polemisieren und jeden Bau verhindern wollen.

Sie meinen die CSU?
Ja. Ich weiß nicht, wie viele Wohnungen dadurch in den letzten Jahren verhindert wurden. Das ist Irrsinn! Wir müssen davon weg, dass wir selbst bei Neubauten teils nur mit zwei Obergeschossen planen.

Und wann und wo mal ein echtes Hochhaus?
Wir würden auch ein hohes Haus genehmigen, wenn es architektonisch anspruchsvoll ist und ins Viertel passt. Es wird aber sicher nicht so sein, dass wir irgendwann eine flächendeckende Hochhaus-Skyline haben werden wie andere europäische Städte. Ich finde: Es dürften schon mal 130 oder 150 Meter sein. Wir machen gerade eine Hochhausstudie, um zu schauen, wo das passen könnte.

Reiter: 2050 keine Verbrenner mehr innerhalb des Mittleren Rings

Gibt es 2050 noch Autos innerhalb des Mittleren Rings?
Zumindest keine mit Verbrennungsmotor.

Warum geht es nicht noch schneller?
Das Problem ist, dass wir die Kapazitäten im ÖPNV ausbauen müssen. Neulich bin ich um Viertel vor elf am Harras in die U-Bahn gestiegen, kurz darauf ist die voll. Die Zeiten, in denen das nur in der Rush Hour so war, sind vorbei. Das hält mich davon ab, Autos noch restriktiver zurückzudrängen.

"Die Mehrheit der Münchner will mehr Radwege"

Wie schätzen Sie da die Stimmung in der Stadt ein? Hat sich etwa an der Fraunhoferstraße eine ideologische Minderheit durchgesetzt gegen die Interessen der Anwohner – die jetzt keine Parkplätze mehr haben?
Wir haben viele Kilometer neue Radwege geschaffen – und bei der Fraunhoferstraße gibt es eine Riesen-Diskussion um 200 Meter. Ich glaube, dass die Mehrheit der Münchner es so sieht, dass wir mehr Radlwege brauchen. Und die werden wir schaffen.

Und was sagen Sie den wütenden Nachbarn?
Auch dort wird es, wie es jetzt ist, bald einfach Normalität sein. Wir haben aber gelernt, dass wir früher erklären müssen, was wir vorhaben. Das haben wir an der Fraunhoferstraße verpasst.

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