AZ-Interview mit Altenpfleger Pflegedienst auf Fahrrädern: Anreise ganz ohne Auto

Mit dem Radl durch die Auenstraße zu den Patientinnen und Patienten: Die beiden Gesundheits- und Krankenpfleger Michael Haedecke (50) und Daria Macioch (42) sind hochmobil für Dahoam im Einsatz. Foto: Daniel von Loeper

In der AZ spricht ein Altenpfleger über seinen Alltag mit den Senioren. Und den Pflegedienst, der ganz ohne Autos auskommen kann.

 

München - Statt einer Flotte kleiner Autos, hat dieser Pflegedienst eine Flotte stabiler Fahrräder: Unterstützung bei der Körperpflege, Insulin spritzen, Blutzucker messen – die 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Pflegedienst Dahoam sind ausschließlich mit dem Radl unterwegs. Sie radeln zu ihren 45 Patienten und Patientinnen, hauptsächlich im Glockenbachviertel, im Schlachthofviertel und in der Au. Pflegedienstleitung und Altenpfleger Markus Schlosser (53) gehört zu den Allwetterradlern.

AZ: Herr Schlosser, warum setzen Sie für Ihren Pflegedienst aufs Radl?
MARKUS SCHLOSSER: Das hat natürlich ökologische Gründe. Aber auch einen ganz praktischen Grund: In unseren Anfängen vor 35 Jahren wollten viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht mit dem Auto fahren.

Aber sollten Sie nicht möglichst schnell vom Glockenbach in die Au kommen?
Mit dem Radl sind wir im Viertel einfach deutlich stressfreier unterwegs. Im Hof parken und hoch in die Wohnung. Zeit, die für die Parkplatzsuche wegfällt, kommt unseren Patienten und Patientinnen zugute. Und wir bekommen auf unserer Pflegetour – mit vielleicht zwölf Besuchen – zwischendurch auch den Kopf frei auf dem Radl.

Teil der Ausstattung: Stabiles Rad und großer Radlkorb

Bei Ihnen parken Herrenräder, Damenräder, ich sehe auch zwei E-Bikes...
Jeder Mitarbeiter kauft sich ein für ihn passendes stabiles Radl. Wie Autos müssen aber auch Fahrräder leider zur Reparatur: Reifen platt, Lenkstange gebrochen, Sattel kaputt. Das alles passiert.

Sie sind auf ihren Wegen Wind und Wetter ausgeliefert.
Wir radeln bei jeder Witterung. Manchmal müssen wir das Radl auch schieben, bei Glatteis oder auch bei viel Schnee. Aber wird haben gute wind- und wasserdichte Regenkleidung.

Typisch sind auch die großen Radlkörbe.
Der Korb dient hauptsächlich als Transportmittel für unsere Pflegerucksäcke in denen sich Notfalltasche, Blutdruckgerät und sonstigen Pflegeutensilien befinden. Aber auch die alltäglichen Einkäufe oder Inkontinenzmaterial für die Senioren und Seniorinnen werden darin transportiert.

Dahoam e. V. besteht seit über 30 Jahren 

Seit 30 Jahren sind Sie Altenpfleger. Was mögen Sie an Ihren Beruf?
Ich schätze vor allem den intensiven Kontakt zu den alten Menschen. Ich bekomme ihre Lebenserfahrung mit, verschiedene Lebensweisheiten und oft eine unglaubliche Portion Humor – trotz Krankheit, Einschränkungen und auch Leid.

Neben der Spezialisierung aufs Radl: Die zweite Besonderheit ist, dass Dahoam ein Verein ist, unter dessen Dach auch ein ehrenamtlicher Helferkreis und eine Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz organisiert ist.
Ja, wir sind gemeinnützig. Das kommt aus unserer Gründerzeit in den 80er Jahren. Damals war das Glockenbachviertel noch Glasscherbenviertel. Vor 35 Jahren fingen wir an, hilfsbedürftige Senioren und Seniorinnen zu besuchen: Eine Frau hat zum Beispiel in einem Hinterhaus gelebt, mit einem Loch im Boden. In manchen Fluren gab es noch dunkle Kohleräume. Eine alte Dame hat zusammen mit Tauben in der Wohnung gelebt, andere hatten ein Rattenproblem.

Kann Dahoam als Verein anders arbeiten, als andere ambulante Pflegedienste in München?
Nun, wir haben das Glück, dass wir zur Finanzierung Bußgelder erhalten, die bei Gerichtsverfahren gezahlt werden. Teilweise bekommen wir auch Spenden. Das erlaubt uns, den Menschen mit etwas mehr Zeit begegnen zu können. Wir können extra Besuche machen, wenn wir das für nötig halten. Der Verein erlaubt uns auch in der heutigen Zeit noch Lust auf Pflege zu haben – und nah an den alten Menschen zu sein.

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