AZ-Interview Mentaltrainer erklärt: Die Krise kann Bayern stärker machen

, aktualisiert am 26.03.2020 - 09:16 Uhr
Hat hoffentlich auch nach der Krise noch allen Grund zu jubeln: Hansi Flick. Foto: dpa

Mentaltrainer Steffen Kirchner spricht im Interview mit der AZ über die Auswirkungen der Corona-Krise für den FC Bayern und gibt Tipps: "Der Fokus muss nach innen gerichtet und Ruhe gefunden werden."

 

München - AZ-Interview mit Steffen Kirchner. Der 38-Jährige ist als Mentaltrainer, Autor und Vortragsreferent tätig.

AZ: Herr Kirchner, die Stars des FC Bayern und alle anderen Profiklubs stehen vor einer ungewissen Zeit: Sie haben keinen genauen Plan, wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird und wie lange sie ohne ihre größte Leidenschaft auskommen müssen. Was kann man aus mentaler Sicht tun, um die kommenden Wochen gut zu meistern?
STEFFEN KIRCHNER: Es ist eine schwierige Phase, zugleich aber auch eine spannende Zeit. Denn Fußballprofis haben nun die Möglichkeit, ihre mentale Stärke zu trainieren. In vielen Situationen auf dem Platz sind sie sonst ja auch Beifahrer, es gibt eine Dynamik, die sie nicht immer im Griff haben. Nun in der Pause können sie lernen, sich voll zu fokussieren und mental stärker zu werden.

Wie soll das gehen?
Der Fokus muss nach innen gerichtet und Ruhe gefunden werden. Klar ist ja auch: Wer eine solch komplizierte Phase übersteht, der wächst. Und kann später auf dem Fußballplatz größere Herausforderungen bestehen als bisher. Es gibt bestimmte Übungen, um jetzt mental durchzuhalten und zu wachsen.

Und zwar?
Die Spieler sollten zum einen auf ihre Gefühle hören, quasi einen Scan machen und selbst erforschen, wo sie sich gefühlsmäßig gerade befinden und wohin sie möchten. Zum anderen gibt es körperliche Übungen, etwa Meditation. Die körperliche Aktivierung ist wichtig, genauso die Konzentration auf das Innere. Ein Problem zu lösen, erfordert Energie. Man sollte als Spieler den Fokus auf das richten, was man beeinflussen kann. Es bringt zum Beispiel nichts, sich jetzt zu fragen, wann denn endlich wieder gespielt werden kann. Das liegt nicht in der Macht der Spieler. Sinnvoller ist die Fragestellung: Wie kann ich jetzt in dieser Phase ohne regelmäßige Wettkämpfe ein besserer Fußballer werden?

Das klingt kompliziert, irgendwann dürfte die Geduld der Spieler ja auch am Ende sein.
Es hat doch einen gewissen Reiz, wenn man mal an seine Grenzen stößt. Wenn es so richtig langweilig wird, die Ungeduld wächst, kommt man genau in den Bereich, in dem man mental gefordert wird. Ich habe kürzlich mit Thomas Huber von den "Huberbuam" gesprochen und ihn gefragt, wie er und sein Bruder es eigentlich wochenlang in den Bergen aushalten, wenn sie gerade nicht klettern können. Er meinte dann: "Wir machen einfach gar nix!" Und ja: So findet man die innere Ruhe.

Wie kann denn Trainer Hansi Flick seinen Spielern aktuell helfen?
Indem er Ruhe vorlebt und Hilfsbereitschaft signalisiert. Er sollte ihnen vermitteln, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. In dieser extremen Phase kann gleichzeitig ein besonderer Teamspirit entstehen, die Verbundenheit innerhalb der Bayern-Mannschaft dürfte jetzt größer werden. Das ist eine Chance.

"Fußballer sollten eine Dankbarkeitsübung durchführen"

Haben Sie noch einen bestimmten Tipp für die Spieler?
Ja. Sie könnten beispielsweise Menschen helfen, denen es gerade schlechter geht als Ihnen. Oder eine Dankbarkeitsübung durchführen.

Was ist das?
Einfach mal zehn Dinge aufschreiben, für die sie dankbar sind: gute Freunde etwa, die Familie, oder dafür, dass sie in einem Land leben, in dem Frieden herrscht, während in Syrien der Krieg tobt. Fußballprofis sind privilegierte Menschen, sie haben mehr Geld als andere zur Verfügung und leiden in dieser Corona-Krise nicht so sehr wie Leute, die zum Beispiel in der Gastronomie arbeiten. Dafür kann man durchaus dankbar sein.

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