AZ-Interview Martin Hagen: "Es war eine leidvolle Odyssee"

Heute sind sie eine glückliche Familie: Martin Hagen mit Ehefrau Anisha und den Töchtern Lina (3) und Nora (1). Foto: Privat

Martin Hagen, Chef der FDP-Fraktion im Landtag setzt sich für die bessere Unterstützung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch ein. Auch aus eigener Erfahrung.

 

München - Martin Hagen (38) ist Chef der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag und zweifacher Vater.

AZ: Herr Hagen, CSU und Freie Wähler haben gerade einem Antrag Ihrer Fraktion zugestimmt, der Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch den Zugang zu Reproduktionsmedizin erleichtern soll. Das Thema war Ihnen persönlich sehr wichtig. Warum?
MARTIN HAGEN: Weil meine Frau und ich selbst betroffen waren. Wir konnten unsere beiden Kinder nur durch Reproduktionsmedizin bekommen – nach einer fast vierjährigen, leidvollen Odyssee. Aber damit sind wir nicht allein: Wir sind eins von Millionen betroffenen Paaren und sehr glücklich, dass es bei uns gut ausgegangen ist.

Wie viele Anläufe haben Sie gebraucht, bis es geklappt hat?
Unsere erste Tochter wurde nach dem zehnten Versuch der künstlichen Befruchtung geboren.

Hagen: "Wir haben eigentlich schon aufgegeben"

Das heißt: Neun Mal war alles Hoffen vergeblich. Wie fühlt man sich in dieser Situation?
Vor allem die Phasen während der Versuche sind enorm belastend. Also, wenn der Embryo schon eingesetzt ist und man wartet, ob er sich festsetzt und es tatsächlich zu einer Schwangerschaft kommt. Das sind jedes Mal zwei Wochen des Hoffens und Bangens. Und dann kommt die Angst dazu: dass es wieder erfolglos ist. Einmal hatten wir eine erfolgreiche Befruchtung – dann aber eine Fehlgeburt. Wenn man das mehrere Jahre mitmacht, dominiert es die Beziehung irgendwann, weil sich alles um dieses Thema dreht.

Ist es richtig, dass Sie schon aufgegeben und sich – quasi als Kinderersatz – einen Hund zugelegt hatten?
Ja – und das war die beste Entscheidung unseres Lebens!

Wie bitte?
Wir hatten uns weitgehend damit abgefunden, kinderlos zu bleiben – man kann ja auch ohne Kinder ein erfülltes Leben führen – und haben uns einen Hund aus einer Tötungsstation auf Zypern zugelegt. Er war kaum da, da wurde meine Frau schwanger. Beim letzten Versuch, den wir noch machen wollten. Der Hund hat sehr dazu beigetragen, dass wir uns entspannt haben, dass wieder Wohlbefinden eingekehrt ist und der Druck von uns abgefallen ist. Deshalb sagen wir immer: Wir verdanken dem Hund unsere wunderbaren Töchter.

Hagen: "Unfruchtbarkeit ist mit einem Makel behaftet"

Warum konnten Sie auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen?
Wir sind in dieser Hinsicht beide belastet: Ich hatte 2011 eine Hodenkrebs-Erkrankung und bin durch die Chemo-Therapie unfruchtbar geworden. Weil man mir dieses Risiko vorher aufgezeigt hat, ließ ich Samenzellen einfrieren. Meine Frau hat Endometriose. Das ist eine Erkrankung der Gebärmutter, an der viele Frauen leiden, ohne es zu wissen. Beides zusammen hat es für uns wahnsinnig schwer gemacht, Kinder zu kriegen.

Kennen Sie viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben?
Wir sind im Freundeskreis relativ offen mit diesem Thema umgegangen und haben festgestellt, dass immer wieder Freunde gesagt haben: Hey, uns geht oder ging es genauso. Ein Paar haben wir sogar zufällig im Wartezimmer der Kinderwunschklinik getroffen. Das war beiden Seiten erstmal ein bisschen unangenehm, weil das ganze leider immer noch ein Tabu-Thema ist. Unfruchtbarkeit ist mit einem Makel behaftet. Deshalb ist es für alle Betroffenen wichtig, dass offener darüber gesprochen wird.

Hagen: "Wir haben den Wert eines Wagens der Mittelklasse investiert"

Ihr Antrag zielt auf eine stärkere finanzielle Unterstützung der Paare ab. Wie viel Geld haben Sie selbst investiert?
Es müsste ungefähr der Gegenwert eines Mittelklassewagens sein, rund 30.000 Euro über all die Jahre. Sehr viel Geld, aber am Schluss hat es ja gottseidank geklappt.

Mit welcher Methode?
Mit ICSI. Dabei wird eine Samenzelle unter dem Mikroskop direkt in eine Eizelle eingespritzt und der daraus entstandene Embryo in die Gebärmutter eingesetzt. ICSI ist teurer als eine Insemination, bei der der Frau Samenzellen eingeführt werden, oder eine In-vitro-Fertilisation, bei der man Ei- und Samenzelle in einer Petrischale verschmelzen lässt.

Wie werden Paare in Bayern aktuell unterstützt – und was soll sich durch den FDP-Vorstoß ändern?
Seit 2005 übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Kinderwunschbehandlungen nur noch zur Hälfte. Früher wurden die ersten drei Versuche komplett bezahlt. 2012 hat die FDP in der damaligen Bundesregierung durchgesetzt, dass der Bund sich an den verbleibenden Kosten zu 25 Prozent beteiligt – unter der Bedingung, dass die Bundesländer ebenfalls 25 Prozent tragen. Das macht Bayern bis heute nicht. Das heißt: Ob ein Paar von der Förderung durch den Bund profitiert, hängt von seinem Wohnsitz ab. Bayerische Paare schauen da momentan in die Röhre. Das ist im reichsten Bundesland der Republik eine unhaltbare Situation.

Hagen: "Man sollte endlich im 21. Jahrhundert ankommen"

Von welchen Beträgen sprechen wir?
Gehen wir davon aus, dass ein Versuch einer ICSI-Behandlung 4000 Euro kostet. Dann zahlt die Krankenkasse 2.000 Euro. Der Bund übernimmt 500 Euro, wenn das Land sich ebenfalls mit 500 Euro beteiligt, so dass die Eltern nur noch 1.000 statt 2.000 Euro eigene Kosten haben. Das ist schon eine enorme Erleichterung. Deshalb bin ich sehr stolz darauf, dass es uns als kleinster Oppositionspartei gelungen ist, mit diesem Antrag eine Mehrheit zu finden – und wir hoffentlich nächstes Jahr ein entsprechendes Gesetz bekommen.

Wie viele bayerische Babys werden dann mehr geboren?
Die Zahl der durch künstliche Befruchtung gezeugten Kinder ist mit dem Wegfall der Finanzierung durch die Krankenkassen 2005 um 50 Prozent eingebrochen. Rechnet man das zurück, kann man schätzen, dass es in Bayern etwa um 1.000 Kinder pro Jahr geht, die durch diese Förderung das Licht der Welt erblicken können. Das ist doch eine wunderbare Sache!

Sind die Möglichkeiten der Politik, Kinderwunsch-Paare zu unterstützen, damit ausgeschöpft?
Auf Landesebene ja, auf Bundesebene nicht. Dort setzt sich die FDP dafür ein, dass wir die Gesetze, die die künstliche Befruchtung regeln, modernisieren und an die medizinischen Möglichkeiten von heute anpassen. Wir haben ein Embryonenschutzgesetz von 1990 – und seitdem hat sich sehr, sehr viel getan. Momentan treiben wir beispielsweise Paare, die auf eine Eizellspende angewiesen sind, nach Spanien oder Osteuropa, weil das in Deutschland nicht erlaubt ist. Hinzu kommt, dass die Förderung aktuell auf heterosexuelle Ehepaare ausgelegt ist: Für unverheiratete Paare ist sie geringer, homosexuelle Paare sind komplett ausgeschlossen. Auch in dieser Hinsicht sollte man endlich im 21. Jahrhundert ankommen.

Lesen Sie hier: Forscher empfehlen Erleichterungen für Kinderwunschpaare

 

6 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading