AZ-Interview Jansen: "So ernst stand es um den HSV noch nie"

Läuft die Bundesliga-Uhr nach mehr als 54 Jahren ab? Nach dem 0:0 gegen Mainz steht der Hamburger SV erstmals vor dem Gang in die Zweitklassigkeit. Foto: imago/ho/AZ

Vor dem Spiel des HSV beim FC Bayern spricht Marcell Jansen über den Abstiegskampf, sein Amt als Aufsichtsrat und die Trennung von Bruchhagen und Todt: "Wir stehen alle hinter der Entscheidung." Das AZ-Interview.

 

München - Die AZ hat mit Marcell Jansen gesprochen. Der 32-Jährige spielte für Borussia Mönchengladbach, den FC Bayern und den Hamburger SV. Seit Februar sitzt er im Aufsichtsrat der Hamburger. Jansen ist außerdem Botschafter für die Wettanbieter-Vergleichsplattform "SmartBets".

AZ: Herr Jansen, am Samstag treffen Ihre beiden Ex-Klubs aufeinander. Das Spiel beim FC Bayern ist nicht gerade das, was man sich in der aktuellen Situation des HSV jetzt wünscht, oder?
MARCELL JANSEN: Dass Bayern zuletzt selbst bei den starken Freiburgern einen so dominanten Sieg einfahren konnte, zeigt einfach dieses Bayern-Gen: Die wollen jedes Spiel gewinnen, auch wenn sie 25 Punkte Vorsprung haben. Wer da so durchzieht, hat auch in der Champions League eine realistische Chance auf den Titel. Der HSV hat in München nichts zu verlieren, dort erwartet keiner etwas von dir. In der Situation musst du jetzt alles reinwerfen. Jeder Spieler muss brennen und auch den Fans zeigen, dass man nichts abschenkt.

Beim letzten Duell in München kam der HSV mit 0:8 unter die Räder...
Die Kompaktheit und der kämpferische Einsatz waren in den letzten Wochen eigentlich da, auch gegen Topteams wie Dortmund oder Leipzig. Und das 0:0 der Bayern gegen Hertha hat gezeigt, dass man gegen sie auch mal punkten kann.

Wie fühlt sich der Abstiegskampf mit dem HSV denn an? Nachdem Sie in der dritten Mannschaft des Klubs kürzlich Ihr Comeback gegeben haben, sind Sie da in der Oberliga ja wieder mittendrin.
So richtig vergleichen kann man das nicht. Ich habe im Januar aus Spaß wieder angefangen ein bisschen zu kicken. Beim HSV III ist unser Zeugwart Innenverteidiger und unser Athletiktrainer Jerry der Sechser. Der Klassenerhalt wäre eine Riesen-Sensation. Ich habe mein Hobby jetzt eben wieder zurück. Es ist geil, wieder Kabinengeruch zu haben.

Seit Februar sind Sie nun Mitglied des Aufsichtsrats beim HSV. Mit Verlaub: Warum tun Sie sich das ausgerechnet jetzt an?
Weil ich finde, dass es Menschen beim HSV braucht, die Dinge auch aushalten, einen klaren Blick behalten und auch Tiefschläge wegstecken können. Dass ich das kann, habe ich als Spieler bewiesen. Diese reflektierte Art und dieses Selbstbewusstsein versuche ich miteinzubringen. Jetzt bin ich von Vereinsseite aktiv angesprochen worden. Diese Aufgabe habe ich gerne angenommen, wusste aber, dass es keine sein wird, bei der man sich zurücklehnen und sagen kann: Das wird schon alles irgendwie.

Wie sieht Ihre Aufgabe konkret aus?
In erster Linie werde ich Rat geben und Aufsicht halten. Ich werde versuchen, an sportlichen Dingen teilzunehmen und Input zu geben, auch Einschätzungen, was Spieler, Trainer, Manager und den Sport angeht. Alles andere ist ja hervorragend besetzt von unternehmerischen Leuten aus der Wirtschaft, die zum Beispiel die finanziellen Aspekte einschätzen können. Meine Aufgabe ist die Bewertung der sportlichen Dinge.

Am Donnerstag hat der HSV die Trennung von Vorstandsboss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt bekanntgegeben. War diese Maßnahme unumgänglich für einen Neuanfang?
Bernd Hoffmann (HSV-Präsident, d. Red.) hat dazu alles gesagt. Ich war als Aufsichtsratsmitglied eingeweiht. Wir stehen alle geschlossen hinter der Entscheidung.

Wie bewerten Sie denn die aktuelle sportliche Situation des HSV? Haben Sie noch Hoffnung auf den Klassenerhalt?
Solange noch eine theoretische Möglichkeit besteht, gibt es im Sport kein Aufgeben. Wenn man das Mainz-Spiel gesehen hat, ist das jetzt auch bei den Jungs so.

Marcell Jansen: "Für alle eine bedrückende Situation"

Würden Sie noch auf den Klassenerhalt des HSV wetten?
Statistisch und rechnerisch wurde das ja schon alles ausführlich kommentiert, wie unwahrscheinlich das jetzt ist. Als Sportler würde ich aber immer daran glauben.

Dabei ist die Situation eigentlich gar nicht ungewohnt für den HSV...
Es gab schon viele enge Abstiegskämpfe, aber so ernst wie jetzt stand es um den HSV noch nie. Das ist für alle eine sehr bedrückende Situation. Deshalb verstehe ich die Zuschauer auch. Hoffnung kommt immer durch gute Ergebnisse. Es liegt jetzt am Trainer und der Mannschaft, sie zu entfachen.

Der HSV kämpft seit Jahren gegen den Abstieg. Warum schafft man es nicht, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen?
Das ist einfach der Sport, der sehr komplex und in dem der Konkurrenzkampf riesig ist. Es ist nicht immer alles erklärbar. Beim HSV hoffen wir natürlich, irgendwann den Schalter umgelegt zu bekommen. Dafür sind Zusammenhalt, Teamplay und Entscheidungen wichtig, mit denen man das Glück dann auch einfach wieder erzwingt.

Könnte der mögliche Abstieg für den HSV auch eine Chance für einen Neuanfang sein?
Wichtiger ist es, eine Reflektiertheit zu besitzen. Im Erfolg macht man die größten Fehler. Wenn es nicht läuft, überlegt man eh, was man besser machen kann. Man muss einen kühlen Kopf behalten, auch wenn es mal wieder nach vorne geht. Man kann nicht pauschal sagen, dass nur die Zweite Liga eine Chance für einen Neuanfang ist und dass so etwas in der Ersten Liga nicht geht.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß betont immer, dass er im Hamburger SV mit der Stadt und dem Umfeld eigentlich das größte Potenzial sieht, Herausforderer des FC Bayern zu sein. Was denken Sie darüber?
Hamburg lebt den Fußball mit seinen beiden Profivereinen. Es gibt prinzipiell schon viele Möglichkeiten hier. Auf dem Papier sind das immer noch zwei große Traditionsvereine, wenn Bayern und der HSV aufeinandertreffen. Fußball ist aber sehr komplex, hat seine eigenen Gesetze und ist nicht mit einem Unternehmen zu vergleichen. Da gehört mehr dazu als einfach nur ein Businessplan.

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