AZ-Interview Israels Generalkonsulin: "Den Antisemitismus im täglichen Leben gibt es zweifellos"

Clemens Hagen.
Sie ist die einzige Generalkonsulin des Staates Israel in der gesamten Europäischen Union: Sandra Simovich. Das zeigt, welch große Bedeutung der Standort München für ihr Land hat. Foto: Israelisches Generalkonsulat München

Mit der AZ spricht Israels Generalkonsulin für Süddeutschland, Sandra Simovich, über das Verhältnis ihres Landes zu Parteien wie der AfD. Sie erklärt, warum die Rechten nicht zur bunten Gesellschaft in ihrer Heimat passen – und warum der Iran für ihren Staat die größte Bedrohung ist.

 

AZ-Interview mit Sandra Simovich: Seit Mitte August 2017 ist sie die Leiterin des Generalkonsulats des Staates Israel für Süddeutschland. 

AZ: Frau Generalkonsulin Simovich, was haben Sie gedacht, als Sie vor zweieinhalb Jahren erfahren haben, dass Ihre nächste diplomatische Station München sein würde?
SANDRA SIMOVICH: Da ich bereits seit 20 Jahren im israelischen Außenministerium arbeite, darf ich mich für einen Dienstort bewerben. Das habe ich im Fall von München – ganz bewusst und mit Erfolg – getan. Es ist das zweite Mal in Deutschland für mich. Ich habe bereits als politische Beraterin in der Botschaft in Berlin gearbeitet. Für israelische Diplomaten ist Deutschland ein ganz besonderer Platz.

Die Herausforderung ist größer?
Es hat eine andere Dimension, eine Dimension, die es in anderen Ländern so nicht gibt. Für mich ist das interessant und vor allem bedeutungsvoll.

Wie betrachten Sie Ihre Arbeit hier, worauf liegt Ihr Fokus?
Unser Konsulat befindet sich hier im ehemaligen Herzen des Nazi-Regimes, der Nazi-Maschinerie. Der Ort reflektiert unsere Arbeit. Sie dreht sich vor allem um zwei Dinge. Zum einen geht es darum, die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten, darauf zu achten, dass die junge Generation von Deutschen sich dieser bewusst ist. Zum anderen geht es um die Zukunft. Wir wollen – wiederum vor allem jungen Menschen – vermitteln, was Israel zu bieten hat, wo wir uns treffen können, wie wir voneinander profitieren können.

Israel steht heute für Hightech und Start-ups

Konkret?
Das passiert auf vielen Ebenen. Uns sind vor allem Innovation und Technologie wichtig. Da gibt es zwei ganz tolle Programme. Eines heißt "New Kibbutz" oder neuer Kibbuz. Früher gingen Deutsche nach Israel, um in Kibbuzim bei der Orangenernte zu helfen, heute steht Israel vielmehr für Hightech und Start-ups. Junge Deutsche können dort Praktika zwischen zwei und sechs Monaten absolvieren und den dortigen Innovationsgeist zurück nach Deutschland tragen. Das zweite sind sogenannte Accelerators oder Beschleuniger. Da bringen wir deutsche und israelische Studenten zusammen, die sich mit einer konkreten Aufgabe beschäftigen, die von einer Firma gestellt wird. Eine Woche in Deutschland, eine Woche in Israel, dazwischen zwei Monate virtuell.

Was sind andere Themen?
Für uns ist es wichtig, mit den politischen Entscheidungsträgern und den politischen Stiftungen in gutem Kontakt zu stehen. Dann natürlich Kultur, Gastronomie, Wirtschaft, Bildung. Letztere ist uns besonders wichtig. Die bayerische Staatsregierung hat vor Kurzem beschlossen, 200.000 Euro jährlich zur Verfügung zu stellen, damit Studenten, Lehrer, Professoren oder andere Multiplikatoren nach Israel reisen können, um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Ich selbst besuche Gymnasien und spreche zu Schülern, elfte und zwölfte Klasse. Wir diskutieren über Israel. Oder ich besuche Universitäten. Gerade war ich an der Hochschule in Ansbach, dann für die Deutsch-Israelische Gesellschaft in Bayreuth.

Sie kommen rum in Bayern!
Nicht nur in Bayern. Wir sind auch zuständig für Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, also den ganzen Süden Deutschlands. Wir sind auch das einzige israelische Generalkonsulat in der ganzen Europäischen Union. Ansonsten gibt es nur die Botschaften. Dies zeigt die Wichtigkeit dieser Region für Israel.

Anschlag von Halle war schockierend

Leider müssen wir auch über das Negative in Deutschland sprechen, das Schreckliche. Der Anschlag von Halle am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, hat schmerzlich vor Augen geführt, dass Juden in Deutschland keinesfalls sicher sind. Was waren Ihre Gedanken an diesem Tag?
Halle war schockierend, wenn man bedenkt, was hätte passieren können. Es war pures Glück, dass die Tür der Synagoge standhielt, es hätte ein Massaker werden können.

Alltäglichen Antisemitismus gibt es genauso: Kippa-Träger werden bepöbelt oder sogar tätlich angegriffen, jüdische Schüler gemobbt.
Den Antisemitismus im täglichen Leben gibt es zweifellos. Wenn Leute miteinander reden, hört man diese Stereotype. Auch bei Menschen, die gute Erziehung genossen haben, die die Welt kennen, die sich für liberal halten.

Was sagen Sie zum Erfolg der AfD – jeder zehnte Bayer hat bei der letzten Landtagswahl rechtsaußen gewählt?
Der israelische Standpunkt ist ganz klar: Wir haben keinerlei Verbindung zur AfD, weder offiziell noch inoffiziell. Hier müssen wir eine rote Linie ziehen. Das ist gut so. Was wir versuchen können, ist, jungen Menschen den Wert von Zivilcourage zu vermitteln. Ihnen beizubringen, dass Jude als Schimpfwort nicht hinnehmbar ist. Aber da liegt noch viel Aufklärungsarbeit vor uns, um den Menschen die Augen und den Geist zu öffnen. Deshalb engagieren wir uns auch gemeinsam mit anderen Minderheiten wie den Kurden oder den Jesiden in München. In den letzten Jahren hatten wir beim Christopher Street Day einen "Israelischen Strand" am Marienplatz, und wir sind auch bei der Parade mitgelaufen. Es geht darum, Werte zu vermitteln.

Noch haben aber auch in München Juden mit Anfeindungen und Ablehnung zu kämpfen: Der jüdische SPD-Stadtrat Marian Offman wurde gerade als Sprecher des Grußwortes von der Münchner Friedenskonferenz ausgeladen – angeblich aufgrund von Offmans Haltung zum Thema Israel.
Das ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie Israel behandelt wird. Die Friedenskonferenz ist ein angeblich liberales Forum, die Leute wollen für Dialog stehen. Aber wenn es um Israel geht, haben sie eine andere Moral. Wenn man ein positives Bild von Israel hat, und nicht deren Bild von Israel anerkennt, schließen sie einen aus.

Aus Antiisraelismus wird Antisemitismus

Da wird – wie so oft – aus Antiisraelismus schnell Antisemitismus, oder?
Exakt. Antisemitisch zu sein, das ist nicht schön in unserer Gesellschaft, aber antiisraelisch ist okay. Das gilt sogar als besonders intellektuell. Ich bin nicht gegen Juden, aber ich bin gegen den jüdischen Staat. Das ist Antisemitismus in seiner modernen Verkleidung.

Eine Gefahr für deutsche Juden ist der islamistische Terror. Was kann, was muss Deutschland dagegen tun?
Den Menschen, die hier integriert werden sollen, besser vermitteln, welche Rolle die jüdische Bevölkerung in Deutschland spielt und welche Haltung der deutsche Staat gegenüber Israel einnimmt. Dies sollte in der Einleitung der Integrationsagenda stehen. Wir kümmern uns hier ebenfalls. Vielen Flüchtlingen aus arabischen Ländern ist zum Beispiel nicht bewusst, dass 20 Prozent der israelischen Bevölkerung nicht jüdisch sind. Es sind Muslime, arabische Christen oder Drusen. Deshalb bringen wir Vertreter dieser Bevölkerungsgruppen nach Deutschland, damit sie hier über ihr Leben in Israel sprechen. Gerade war ein arabischer Israeli in der Berufsschule in Dachau und sprach mit Schülern in ihrer arabischen Muttersprache über Israel und sein Leben dort.

Zu Ihrer Heimat: Der Nahe Osten ist nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani durch die Amerikaner in Aufruhr. Wie groß ist Israels Angst vor dem Iran?
Die Situation war immer kompliziert und sie wird immer komplizierter. Seit der islamischen Revolution 1979 stellt der Iran leider eine Gefahr für Israel dar. Der Iran ist immer näher gekommen und jetzt sitzt er an unseren Grenzen. Wir haben den Iran im Libanon mit der Hisbollah, wir haben den Iran in Syrien mit der Hisbollah, wir haben den Iran in Gaza mit der Hamas und dem Islamischen Dschihad. Der Iran unterstützt diese Terrororganisationen mit Geld und Waffen. Er hat eine sehr destabilisierende Rolle. Aber jede Gefahr birgt auch eine Chance.

Israel bekommt mehr Aliierte

So? Welche denn?
Wir bekommen mehr und mehr Alliierte: Arabische Länder, muslimische Länder, die erkennen, dass Israel nicht Teil des Problems ist, sondern Teil der Lösung. Länder, die vom Iran bedroht werden oder bereits angegriffen wurden. Saudi-Arabien oder die Golfstaaten. Wir haben viel bessere Beziehungen zu vielen dieser Länder: Premierminister Netanjahu war im Oman, Israelis werden nach Dubai reisen dürfen, Israel wird dort bei der Welthandelsmesse Expo 2020 einen eigenen Stand haben.

Letzte Frage: Was wird Ihnen an München fehlen, wenn Sie Ihren Posten hier in eineinhalb Jahren abtreten werden?
Viele Dinge. Die großartige Lebensqualität, das fantastische Essen – Brezeln, Kaiserschmarrn, denen ich nicht widerstehen kann. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt. Auch kann man sich hier ins Auto setzen und 40 Minuten später ist man in den Bergen oder an einem See in wunderschöner Natur. Generell: Es ist die Freiheit, zu fahren, wohin man möchte. Wo soll ein Israeli in der Region hinfahren? Nach Ägypten, nach Syrien, in den Libanon oder ins Meer?

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