AZ-Interview Henry Maske über den Kampf Deontay Wilder gegen Tyson Fury

"Ich hätte auch nie gedacht, dass er nach dem Niederschlag in der zwölften Runde noch einmal aufsteht", sagt Henry Maske über Tyson Fury (r.), der von Deontay Wilder niedergeschlagen wird. Foto: Lionel Hahn/PA Wire/dpa

Box-Ikone Henry Maske spricht exklusiv in der AZ über den Schwergewichtskampf Deontay Wilder gegen Tyson Fury und das Rumgepöbel vor dem Fight. "Da schäme ich mich ein Stück weit".

 

Der jetzt 54-jährige Box-Olympiasieger (1988) Henry Maske war von 1993 bis 1996 Weltmeister im Halbschwergewicht, "Sir Henry" war für den Boxboom in Deutschland in den 90er Jahren hauptverantwortlich. In der AZ spricht er über den Kampf Deontay Wilder gegen Tyson Fury.

AZ: Herr Maske, was sagen Sie, der Box-Ästhet, zum Kampf der beiden unorthodoxen Schwergewichtler Tyson Fury und Deontay Wilder, der mit einem Unentschieden endete?
HENRY MASKE: Beide Stile sind sicher nichts für Puristen und es war auch kein Leckerbissen, aber es war ein Kampf, der mich vom Tempo, vom Gebotenen her beeindruckt hat. Es gab im Schwergewicht immer wieder Boxer, deren Respekt vor dem, was einem da an den Kopf knallen kann, größer war, als der Mut, sodass es sehr zaudernde oder vom Clinch geprägte Auseinandersetzungen gab. Das war hier nicht der Fall. (Lesen Sie dazu: Wilder gegen Fury: Am Boden, aber obenauf)

"Es gab starke boxerische Momente"

Der Mut der beiden hat mich beeindruckt. Und es gab auch starke boxerische Momente. Gerade bei Fury. Da sind Aktionen dabei, die man nicht unbedingt erwartet von einem so großen Mann. Er wird vom Körper her nie einen Schönheitswettbewerb gewinnen, aber er beherrscht, was er macht. Ich hätte nie gedacht, dass er nach dem Niederschlag in der zwölften Runde noch einmal hochkommt. Der war sechs Sekunden bewusstlos, dann steht er wieder auf – und keiner, wahrscheinlich nicht mal er selber, weiß wie.

Fury hat eine beeindruckende Ring-Intelligenz.
So ist es. Er ist sehr beweglich im Oberkörper. Jeder denkt, dieser Riesenkerl mit seiner offenen Deckung muss doch zu treffen sein, aber er hat gute Meidbewegungen. Wir sollten ihn jetzt nicht größer machen, als er ist, aber Fury gehört sicher zu den unangenehmeren, den unbequemeren Gegnern, die es im Schwergewicht gibt.

Wilder präsentiert sich mit gutem Tempo

Wilders Stil ist wild, seine Windmühlenschläge konterkarieren jedes Box-Lehrbuch.
Da stimme ich Ihnen zu, aber auch er präsentiert sich mit einem guten Tempo, und was man so sieht, hat er eine enorme Schlaghärte. Ich will die zumindest nicht erfahren müssen. Auf jeden Fall war der Kampf so, dass er Spaß gemacht hat, durch das Unentschieden ist ein Rematch und damit ein weiterer großer Zahltag garantiert.

Ist das Schwergewicht wieder spannender? Die Klitschko-Brüder haben es ja jahrelang so dominiert, dass es kaum noch spannende Kämpfe gab.
Man muss es andersrum sehen, es gab nicht genug gute Boxer, die sie fordern konnten.

Fury verkündete nach dem Fight, dass er der Beste der Welt sei, Wilder der Zweitbeste und Joshua, der Weltmeister der Verbände IBF, WBO und WBA, nur ein Feigling.
Das sind nur Worte. Für mich steht Joshua weit über den beiden. Der würde sich das nicht zwölf Runden anschauen, sondern ich gehe davon aus, dass er Fury ausknocken würde. Aber: Der Weg dahin wird auch für Joshua nicht witzig. Man darf auch nicht unterschätzen, dass Fury mit all seinen Provokationen es einem schwer macht. Wladimir hat er damit 2015 den Zahn gezogen, was ich kaum glauben konnte.

Henry Maske über Fury: "Er hat ja auch sonst ein hartes Leben"

Wie viel Respekt nötigt Ihnen Furys Geschichte ab? Er war depressiv, suizidal, hatte 70 Kilo zugenommen, ehe er den Weg zurück zum Boxen fand?
Es ist schwer, sich da rein zu versetzen, da ich selber nicht depressiv bin. Was man aber sicher sagen kann, ist, dass Leute, die von dieser Krankheit heimgesucht werden, keine glücklichen Menschen sind, Kämpfe führen müssen, die wir eben nicht nachvollziehen können. Jeder, der es schafft, da herauszufinden, hat meine Bewunderung und meinen größten Respekt. Er hat ja auch sonst ein hartes Leben.

Wie sehr beeinflusst es einen im Ring, wenn der Gegner die Hände hinter den Körper nimmt, einem dauernd die Zunge rausstreckt?
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder lenkt es einen ab, führt dazu, dass man den Fokus verliert – oder es schärft diesen. Als ich mein Comeback gegen Virgil Hill gegeben habe, ließ er mich extralange im Ring warten. Da wusste ich, er nimmt mich ernst. Für mich war das damals ein Vorteil.

Wie lautet Ihr Urteil über all das Gerede, das Rumgepöbel, die Show vor dem Fight? Das erinnerte eher an Wrestling.
Stimmt. Grundsätzlich gab es das immer. Muhammad Ali hat das auch bravourös gemacht. Aber entscheidend ist, dass immer die Qualität stimmt. Bei Ali hat sie immer gestimmt. Ich spreche den beiden nicht die Qualität ab, aber das, was die beiden aufgeführt haben, stand für mich einfach nicht im Verhältnis. Für mich ist das zu viel, da werden Grenzen überschritten.

Ich bin in der Hinsicht wahrscheinlich auch ein Softie. In meinen Augen gibt man mit all dem Getue nur den Kritikern, die unseren Sport ablehnen, Futter. Ich schäme mich ein Stück weit für solche Aktionen und ich denke, dass es vielen anderen auch so geht. Die sagen aber nichts. Das ist leider überhaupt ein Problem der heutigen Zeit, dass die große, die überwiegende Mehrheit schweigt, sich still verhält, während die Minderheit laut ist, schreit, auf sich aufmerksam macht. Aber nur weil jemand laut ist, hat er nicht recht, ist er nicht die Mehrheit.

Passt perfekt auf die AfD.
Das meine ich damit.

 

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