AZ-Interview Bundeswehr am Boden: Das sagt der Wehrbeauftragte

Symbol fehlgeschlagener europäischer Rüstungskäufe: der Truppentransporter Airbus A400M, hier in Saragossa am Boden. Foto: Javier Cebollada/dpa

Hans-Peter Bartels, der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, spricht im AZ-Interview Klartext: "Die Bundeswehr lebte in einer langen Schrumpfungsphase von der Substanz, die nun aufgebraucht ist."

München - Der 56-jährige SPD-Politiker Hans-Peter Bartels war verteidigungspolitischer Sprecher seiner Partei. Seit Mai 2015 ist er Wehrbeauftragter des Bundestags. Hier äußert er sich im Interview mit der AZ über den Zustand der Bundeswehr.

AZ: Herr Bartels, angenommen ein 18-Jähriger fragt Sie, ob er Berufssoldat werden soll, und bittet Sie um ehrliche Antwort - was würden Sie raten?
HANS-PETER-BARTELS: Ehrlicherweise müsste ich ihm sagen, dass er bei der Bundeswehr zunächst nur einen Zeitvertrag erhält. Und nur ein Teil der Zeitsoldaten kann später auch Berufssoldat werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsnachteil gegenüber der Polizei, wo junge Leute sofort eine Lebenszeitperspektive haben. Aber ich würde ihm auch sagen, dass er sich für einen Beruf entscheidet, den unser Land dringend benötigt. Die Bundeswehr braucht gute Leute, die sich selbst etwas zutrauen.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat zu Beginn ihrer Amtszeit vor bald fünf Jahren das Thema Attraktivität stark in den Mittelpunkt gerückt. Kasernen sollten modernisiert werden, Stuben Flachbildschirme erhalten. Wie wichtig war und ist dieses eher "softe" Thema für die Nachwuchsgewinnung?
Das wurde gelegentlich ironisiert - wozu braucht man einen Flachbildschirm, wenn man keinen funktionierenden Kampfpanzer hat? Aber natürlich braucht man beides: die großen Waffensysteme und genauso selbstverständlich moderne Unterkünfte, wo Kameradschaft gelebt und gepflegt wird. Dazu gehört zum Beispiel auch das Kasernen-WLAN. Das ist kein technologisches Großprojekt, aber für junge Leute nicht ganz unwichtig.

Die Bundeswehr ist insgesamt schlecht ausgerüstet und es gibt gravierende Mängel bei der Ausrüstung. Sie haben im jüngsten Jahresbericht diese Defizite angeprangert. Was muss sofort und ohne Verzögerungen behoben werden?
Ich werbe dafür, ein Sofortprogramm aufzulegen, um schnellstmöglich mit Verbesserungen bei der persönlichen Ausstattung der Soldatinnen und Soldaten zu beginnen. Wenn wir über ein großes 130-Milliarden-Programm für die nächsten 15 Jahre reden, dann sollte es daneben einen Plan für eine spürbare Trendwende jetzt sofort geben, zum Beispiel bei der Kampfbekleidung inklusive der neuen Kampfstiefel, bei den Schutzwesten, damit man sie nicht mehr hin- und herverleihen muss. Da braucht man nichts Neues zu erfinden, man muss einfach nur kaufen.

Wehrbeauftragter Bartels: Die Substanz der Bundeswehr ist aufgezehrt

Die U-Boot-Flotte liegt auf dem Trockenen, es gibt Tage, da steht kein Transportflugzeug zur Verfügung, nun wurde bekannt, dass von 128 Eurofightern nur vier einsatzbereit sind. Was läuft schief bei der Bundeswehr? Warum diese Häufung an Pannen jetzt?
Das hat einen Vorlauf in der Zeit vor 2014, als die Bundeswehr von Jahr zu Jahr kleiner wurde und nur eine Hauptaufgabe hatte, Auslandseinsätze außerhalb des Bündnisgebiets. Überschaubare Kontingente, gut ausgebildet und ordentlich ausgerüstet, wurden auf den Balkan, nach Afghanistan, nach Afrika geschickt. Dafür hat man mehr und mehr auf die Vollausstattung für die Armee als Ganzes verzichtet. Die Bundeswehr lebte in der Schrumpfungsperiode von der Substanz, und die ist nun aufgezehrt.

Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags.Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags. Foto: dpa

Ist die Bundeswehr angesichts der Mängel in der Lage, ihre Nato-Verpflichtung zu erfüllen? Verlieren die Partner das Vertrauen in Deutschland?
Nein. Die Bundeswehr steht mit diesen Problemen nicht alleine da. Fast alle Nationen haben ihre Armeen verkleinert, haben gespart und die kollektive Verteidigung ins Museum verbannt. Insofern müssen alle umdenken und umsteuern.

Welche Verantwortung trägt dabei die Rüstungsindustrie? Der A400M steht doch beispielhaft dafür, dass die Industrie viel verspricht, das dann aber nicht liefern kann.
Da sind beide Seiten nicht unschuldig. Richtig ist, die Industrie versprach viel, um in Zeiten der Sparzwänge einen Auftrag zu erhalten, und die Armeen der acht Programmnationen packten noch Sonderwünsche drauf. Heute geht es in vielen Bereichen darum, funktionierende Dinge auf der Grundlage von vorhandener Technik schnell zu liefern. Zeit und Geld, immer etwas Neues zu erfinden, haben wir nicht.

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