AZ-Gastbeitrag zur Wahl Christian Springer: Europa ist nicht gut – aber super

Kabarettist Christian Springer schreibt in der AZ über Europa. Foto: dpa

Der Kabarettist Christian Springer ist längst nicht mit allem zufrieden, was in Brüssel oder Straßburg passiert. Trotzdem findet er es wichtig, zu wählen.

 

München - AZ-Gastbeitrag von Christian Springer. Der Münchner Kabarettist und Autor ist unter anderem bekannt als Gastgeber der BR-Sendung "Schlachthof". Der 54-Jährige ist Träger der Bayerischen Verfassungsmedaille und unterstützt mit seinem Verein "Orienthelfer" Flüchtlinge im Libanon.

Ja, ich bin ein Fan von Europa. Damit meine ich nicht die Champions League, sondern das echte Europa.

Aber neben Diesel, Banken und den Jusos hat kaum etwas einen schlechteren Ruf als Europa. "Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa." Dieser Spruch stammt noch aus der Zeit, als es noch gar kein Europäisches Parlament gab. Am Wahlsonntag schallt es nirgends durch die bayerischen Bierzelte: "Auf geht’s Buam, heut gehn ma zua Europawahl!"

Ein bisserl mehr Optimismus täte gut, schließlich ist es ein Jubiläum: Vor exakt 40 Jahren konnte man zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte an eine europäische Wahlurne treten. Im gleichen Jahr, als im Iran ein langbärtiger Ajatollah einen islamischen Staat ausrief, wurde in Europa zum ersten Mal gemeinsam gewählt.

Die ganze Welt sehnt sich nach Zuständen wie in Europa

Im Iran folgte ein knapp zehnjähriger Krieg mit dem Irak und Massenhinrichtungen. In Europa entschied man sich für Demokratie. Obwohl es noch mit Minenfeldern geteilt war in Ost und West.

2014 ging nicht mal mehr jeder zweite Deutsche zur Europawahl. Die ganze Welt sehnt sich nach Zuständen wie in Europa und wir sind schon wieder gelangweilt von der Chance zu wählen. In der Dritten Welt gibt es einen Witz, der sich über alle Kontinente verbreitet hat: "Ein Freund aus dem Westen fragt einen Einheimischen, ob er mitkomme in den Camping-Urlaub. Der Einheimische sagt: Kein Bett, kein Strom, kein Internet, das ist kein Urlaub für mich, das hab ich jeden Tag." Wir posten "Je suis Charlie" und sind entsetzt beim Brand von Notre-Dame. Aber beim Verlassen von Facebook hört unsere Freundschaft mit den Nachbarn wieder auf.

Aufgeblähter Landtag? Von wegen!

Da wird genölt, aufgebläht sei das Europäische Parlament. Was für eine Dummheit. Im Bayerischen Landtag sitzen 205 Abgeordnete für 13 Millionen Bayern. Dieses Verhältnis sollten die Nörgler einmal auf Europa umlegen. Dann hätte das Europäische Parlament nicht 751, sondern 8.000 Abgeordnete.

Unsere Konzerne ruinieren die Umwelt

Aber an einem schlechten Ruf ist man oft selbst schuld. Fetter und dreister als Europa geht es nicht. Unsere Konzerne ruinieren die Umwelt und haben die Diktaturen der Finanzgeschäfte nicht im Griff. Wir leben auf Kosten der Armen und Amazon und Co. zahlen ihre Steuern nicht nach Gesetz, sondern wo und wann und wie viel sie wollen.

Das jahrelange und geplante Versagen in der Flüchtlingspolitik ist das blutige Sahnehäubchen oben drauf. Wenn die Ertrinkenden nicht Menschen wären, sondern Elefantenbabys, würden die Verantwortlichen längst im Gefängnis sitzen.

Dennoch! Auf zur Wahl! Trotz Verordnungen zur Gurkenkrümmung, faulen Abgeordneten und den berühmten 70.000 Arbeitstagen, die alleine durch die Anreisen im EU-Parlament verloren gehen. Denn es gibt sie schon lange: die Sehnsucht nach europäischer Gemeinsamkeit.

Nach der Verwüstung Europas durch Napoleon stand der russische Zar Alexander im Jahr 1818 in Brüssel und hat gemeinsames europäisches Denken eingefordert. Eine gemeinsame Armee sollte den Frieden in Europa sichern. 200 Jahre und ein paar Weltkriege danach ist die Idee wieder da – und genauso undurchführbar.

Lustigerweise sind wir europäischer, als wir denken

Selbst in Zeiten des Brexit kann ich nicht über die Engländer herziehen. England hat ab Dezember 1938 über 10.000 Kinder aus den Mörderhänden der Nazis gerettet. Und dies ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart. Denn eines dieser Kinder kenne ich, es ist mein Onkel John. Er lebt in München und war der erste Produzent von Konstantin Wecker.

Lustigerweise sind wir europäischer, als wir denken. Richard Wagner hat in Paris den Fliegenden Holländer vollendet, den Tannhäuser begonnen. Unsere Deutschland-Hymne wurde auf englischem Boden getextet, von einem Österreicher vertont, nach einer Melodie, die für einen Kaiser komponiert war, der in Italien geboren ist, und im Ursprung ein kroatisches Liebeslied ist. Edmund Stoibers Mama stammt aus Dormagen und der Erstbesteiger der Zugspitze war ein Belgier.

Im Oktober 2017 durfte ich auf höchster Ebene in Straßburg eine Rede halten. Zwei Tage durfte ich das Ringen der Abgeordneten um europäische Entscheidungen miterleben. Ich habe etwas mitgebracht: die absolute Gewissheit, dass die Extremisten in Europa keine Chance haben!

Aber dazu müssen wir unseren Teil beitragen: zur Wahl gehen!

Lesen Sie hier: Hollands Sozialisten bei EU-Wahlauftakt überraschend stark

 

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