Ex-Boxer im Geburtstagsinterview Axel Schulz: "50? Am Morgen fühle ich mich eher wie 70"

"Das war der Kampf meines Lebens, davon lebe ich heute noch", sagt Axel Schulz über den WM-Fight gegen George Foreman 1995. Foto: imago/Sven Simon

In der AZ spricht der frühere Box-Star Axel Schulz über seinen Geburtstag, der auch der Todestag seiner Mutter ist, den Kampf gegen George Foreman und das Ableben seines Freundes Graciano Rocchigiani.

AZ: 50 Jahre Axel Schulz – Zeit für ein kleines Lebensfazit, oder?
AXEL SCHULZ: Das ist eine Zahl, die hört sich richtig schrecklich an. In meinem Fall noch schlimmer, weil ich mich jeden Morgen eher wie 70 fühle, wenn ich aufstehe. Ich werde dann im Laufe des Tages etwas jünger, sobald die Schmerzen nachlassen. Aber klar ist: Man ist mit 50 dem Ende näher als dem Anfang, aber ich habe für mich keine Angst vor dem Tod. Für mich war mein Geburtstag nie etwas Besonderes. Ich bin Sportler, um gefeiert zu werden, muss man was geleistet haben. Ich habe bei meiner Geburt nichts geleistet, ich war nur anwesend. Eigentlich müssten die Eltern – vor allem die Mama – Geschenke bekommen, nicht das Kind. Der Tag ist einer wie alle anderen. Sechs Uhr aufstehen, um 6.40 Uhr eine meiner Töchter wecken, meine Frau und ich schweigen uns erstmal an, weil wir beide große Morgenmuffel sind. Alles wie immer (lacht).

Sie sprachen Ihre Mama an – Ihr eigener Geburtstag, der 9. November, ist auch der Todestag Ihrer Mutter.
Stimmt. 1999 ist sie an Krebs gestorben. Ich habe damals in meinen Geburtstag reingefeiert und den Anruf des Krankenhauses nicht gehört. Als ich dann später den Anrufbeantworter abgehört habe, hörte ich die Stimme des Arztes: "Herr Schulz, wenn Sie Ihre Mutter noch mal lebend sehen wollen, müssen sie sich beeilen." Da platzt dein Herz fast vor Schmerz. Ich habe mich dann zur Klinik bringen lassen, aber es war zu spät. Sie war schon gestorben. Ich bin dann auch nicht mehr reingegangen, ich war vollkommen fertig. Aber meine Mama ist tief in meinem Herzen, sie ist immer bei mir. Sie wurde nur 54 Jahre alt, ich bin jetzt 50, das ist schon krass.

Ihr Geburtstag ist für Sie durch den Tod der Mutter für immer negativ behaftet.
Meine Gefühle sind da sehr ambivalent. Zum einen ist da natürlich immer Trauer wegen meiner Mutter. Zum anderen ist es ja auch der Tag des Mauerfalls. Dieser Tag hat mir ja erst die Tür geöffnet, zu der Karriere, die ich dann gemacht habe. Wir waren da am Feiern und haben damals aber nur ferngeschaut, weil wir einfach wussten, dass hier Geschichte passiert, dass wir ein Teil davon sind, dass sich das Leben extrem ändern wird.

Und plötzlich war die Möglichkeit da, Profi zu werden.
Das war alles so unvorstellbar. Ich habe mit zehn Jahren mit dem Boxen angefangen, weil ich einfach die Auseinandersetzung Mann gegen Mann geliebt habe. Dass ich damit mal Geld verdienen könnte, dass ich irgendwann in Las Vegas gegen die Box-legende George Foreman boxen würde, das ist alles größer als die Träume, die ich damals zu träumen wagte. Ich bin daher sehr glücklich und dankbar.

Der Fight gegen Foreman war...
...der Kampf meines Lebens. Ohne jeden Zweifel. Ich wusste ja, dass ich gegen so eine Ikone im Ausland nur gewinnen kann, wenn ich ihn K.o. schlage. Und es war ja kein Zufall, dass George mich als Gegner ausgesucht hat, weil ich eben ein Boxer war, der keinen ausknocken konnte, der eben über die Runden gehen und nach Punkten gewinnen musste. Ich wurde ausgesucht, um zu verlieren, keine Frage. Aber ich habe das Beste draus gemacht – und ich zehre und lebe ja heute eigentlich immer noch von diesem Kampf. George hat ja dann später sehr erfolgreich Grills verkauft, ich habe ja jetzt auch meine Grillsoßen und auch Würste auf dem Markt, vielleicht sind wir irgendwo ja Seelenverwandte.

Im Jahre 2006 gaben Sie ein vielbeachtetes Comeback, waren aber gegen Brian Minto, nicht gerade ein Box-Superstar, absolut chancenlos. Bereuen Sie diese Ringrückkehr?
Nein, es war eines der schönsten Jahre meines Lebens, nicht nur, weil da meine Tochter geboren wurde. Ich habe ganz in meinem eigenen Dunstkreis gelebt, was im Nachhinein nicht nur positiv war. Aber ich habe diesen Kampf gebraucht, um für mich endgültig zu wissen, dass ich im Boxsport nichts mehr zu suchen habe. Und natürlich war es auch finanziell so, dass ich durch diesen Fight auf den Grundstock schon noch einiges draufpacken konnte. Nein, ich bereue diesen Kampf nicht.

Sie erlitten dabei ein leichtes Blutgerinnsel im Gehirn.
Das stimmt, aber zum Glück bin ich sofort in ärztliche Behandlung gekommen und es ist soweit alles gut. Ich nehme heute zur Vorsorge noch Blutverdünner, aber das ist alles. Die Ursache, die Schläge auf den Kopf, konnte ich ja sehr einfach abstellen. Ich bin dankbar, dass mir die Gehirnblutung nicht passiert ist, als ich gerade meine Frau und Kinder im Auto chauffiere. Man lernt dadurch, das Leben noch mehr zu schätzen.

Vor einem guten Monat verunglückte Ihr guter Freund, Ex-Weltmeister Graciano Rocchigiani, mit 54 Jahren bei einem Autounfall. Sie arbeiteten beide als Experten bei Sport1.
Das ist für mich immer noch vollkommen unglaublich. Mir fehlen die Worte – und Rocky fehlt mir wirklich. Ich war bisher noch nicht an seinem Grab. Zur Beerdigung wollte ich nicht, denn ich will in aller Ruhe von ihm Abschied nehmen. Das werde ich auch tun. Aber noch bin ich nicht soweit, ich bin noch nicht bereit. Es gibt Leute, die das nicht verstehen, aber jeder trauert auf seine Art, muss mit dem Verlust und Schmerz auf seine Weise zurechtkommen. Das ist eben meine Art.

Gibt es etwas, was Sie in der Rückschau bereuen? Etwa, dass Sie keinen echten Kontakt zu Ihrem Vater hatten?
Nein, dafür gibt es Gründe, er ist vergangenes Jahr gestorben, das Thema ist für mich schon lange durch.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null