Autorin gibt Tipps Auf Plastik verzichten ist nicht so schwer, wie man denkt

Lebensmittel - in Plastik verpackt. Autorin Charlotte Schüler gibt Tipps, wie das vermieden werden kann. (Symbolbild) Foto: Arno Burgi/ZB/dpa

Die junge Münchner Autorin Charlotte Schüler gibt Tipps für ein Leben ohne Plastik. Mehr dazu im AZ-Interview.

 

München - Ihr Shampoo sieht aus wie eine Seife – trotzdem sind ihre Haare weich und glänzend. Sie kauft Nudeln lose in "Unverpackt"-Läden ein. In ihrem Bad hängt ein heller, selbstgenähter Duschvorhang aus Baumwoll-Leinen-Stoff: "Das funktioniert genauso gut. Mein Bad ist morgens nicht überschwemmt", sagt Charlotte Schüler.

Die 24-jährige Mediengestalterin aus Giesing lebt seit drei Jahren plastikfrei. Hauptgrund: "Weil alles aus Plastik giftige Zusatzstoffe hat", sagt sie. Auf Instagram und ihrem Blog propagiert sie einen grünen Lebensstil: "Vieles kenne ich von meinen Großeltern. Die meisten Produkte gab es ja schon einmal – ohne Plastik!" In ihrem Buch "#Einfach plastikfrei leben" gibt Charlotte Schüler einfache Tipps gegen die Plastikmüllflut: Statt der Plastikfuselrolle die Kleiderbürste hernehmen. Wichtige Sätze mit dem Buntstift statt dem Textmarker anstreichen, Putzmittel selber zusammenmixen.

AZ: Frau Schüler, Sie schwören auf gute Vorbereitung: Was ist in Ihrer Handtasche?
CHARLOTTE SCHÜLER: Ich benutze eine etwas größere dunkelrote Handtasche. Gegen die gängige "To-Go"-Mentalität nehme ich mein Mittagessen immer in einem Gurkenglas mit – und einen isolierten Edelstahl-Becher für Kaffee. So spare ich unterwegs eine Menge Plastik ein.

Wieso ohne Plastik leben?

Wieso leben Sie fast plastikfrei?
Weil ich etwas gegen die Vermüllung unseres Planeten tun möchte mit Plastikspielzeug, Plastiktellern und Plastikmüll in den Ozeanen. Tiere und Menschen nehmen schädliches Mikroplastik in sich auf, auch Weichmacher aus Wasserflaschen, die in der Sonne warm werden.

Es muss mühsam sein, das "Plastikmonster" zu bekämpfen. Macht das auch Spaß?
Natürlich. Es geht nicht um alles oder nichts, sondern um mein Ideal vom plastikfreien Leben. Dafür muss ich nicht in einer Holzhütte mit offenem Feuer sitzen. Ich verzichte auf Verpackungen, Tüten, Plastikhalme, Zahnseide und kaufe statt Fleece-Pullis aus Kunststoff echte Wollpullis. Das geht, und zwar gut. So zu leben, dass ich unserer Umwelt möglichst wenig schade, genieße ich sehr.

Sie raten als Erstes: Fotografiert euren Plastikmülleimer!
Ja. Schaut euch euren Plastikmüll genau an. Beobachtet, welche Produkte und Verpackungen benutzt ihr denn am meisten. So könnt ihr diese Müllquelle als Erstes angreifen. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Plastikflaschen für Putzmittel in schrillen Farben in meiner WG.

Wer das Plastikfrei-Experiment startet, kann mit Fotos dokumentieren, wie sein Plastikmüll weniger wird.
Genau. Das gibt ein gutes Gefühl und spornt an. Man sieht, was man schon geschafft hat.

Stoff- vs. Papiertaschentücher

Mit 24 Jahren benutzen Sie Stofftaschentücher – das kennt man nur von Omas.
Ich bin ein Fan von Stofftaschentüchern in allen Farben und Mustern. Einige habe ich von meiner Mama und meiner Oma geerbt. Wenn ich einen Schnupfen habe, nutze ich jedes Eck. Ich verstaue sie in zwei besonderen Täschchen: einem für frische und einem für die verschnupften Tücher.

Viren in der Handtasche: Ist das nicht etwas unhygienisch?
Nein. Benutzte Papiertaschentücher steckt man ja auch in die Hosentasche oder in die Jacke. Ich wasche meine Taschentücher bei 95 Grad.

Plastikverzicht - Schnelle Veränderungen im Bad

Sie haben im Bad begonnen auf plastikfreie Produkte umzustellen.
Ich habe damals in einer WG gelebt. Das Bad war gut für den Anfang. Junge Leute, die bei ihren Eltern leben, die noch nicht auf den Plastikfrei-Zug aufgesprungen sind, können so trotzdem loslegen: Denn niemand kann etwas dagegen haben, wenn die Tochter sich im Bio-Laden oder im Drogerie-Markt eine Bambus-Zahnbürste kauft. Oder sie nimmt Zahnputztabletten her, um die Plastik-Tuben mit ihren Mikroplastik-Partikeln in der Zahnpasta einzusparen. Das sind schnelle, effektive Veränderungen.

Ihre Mutter hat Ihren Ehrgeiz geweckt, auf Plastik zu verzichten. Was war Ihr Aha-Erlebnis?
Als Schülerin habe ich oft Wasser in Plastikflaschen aus dem Automaten in der Schule gezogen. Meine Mutter fand das nicht gut. Das war immer unser Diskussionsthema. Bis sie mir eine silberne Edelstahlflasche für Wasser geschenkt hat. So habe ich gemerkt, wie einfach es ist, auf Plastik zu verzichten.

Das war vor fünf Jahren.
Die Flasche habe ich nie verloren. Sie hat inzwischen Beulen und Kratzer, das macht ihren Charme aus. Ich fülle sie jeden Tag mit dem guten Münchner Leitungswasser. Der Kalk darin schadet überhaupt nicht. Der Mensch kann nicht verkalken.

Schritt für Schritt plastikfrei werden

Ich will auch plastikfrei leben. Soll ich jetzt alles aus Plastik aus der Wohnung werfen?
Bitte nicht. Das wäre ein Fehler und Ressourcenverschwendung. Stellen Sie Schritt für Schritt um. Bei mir hat der Prozess zwei Jahre gedauert.

Welches sind Ihre drei Gründe auf Plastik zu verzichten?
Eine Erleichterung im Alltag, weil ich nicht mehr im Konsumdschungel versinke. Ich habe aufgehört, die Welt zu vermüllen. Ich habe aufgehört, der Tierwelt und mir mit Plastikpartikeln gesundheitlich zu schaden. Es gibt einen vierten Grund: Ich habe gelernt Dinge wieder wertzuschätzen, sei es das praktische Bienenwachstuch anstelle von Frischhaltefolie.

Schüler: "Mikroplastik ist gruselig"

Macht Ihnen das Thema Mikroplastik echte Angst?
Ich sitze nicht in Panik da. Aber Mikroplastik ist gruselig. Es ist erschreckend, dass wir die Auswirkungen noch nicht kennen. Ich glaube, ich habe auch schon Mikroplastik in meinem Körper. Es ist jetzt auch erstmals im Stuhl von Menschen nachgewiesen worden.

Sie raten, kein Essen in Tupperdosen in der Mikrowelle zu erhitzen. Auch fettes Essen löst Plastikpartikel aus einer Schüssel, haben Sie recherchiert.
Viele Münchner wissen das nicht. Nüsse enthalten sehr viel Fett. Deshalb kaufe ich sie nicht mehr in der Plastikpackung, sondern fülle sie in meine Box oder ein Einweckglas – in einem der vier Unverpackt-Läden in der Stadt.

Es ist nicht einfach, eine Semmel oder ein Stück Käse ohne Verpackung zu kaufen: Für Bäckereien und Frische-Theken haben Sie Tricks.
Bäckerei-Verkäuferinnen haben oft Angst, meinen Beutel hinter die Theke zu nehmen – aus Hygienegründen: Denn fremde Gegenstände könnten dort Bakterien einschleusen. Vor oder auf der Frische-Theke ist aber alles erlaubt. Wenn ich also meine Metall-Box auf die Käse-Theke lege, ist es offiziell okay, sie dort zu füllen – das muss man als Kunde wissen.

Sie sind schüchtern und mussten sich überwinden, um im Laden zu Ihrem Extra-Wunsch zu stehen.
Das Selbstbewusstsein habe ich mir erst antrainiert. Mein zweiter Trick ist: Ich kaufe meist in kleinen, Inhabergeführten Geschäften. Mit meinem Wunsch "Ohne Verpackung, bitte", bin ich immer sehr freundlich. Dann wird mein Extra-Wunsch lieber erfüllt. Außerdem erkläre ich, dass es mir darum geht, generell Müll zu vermeiden.

Plastikfrei bei Bauernhöfen, Wochenmärkten, Bio- und Unverpackt-Läden

Wo kaufen Sie am liebsten ein?
Bauernhöfe sind super, auch Wochenmärkte. Im Bioladen gibt es viel unverpacktes Gemüse. In türkischen, griechischen Geschäften und in Asia-Läden gibt es viel Unverpacktes. Außerdem gibt es die erwähnten vier Unverpackt-Läden in München.

Ihre Mutter hat so einen Laden in Haidhausen: Was sagt sie zu ihrer grünen Tochter?
Meine Mutter freut sich natürlich, dass ich beim Plastikfrei-Leben mitmache und andere Leute erreiche. Nicht missionierend, sondern mit einem positiven Beispiel, mit leichter Information und Fotos auf Facebook, Instagram und meinem Blog.

Sie inspirieren auch Ihre Freunde zur Plastik-Freiheit.
Wenn ich beim Ausgehen meinen Drink ohne Strohhalm bestelle, sagt oft der ganze Tisch: "Ja, wir auch alle ohne Halm".

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