Autor im AZ-Interview Kinast: "Das Angebot für Familien in München ist großartig"

Auch ein Detail im Alten Peter liegt Florian Kinast am Herzen. Foto: imago/ecomedia/robert fishman

Wackelige Brücken, die Stadt als Spielplatz, Kindheit. "Eine lustig kindliche und wunderbar verspielte Traumstadt", nennt Autor Florian Kinast sein München im AZ-Gespräch.

 

München - So eine Lokaltreue gibt es selbst bei eingefleischten Münchnern nur ganz selten: Florian Kinast lebt seit seiner Geburt in derselben Wohnung in Haidhausen: "Es werden jetzt 50 Jahre. Als ich 20 war, sind meine Eltern ausgezogen. Jetzt lebe ich mit meiner Frau und unseren beiden Töchtern nahe Prinzregentenplatz", sagt der Vater von Hannah (17) und Amelie (8).

In München ist der 49-jährige freie Autor fest verwurzelt: "Eine lustig kindliche und wunderbar verspielte Traumstadt", wie er sagt. Für sein Buch "111 Orte für Kinder in München, die man gesehen haben muss" ist er oft gerade mit seiner Jüngsten, Amelie, auf Erkundungstour gegangen – zu meist unkommerziellen, verwunschenen und geheimen Orten in München.
 


Der 49-Jährige ist freier Autor – auch bei der AZ. Foto: florian-kinast.de

Auf ihrer verblüffenden Hit-Liste: die längste Rolltreppe der Stadt, der seltsame Riese vom Marienplatz oder versteckte Aussichtspunkte, von denen man Züge und Flugzeuge anschauen kann. Florian Kinast hat nichts gegen laute Indoor-Spielplätze als rettende Kinder-Bespaßung an trüben Tagen.

Seine achtsame Reise durch die Stadt führt ihn jedoch zu einer Menge anregender unbekannter Orte – damit trifft er den Nerv konsumübersättigter Münchner: "Du schmeißt mit den Kindern Steine ins Wasser, denkst dir Spiele aus", sagt Papa Florian Kinast schlicht. Was er weitergeben will: "Letztlich ist es immer toll, wenn man gemeinsam etwas unternimmt." Die AZ hat mit ihm über sein Buch gesprochen.

AZ: Herr Kinast, Sie haben 111 erstaunliche und versteckte Orte für Kinder in der Stadt aufgespürt. War das schwer?
FLORIAN KINAST: Der Gedanke an das Finden von liebenswerten Plätzen in München hat mich ein Jahr nicht losgelassen. Ich habe mich sehr an die magischen Orte erinnert, die ich schon als Kind kannte. Manchmal bin ich in der Nacht aufgewacht und habe schnell eine neue Idee aufgeschrieben.
 


Die Jesusfigur im Alten Peter liegt Kinast besonders am Herzen. Foto: privat



Bei welchem Tipp war das so?
Bei der Jesusfigur im Alten Peter, die ich als Bub schon liebgewonnen hatte. Mein Vater ist mit mir Heiligabend zu dem kleinen Glaskasten im hinteren Bereich des Kirchenschiffs gegangen. Bei Einwurf von damals fünf Pfennig, heute fünf Cent, geht in der Glaskapelle das Licht an. Glockenbimmeln ist zu hören und eine kleine Jesus-Figur fährt heraus und erteilt seinen Segen. Jahr für Jahr zittern meine Töchter und ich, ob es den Kasten noch gibt.

Sie entdecken die alten Gleise vom Isartalbahnweg oder den dörfliche Pfanzeltplatz in Perlach mit dem langsamen Hachinger Bach, über den Kinder hüpfen können.
Bei den Ausflügen geht es mir besonders um die unspektakulären Dinge in München, die nett sind und nichts kosten. Eine Unternehmung dorthin soll für die Kinder so unterhaltsam sein, dass die Eltern sich erholen und durchschnaufen können.

Ihre "111 Orte für Kinder" zeigen München als pralle Wundertüte voller Optionen und Überraschungen.
Schön für die Kinder ist, wenn die Eltern zu einem Ort etwas erzählen können oder eine Geschichte wissen. Wenn sie etwa an der längsten Rolltreppe Münchens am Stachus mit dem Wissen angeben können, dass sie 48 Meter lang ist.

Florian Kinast: "München ist vital"

Haben Sie als Familienvater eigentlich eine Theorie darüber, welche Paare mit Kindern in der Stadt wohnen bleiben?
Da gibt's zwei Philosophien. Manche Familien sind todfroh, wenn sie rausziehen. Ich liebe Berge und Seen, bin aber immer froh, wenn ich zurückkomme in die Stadt. Andere haben einen Garten, wir haben einen Innenhof. Meine Kinder haben im Viertel viele Freunde. Der Englische Garten, die Isar – für uns ist die Stadt das Paradies. München hat ein großartiges Angebot für Familien. Die Stadt regt extrem an. Und ich brauche die Betriebsamkeit. Ich wäre auf dem Land gestresster, wenn ich fünf Kilometer mit dem Auto fahren muss – und nicht mit dem Radl und zu Fuß einkaufen gehen kann.

Vom München-Bashing halten Sie wenig.
Das neureiche Münchner Schnöseltum nervt mich genauso wie der furchtbare Mietwahnsinn. Aber es gibt das beschauliche und kindgerechte München. Eigentlich haben wir hier eine unglaubliche Lebensqualität, Erwachsene wie Kinder. München ist vital. München ist für mich grad recht. Die ganze Familie hängt an der Stadt und möchte nicht weg.

Kinast: "Am Schmederersteg war ich früher sehr oft"

Über 500 Kilometer sind Sie durch die Stadt geradelt für Ihre Tipps. Welcher davon ist denn nun eigentlich Ihr Lieblingsplatz?
Es ist ein Lieblingsplatz, den ich aus meiner Kindheit kenne. Der wackelig wirkende Schmederersteg über der Eisenbahnlinie in Giesing kurz vor dem Ostfriedhof. Stundenlang kann man hier auf die Gleise runterschauen. Die Fernzüge Richtung Italien fahren hier durch. Am Schmederersteg war ich früher sehr oft, denn mein Vater war ein begeisterter Ostfriedhofgänger, dort ist unser Familiengrab. Mit den Kindern kann man da immer wunderbar wetten, aus welcher Richtung jetzt der nächste Zug kommt oder welche Farbe der Zug hat, ist das der blaue Meridian oder ein roter Regionalzug – am Schmederersteg kann man es eine Zeit lang aushalten.

Welche überraschenden Orte empfehlen Sie Münchnern mit Kindern noch?
Zu meinen Favoriten gehören die Klangsteine in der Altstadt, die X-Brücke im Englischen Garten, der erste Fußballplatz des FC Bayern, die Flugwerft Schleißheim und die Fischtreppe an der Praterinsel, die es den Isarfischen erleichtert, stromaufwärts zu schwimmen. München ist einfach ein wunderbarer großer Spielplatz, auf dem es viel zu entdecken gibt.

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