Auf eine Maß mit... Sepp Stückl D'Schwuhplattler: Katzenzüchter? Alle sind dabei!

Sepp Stückl von den „Schwuhplattlern“ im Souvenirgeschäft im Herzkasperlzelt. Foto: Bernd Wackerbauer

Vor rund zwanzig Jahren hat Sepp Stückl „D’Schwuhplattler“ gegründet: Tradition oder ein Tabubruch? Jedenfalls werden sie nicht nur auf der Wiesn gefeiert. So frei war’s aber nicht immer.

 

Die Maß fürs Interview im Herzkasperlzelt fehlt noch. Aber Wirt Beppi Bachmaier kümmert sich höchstpersönlich um Sepp Stückls Durst. Es wird die einzige Maß bleiben, weil die Bedienung schwächelt, und zu Essen kommt auch eine Stunde lang nix. Sei’s drum.

AZ: Herr Stückl, zwar ist die Wiesn ein Fest für Ludwig I. und seine Hochzeit gewesen, aber glauben Sie, dass Ludwig II. D’Schwuhplattler mit Freude nach Neuschwanstein eingeladen hätte?

SEPP STÜCKL: Nein, das hätte er sich, so menschenscheu wie der war, nicht getraut. Obwohl’s ihm gut getan hätte.

Wieso?

Naja, ein Balztanz nur mit Männern...

Wo würden Sie die Schwuhplattler zwischen Tradition und Tabubruch einordnen?

Nicht beim Tabubruch. Ich selbst hab schon geplattlt, da war mir noch gar nicht bewusst, dass ich schwul bin – und überhaupt: In fast allen Volkstanzgruppen gibt es Schwule, die mittanzen. Das Missverständnis mit uns war ja lange, dass die anderen Volkstanzgruppen uns nicht ernst genommen haben, weil sie gedacht haben: „Schwuhplattln“? Das ist eine Verarschung! Dabei haben wir die Tradition ja völlig ernst genommen, nur ging es auch darum, frei zu sagen, wer man ist.

Der sogenannte „Burschenplattler“, wo nur Männer tanzen, ist ja seit 150 Jahren nichts Neues.

Genau. Den gibt’s bei den anderen Vereinen auch genau so. Und so hab ich da auch immer argumentiert, weil wir ja in keinen Trachtenverband oder Gau reingekommen sind. Aber die Aufregung um uns hat sich mittlerweile gelegt.

Was war der ungewöhnlichste Auftritt der Schwuhplattler?

Am stärksten zu Herzen gegangen ist uns jedenfalls, als wir bei Taub-Blinden waren. Die saßen im Kreis, mit dem Rücken zu uns! Das war schon ungewöhnlich für uns, und jeder von denen hatte einen Luftballon in der Hand, der die Vibrationen besser einfangen kann. Das war wirklich berührend. Aber der ungewöhnlichste war vielleicht der beim Augsburger Katzenzüchterverein. Ich hab gefragt, warum sie uns eingeladen haben, und der Vorsitzende hat gesagt, unter ihren Katzenfreunden sind halt viele schwul.

Sepp Stückl juckt die Schuhsohle. Er entschuldigt sich kurz, schnappt sich das gegenübersitzende Suserl und geht zur Tanzfläche vor der Bühne..... Nach fünf Minuten ist er – nicht außer Atem – zurück.

Die Wiesn gilt ja als Ort des „Leben und Lebenlassen“. Habe Sie da dennoch ihren Ort erst erkämpfen müssen?

Schon auf der ersten Oidn Wiesn waren wir hier im Herzkasperlzelt dabei. Wir gehören da einfach dazu. Und auf der Wiesn generell gibt’s ja sowas wie den ersten Sonntag in der Bräurosl, wo ich grad herkomme. Auch da gibt’s ja keinen Ärger. Aber dass wir beim Schützen- und Trachtenumzug mitgehen, das ist noch nicht so weit. Wobei das ja lustig ist, weil in den anderen Gruppen, die vorbeiziehen, hab ich viele bekannte Gesichter gesehen, weil manche eben nicht nur bei uns, sondern auch noch in anderen Tanzgruppen Mitglied sind. Als wir unseren Verein 2001 gegründet haben, ist sogar der Vorplattler vom vereinigten Bayerischen Trachtenverband vorbeigekommen und hat gemeint, wir sollten einfach noch 10 Jahre ins Bayernland gehen lassen, dann würde es uns gar nicht mehr brauchen, weil in allen Vereinen jeder sagen könnte, dass er schwul ist und mittanzt. Ich hab zu ihm gesagt: Dein Wort in Gottes Ohr! Aber soweit ist es anscheinend dann doch noch nicht – nach zwanzig Jahren! Aber vielleicht braucht’s halt doch 25 Jahre.

Und würde man dann die Schwuhplattler auflösen?

Solange Interesse da ist, natürlich nicht. Und wenn man sich hier umschaut, dann ist das Interesse an Tracht und Volkstanz ja auf einem Höhepunkt. Als ich vor 30 Jahren mit meiner Tracht vom Staffelsee reingefahren bin auf die Wiesn, war ich ja ein Exot. Heute ist man es, wenn man mit Jeans kommt. Und mittlerweile tanzen bei uns ja auch viele mit, die gar nicht schwul sind, sondern einfach weil wir ein Tanzverein sind und sehr offen.

Sie sind auch beim CSD dabei.

Ja, aber wenn ich mir denke: Vor 50 Jahren der Christopher Street Day in New York – der Kampf kam ja nicht von den Angepassten, sondern von den Tunten und Transsexuellen, auf die die Polizisten eingeprügelt haben. Das waren die heldenhaften Vorkämpfer. Aber die große Mehrheit ist ja nicht auffällig. Das ist ja auch der Witz beim CSD, dass in den Medien immer die schrillen Paradiesvögel abgebildet werden und nicht die Tausenden, die ganz normal daherkommen. Das verzerrt das ganze Bild der Szene in der Öffentlichkeit. Und wie wir das erste Mal beim CSD mitgegangen sind, war das besonders auffällig, weil wir eben so bayerisch traditionell aussahen. Wir waren auch sofort in allen Zeitungen abgebildet, was für manche von uns, durchaus schwierig war. Wir waren auch nur ein Dutzend, weil sich die anderen nicht getraut haben. Aber heut’ sind eigentlich fast alle dabei.

Ist die Oide Wiesn ein besonderes Biotop?

Es ist schon lustig, dass Schaugeschäfte, die man von früher kannte, jetzt schon museal und auf der Oidn Wiesn gelandet sind. Aber das Entscheidende ist, dass das hier eben kein Nostalgietreffen ist, sondern ganz zeitgemäß, was man ja an den ganzen jungen Leuten sieht. Die Oide Wiesn war als einmaliges Ereignis zu „200 Jahre Oktoberfest“ geplant und hatte so einen Riesenerfolg, dass man sie jetzt immer macht – wenn nicht das Zentrale Landwirtschaftsfest ist, wie nächstes Jahr.

Wie würden Sie das Schuhplattln anpreisen?

Es ist Ausdruck von Lebensfreude, es ist sportlich und tänzerisch. Das können alle hier auf der Oidn Wiesn miterleben.

In diesem Moment setzt sich die Hofbräuhauswirtin Marlene Heuberger mit an den Tisch. Sepp Stückl nutzt die Gelegenheit, Grüß-Gott zu sagen. Man kommt auf den Kirchweihtanz am 19. Oktober im Hofbräuhaus zu sprechen, und Stückl erzählt....

Als ich vor Jahren für unseren Kirchweihtanz Musikgruppen gesucht habe, hat mir einer gesagt: Das kann ich meinen Musikern nicht zumuten. Ein anderer Musi-Chef hat gesagt, ich bin noch nicht geoutet, ich trau mich nicht. Ich hab dann die Schreinergeiger gefunden, die gleich dabei waren, und die uns seitdem auch begleiten. Und jetzt rufen die Gruppen selber an, weil sie dabei sein wollen!

Termine: D’Schwuhplattler auf der Oidn Wiesn: Fr, 27.9., ab 14 Uhr und Fr, 4. 10, ab 15.30 Uhr Kirchweihtanz: Festsaal Hofbräuhaus, Samstag, 19. Oktober, 19 Uhr (Einlass 17.30 Uhr) – Volkstanz mit den Schreinergeigern, der Drom & Drunt Muse, Tanzmeister Magnus Kaindl und D’Schwuhplattler, 10 Euro, Karten: Bar Edelheiß und www.okticket und Abendkasse

 

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