Auf eine Maß mit... Mark Padmore über Bach, Bier und den Brexit

Mark Padmore auf der Wiesn. Foto: Daniel von Loeper

Der britische Tenor Mark Padmore ist in dieser Saison Artist in Residence beim BR-Symphonieorchester. Ein Gespräch über Bier, Bayern und den Brexit

Er gehört zu den bedeutendsten Bach-Interpreten weltweit und hat sich vor allem als Evangelist in den Passionen einen Namen gemacht: Der 55-jährige Tenor Mark Padmore. Doch das tut seiner Lebensfreude keinen Abbruch. Padmore ist keiner, der abgehoben im Elfenbeinturm der Kunst vor sich hindümpelt, sondern lebensnah am Alltag seiner Mitmenschen teilnimmt – weshalb er auch gerne bereit war, uns bei einer Maß Bier auf der Wiesn Rede und Antwort zu stehen.

AZ: Herr Padmore, dieses Jahr wurden Sie zum „Vokalisten des Jahres“ gewählt. Ist künstlerischer Ruhm etwas, das sich einfach in Ihrem Leben ergeben hat?

MARK PADMORE: Meine Karriere ist sehr langsam in Gang gekommen. Ich glaube nicht wirklich an Horoskope. Aber im chinesischen Horoskop bin ich ein Büffel, und ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Leben Schritt für Schritt dahingetrottet bin. Aber ich liebe, was ich tue. Ich fühle mich unglaublich privilegiert, mit einem Orchester wie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zusammenzuarbeiten. Aber ich habe nie irgendwelche Preise im Auge. Ich habe einfach enorm viel Spaß an dem, was ich tue.

Wie pflegen Sie Ihre Stimme? Etwa, indem Sie jeden Tag eine Tasse Tee trinken?

Ich versuche, nicht zu preziös und geziert zu sein. Es ist gefährlich, wenn alles genau festgelegt ist: Wenn man etwa auf einen speziellen Tee und auf einen besonderen Luftbefeuchter schwört. Ich habe Kinder! Darum musste ich damit fertig werden, dass die Kinder krank wurden und ich nicht genug Schlaf bekam. Es ging trotzdem. Das hat mich gelehrt, dass Kommunikation das Wichtigste ist. Ich denke nicht viel an meine Stimme. Über was ich vor allem reden will, sind Ideen, Gedanken und der Text. Wenn ich das durch eine schöne Stimme hervorbringen kann, ist das großartig, aber vieles entsteht ganz wesentlich durch einen Gedankenprozess. Aber ja, ich starte jeden Tag mit einer Tasse Tee.

Ist Bier eine Alternative?

Eine Halbe nach einem Konzert oder einer Probe ist mir immer willkommen. Ich kann dann nicht gleich Wein trinken. Der ist mir zu trocken. Aber Bier ist in diesem Moment perfekt.

Wie kommen Sie mit dem Lärm auf der Wiesn zurecht?

Es ist wunderbar zu sehen, dass Menschen Spaß haben. Natürlich ist die Wiesn eine Touristenattraktion, aber jeder von uns braucht diese Momente der Entspannung, um die eigenen Probleme zu vergessen. Die Wiesn kann also eine großartige Erfahrung sein, auch um zum Beispiel eine Freundschaft zu pflegen.

Was denken Sie über die traditionelle bayerische Tracht, die Lederhose und das Dirndl?

Viele Briten und Amerikaner verbinden die bayerische Tracht mit dem Filmmusical „The Sound of Music“, der allerdings in Salzburg und Umgebung spielt. Dort erschien mir die Tracht recht putzig und hübsch. Aber wenn ich englische Burschen sehe, die hierher kommen und sich bayerisch einkleiden, schaut das oft etwas ulkig aus.

Teilen Sie die Leidenschaft der meisten Briten für Fußball?

Ich bin mit Fußball aufgewachsen, aber er hat momentan einen Zustand erreicht, in dem er durch Geld korrumpiert wird. Ich bin als Chelsea-Fan groß geworden, aber ich finde dieses Team nicht mehr sehr attraktiv. In Großbritannien dürfen wir uns glücklich schätzen, dass wir im Augenblick einen sehr guten Tennisspieler haben: Andy Murray. Wenn es einen Sport gibt, den ich aufregend finde, dann ist das Tennis – durch Andy Murray.

Sie sind in London geboren, in Canterbury aufgewachsen und haben in Cambridge studiert. Einem Briten wie Ihnen muss ich die Frage stellen: Wie stehen Sie zum Brexit?

Beinahe die gesamte Kunstszene in England ist wirklich traurig darüber. Die Leute müssen sich damit beschäftigen, warum es passiert ist. Die meisten waren blind dafür, dass es wirklich passieren könnte und haben es nicht richtig ernst genommen.

Und jetzt ist es passiert.

Es ist eine Folge der Globalisierung, durch die eine Reihe von Leuten den Anschluss verloren haben. Es ist ein Rückschlag für die Demokratie. Wenn Sie sich die kommende Präsidentenwahl in Amerika anschauen, dann ist es erschreckend, dass jemand wie Donald Trump solche Unterstützung bekommt. Und irgendwie war es beim Brexit ähnlich. Es war eine Art Anklage und Protest. Viele ärmere Menschen hatten das Gefühl, dass ihre Interessen nicht von der reichen Elite in London wahrgenommen wurden.

Und das ist eine Folge der Globalisierung?

Um die Immigrations- und Flüchtlingsfrage schien sich die große Debatte zu drehen. Aber politisch gesprochen, geht es auch darum, dass die traditionellen Jobs allmählich verschwinden – in der Landwirtschaft etwa oder in der Stahl- und Kohleindustrie. Und viele Menschen, die dort früher ihren Platz im Leben gefunden haben, besitzen heute keine Fähigkeiten und Qualifikationen, um in der modernen Welt bestehen zu können.

Sie versuchen also, die Zeit zurückzudrehen.

Ja, das tun sie. Und das passiert nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auf der ganzen Welt. Auf alle Fälle sollten wir ein Teil von Europa sein, um diese Probleme zu lösen.

Es gibt eine Vielzahl von Stereotypen über die Briten, etwa dass sie charakterlich unterkühlt sind oder dass ihr Essen ungenießbar ist. Wie gehen Sie mit solchen Klischees um?

Das war einer der großen Vorteile, ein Teil von Europa zu sein: nämlich sich gegenseitig etwas besser kennenzulernen. So haben wir Briten zum Beispiel entdeckt, dass die Deutschen einen Sinn für Humor haben.

Danke!

Überhaupt scheint kommunikativer Austausch elementar zu sein. Wir brauchen eine Welt, in der Menschen miteinander sprechen...

Um Vorurteile abzubauen!

Ja, um füreinander Verständnis aufzubringen und Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Und Musik ist eine großartige Möglichkeit, das zu tun. Musik ist eine Sprache, die Grenzen überschreitet – wenn man etwa in Japan auftritt und als Künstler realisiert, dass das Publikum dieselben Dinge wahrnimmt, die man selbst auszudrücken versucht.

Am Freitag singen Sie in einem Werk mit einer starken politischen Botschaft auf: Michael Tippetts Oratorium „A Child of our Time“, in dem es um das Problem antisemitischer und rassistischer Verfolgung geht.

Bei dem zwischen 1939 bis 1941 entstandenen Werk hat man das Gefühl, dass es für heute geschrieben wurde: Es geht um Flüchtlinge, Rassismus und die Möglichkeit zu protestieren. Es passt zur Situation heute. Wir als Künstler müssen uns unbedingt mit der politischen Welt befassen. Musik darf eben nicht nur eine kleine Elite von Kennern ansprechen und Wohlgefühl und Entspannung bereiten. Das trifft genauso auf die Passionen von Bach zu: Es sind sehr wichtige Botschaften in diesen Stücken enthalten. Ich möchte die Menschen durch Konzerte zum Denken anregen. Es geht nicht nur um das Hören schöner Klänge, sondern auch um das Auslösen von Denkprozessen.

Sie haben auch schon im Gasteig gesungen. Braucht München einen neuen Konzertsaal?

Unbedingt. München ist eine wunderbare Musikstadt. Aber es ist im Grunde so wie in London, wo es auch keinen wirklich guten Konzertsaal gibt. Wir sind also in London genau in derselben Situation. Wir haben dort einen Saal, der in den 50er Jahren erbaut wurde, die Royal Festival Hall, und es wurden 100 Millionen Pfund zu seiner Renovierung ausgegeben, ohne dass er klanglich viel besser wurde. Aber wir brauchen akustisch hochwertige Orte, um gute Musik aufführen und hören zu können.

Heute, 20 Uhr im Herkulessaal „Our Hunting Fathers“ von Benjamin Britten und Michael Tippetts „A Child of Our Time“ mit dem Symphonieorchester des BR unter Ryan Wigglesworth.
Am Sonntag, den 23. Oktober singt Padmore im Prinzregententheater um 20 Uhr Werke von Bach, Telemann, Britten und Zelenka (Karten unter Telefon 5900 10880)

 

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