Auch wegen Brexit Behörde komplett überlastet: Führerschein-Chaos in München

Hüseyin Ince ist Redakteur im Lokalressort der Abendzeitung.
, aktualisiert am 29.10.2019 - 06:32 Uhr
Die Führerscheinstelle an der Garmischer Straße: Hier fehlt Personal. Foto: Daniel von Loeper

Wer in München eine neue Fahrerlaubnis braucht, muss starke Nerven haben. Das musste auch ein Professor feststellen, nachdem er seinen Geldbeutel verlor. 

 

München - Für Professor Richard Schneider (55, Name geändert) begann vor einem Vierteljahr eine behördliche Schnitzeljagd, auf die er gerne verzichtet hätte. Eigentlich wollte er nur schnell Blumen für seine Ehefrau besorgen. "Ich kam nach Hause mit einem Blumenstrauß in der Hand. Aber mein Portemonnaie fehlte", erinnert sich Schneider.

Der Geldbeutel war weg. Und mit ihm zusammen, die üblichen Vermissten: Krankenkassenkarte, Führerschein, Bankkarte. Bald ließ der Professor alle Karten sperren und bestellte neue. Nun war der neue Führerschein an der Reihe – und das wurde deutlich komplizierter als erwartet.

Führerscheinstelle bis Januar ausgebucht

Denn an sich hat ja die Stadt für solche Angelegenheiten eine Online-Terminvergabe. Doch kein einziger Termin war frei. Bis heute ist das so, wenn man nach Führerscheinverlust eine neue Erlaubnis beantragen will. "Der Termin-Kalender verläuft nur bis Ende Januar", sagt Schneider, "aber ich reise geschäftlich viel ins Ausland, wo ich Autos miete. Und ich muss auch in München regelmäßig Fahrzeuge ausleihen, da mein eigenes Auto nach einem Unfall einen Totalschaden hat."

Schneider rief aus Verzweiflung bei der Führerscheinstelle an, um irgendeinen Termin zu bekommen. Aber die Mitarbeiterin am Telefon sagte, die Terminvergabe sei ausschließlich online möglich. Einer Großstadt wie München ist die Situation unwürdig, dachte sich der Wissenschaftler. Am Ende wurden Ärger und Verzweiflung des 55-Jährigen so groß, dass er einen Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) richtete. "Ich halte die Situation für unzumutbar", schrieb Schneider an Reiter, "im Landkreis scheint es das Problem mit der Terminvergabe nicht zu geben. Ich möchte sie daher auffordern, hier dringend Abhilfe zu erwirken."

KVR: Sondertermine für Notfälle möglich

Die Abhilfe kam prompt, hätte aber schon ohne den Brief an Reiter kommen können. Die Mitarbeiterin der Führerscheinstelle, mit der Schneider zuvor telefoniert hatte, enthielt ihm eine Information vor – oder wusste es einfach nicht besser.

Denn: "Offenbar gibt es für derartige Notfälle wie meinen auch Sondertermine", sagt Schneider. Mittlerweile bekam er solch einen Sondertermin. Nach seinem Brief meldete sich ein Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats (KVR) bei ihm und half weiter. Die gute Nachricht: Schneider hat jetzt wieder einen Führerschein.

Ausgebuchte Termine: Personalmangel und Brexit

Trotzdem bleibt die Frage, was eigentlich bei der Führerscheinstelle los ist. Zu wenige Mitarbeiter? Überraschend großer Andrang?

Die AZ fragt beim KVR nach. Die Antwort: Es ist eine Mischung aus beidem. So wie Schneider geht es momentan also vielen Münchnern. "Die aktuelle Situation in der Führerscheinstelle entspricht derzeit leider nicht unseren Ansprüchen", schreibt uns KVR-Sprecher Johannes Mayer. Hauptproblem sei das fehlende Personal. Neue Fachkräfte seien zwar eingestellt, aber nicht voll einsetzbar, da sie nebenbei eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten absolvierten. Es gebe zudem Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden.

Aber auch die Rahmenbedingungen seien derzeit nicht einfach: Der nach EU-Vorgaben zwingend vorgeschriebene Umtausch alter Führerscheine bis spätestens 19.1.2033 führe dazu, dass viele Münchner ihre Fahrerlaubnis schon jetzt umtauschen. Zudem seien Auswirkungen des anstehenden Brexits spürbar: "Die Brexit-Problematik hat dazu geführt, dass eine große Zahl an britischen Staatsbürgern ihren britischen Führerschein in einen EU-Führerschein umschreiben lässt", so Mayer.

Die städtische Führerscheinstelle ächzt und krächzt unter der Volllast. In Zahlen sieht das Ganze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum so aus: 30 Prozent mehr Führerschein-Umtausche, 65 Prozent mehr Umschreibungen zu EU-Fahrerlaubnissen, 89 Prozent mehr Einträge der Berufskraftfahrerqualifikation, die etwa alle fünf Jahre einen Höhepunkt erreicht. Insgesamt stellte die Behörde von Januar bis September 57.051 neue Führerscheine aus, tauschte sie um oder verlängerte sie – bei derzeit 27,5 Planstellen.


Wer nachweislich dringend neue Dokumente benötigt, kann sich per Mail einen Sondertermin geben lassen, unter: fuehrerscheine.kvr@muenchen.de

Lesen Sie hier: EU-Staaten einigen sich auf Brexit-Aufschub bis Ende Januar

Lesen Sie hier: Auch bei No-Deal-Brexit keine Roaming-Gebühren für Reisende

 

21 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading