Auch in München Öko-Trend gegen das Insektensterben: Bienen als Untermieter

Markus Tietz ist Imker bei Bee Rent, einer Firma, die Bienen an Firmen vermietet. Foto: Daniel von Loeper

Öko-Trend gegen das Insektensterben: Firmen mieten einen Bienenstock. Das gibt den Mitarbeitern ein gutes Gefühl – und eigenen Honig.

 

München - Sie drängeln sich ganz eng zu einem herzförmigen Knäuel zusammen – so überleben Bienen den Winter. "Mit dem Zittern ihrer Brustmuskeln erzeugen sie Wärme", erklärt Imker Markus Tietz die kluge Strategie der fleißigen, kleinen Tiere. "In der Bienentraube hat es so 20 Grad, auch wenn es draußen minus zehn Grad sind."

Jetzt im Frühjahr ist der 52-jährige Pasinger glücklich: Jedes seiner 32 Bienenvölker ist dieses Jahr am Leben geblieben – nur wenige Bienen liegen tot am Boden im Stock.

Der passionierte Imker, der seine Haare zum Zopf bindet und mit Haferlschuhen über das Gras stapft, verzichtet bei der Arbeit oft auf Schutzkleidung. Er geht behutsam und "wesensgerecht", so sagt er, mit seinen Bienen um. Anders als konventionelle Imker lässt er – als gutes Futter – den Völkern meist die Hälfte ihres Honigs.

Extrem vorsichtig agiert er, um das Insektenvolk bei seinen Kontrollen wenig zu stressen: Zuerst hebt er einen schweren Stein vom Bienenstock. Mit einem Spatel hebelt er langsam den Deckel auf, bläst mit dem "Smoker"-Kännchen etwas Rauch hinein, und zieht ruhig einen der beweglichen Rahmen heraus.

Bienen sind wertvolle Arbeiter

"Alles in Ordnung", konstatiert er zufrieden, während er den Holzrahmen in seiner Hand wiegt. Das klebrige Material daran glänzt in der Vormittagssonne: Waben, gefüllt mit Honig – darüber die silbrig reflektierenden Flügel Hunderter Arbeiterbienen. Sie summen und schwänzeln durcheinander, doch kaum eine fliegt auf. Sie lassen sich erstaunlich gelassen begutachten.

Das Zuhause dieser aktuell 10.000 Bienen ist ein gelber Bienenstock mit Aufschrift "Bee-Rent". Er steht auf dem Grundstück der Firma Graf Dichtungen in Freiham – im Gewerbegebiet, neben einem Areal mit Wildgehölzen und einer Wiese, auf der bald der Löwenzahn gelb blüht.

Die Inhaberin der Firma im Münchner Westen ist Naturschutz-interessiert. "Seit 2016 hat die Firma den Bienenstock gemietet. Von unserem Kasten kriegen wir 20 Kilo Honig, den wir in kleinen Gläsern als Werbegeschenk verteilen", erklärt Mitarbeiterin Ingrid Lindner. Die Firmen mieten die Bienen für eine Saison, Bee-Rent stellt die Kästen auf und schickt regelmäßig einen Imker vorbei, der sich kümmert.

Ein Bienenvolk gibt es ab 150 Euro

Freiberuflern wie Rechtsanwälten, Firmenchefs und Privatpersonen, die sich so ein Bienenvolk ab 150 Euro im Monat mieten, geht es vor allem darum, die Honigbiene zu retten. Nebenbei kann die Firma mit ihrem Öko-Engagement nett Werbung und PR machen: mit Bienenzucht-Fotos auf Facebook über eine Notiz auf der Webseite – oder sie platziert ihren Bienenstock prominent auf das Grün neben dem Haupteingang der Firma. "Das Bewusstsein für das Bienensterben ist gestiegen", sagt Imker Tietz. Denn die Fakten sind alarmierend: Seit 1990 ist in Deutschland die Zahl der Bienenvölker um 30 Prozent geschrumpft. In der Schweiz starb 2012 plötzlich die Hälfte aller Bienen.

Große "grüne Wüsten", ausgeräumte Landschaften ohne unkrautbewachsene Feldränder und wilde Brachen nehmen Insekten den Lebensraum. Ackergifte wie Schädlingsvernichtungsmittel und der großflächig eingesetzte Unkrautvernichter Glyphosat sind eine weitere Ursache für den krassen Insekten-Rückgang.

Seit 1989 gibt es 80 Prozent weniger Insekten

Wie groß das Massensterben ist, zeigt diese Zahl: Um fast 80 Prozent ist die Zahl der Insekten seit 1989 zurückgegangen. "Es ist erschreckend", sagt Tietz, "jeder merkt das. Früher war die Windschutzscheibe des Autos im Sommer voller Insekten, heute nicht mehr."

Das größte Problem: Ohne die Blütenbestäubung durch Insekten, gibt es 80 Prozent weniger Ernte. Und: Bienen sind bei dieser Arbeit für die Welternährung besonders effektiv. Ein Horrorszenario für uns, das aber in China bereits Wirklichkeit ist: Auf riesigen Birnen-Plantagen, die hart mit Insektiziden behandelt sind, erledigen Menschen mit Pinseln die Bestäubungsarbeit der Bienen: Arbeiter betupfen per Hand Blüte für Blüte – sonst wächst hier kein Obst.

Wie faszinierend dieses Insekt sein kann, weiß, wer einmal aus der Nähe Bienen mit ihren gelben "Pollenhöschen" betrachtet hat. Arbeiterbienen kneten im Stock Wachse, putzen die Waben, füttern die Larven und bringen von ihren bis zu zehn Kilometer weiten Flügen Pollen und Nektar heim.

Jeder Münchner mit Garten kann etwas tun

Viele Menschen beruhigt ihr Brummen und Summen. "Ein Kunde hat sein Volk direkt vorm Fenster. Er sagt: "Da ist was los. Ich brauche keinen Fernseher mehr", erzählt Markus Tietz. Der Naturfreund, der fast alle Vögel kennt und als Landschaftgärtner naturnahe Gärten baut, erklärt, wie jeder Münchner mit Garten etwas für Bienen tun kann: "Kahler Rasen und Thuja-Hecken bringen kein Futter. Bienen mögen heimische Blumen, Salbei, Thymian, Rosen oder Bäume wie die Eberesche".

Der Imker fände es schön, wenn sich Kindergärten oder Schulen für Bienenstöcke interessieren würden: "Helft den Münchner Bienen. Vor ihnen muss man keine Angst haben", sagt Tietz. Bienenkunde gehöre auf den Lehrplan, wegen ihrer akuten Gefährdung, ihrer wichtigen Bestäubungsfunktion und weil Biologie spannend ist: "Es ist schade, dass Schüler heute keinen Ahorn von einer Linde unterscheiden können, dafür aber wissen, wie alle Automodelle heißen."

Große Mengen Honig werden importiert

Ob Fenchelhonig oder Lavendelhonig – Münchner lieben den goldenen süßen Brotaufstrich. Deutschland importiert inzwischen große Mengen aus Südamerika oder Ungarn. Dabei könnten mitten in München auf Dächern viele Bienenkästen stehen. Aktuelle Beispiele sind Honig aus Sendling, Giesinger Honig und der vom Dach des Polizeipräsidiums an der Ettstraße 2.

Was skurril ist – und ziemlich erschreckend: "Stadthonig, von Balkonblüten, von Beeten in Schrebergärten oder Blumen im Englischen Garten sei inzwischen besser und gesünder als Landhonig", meint der erfahrene Imker von Bee-Rent: "Weil die Pflanzen in der Stadt nicht gespritzt sind".

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