Attentäter lebte in Obermenzing So beschreibt eine Nachbarin den Killer von Hanau

In diesem Haus hat Tobias R. (kleines Foto) bis vor einem Jahr gewohnt. Foto: Google Maps

Tobias R. hat fünf Jahre lang in Obermenzing gewohnt. Vorher studierte er in Bayreuth BWL – zur selben Zeit wie Alice Weidel.

 

München - Warum merkte niemand, wie wirr es im Kopf von Tobias R. (43), dem Attentäter von Hanau, zuging?

Am Donnerstag, als die Nachrichten und Bilder des Anschlags über alle Kanäle liefen, bekam Hannah H. (Name geändert), die in München-Obermenzing lebt, richtig Gänsehaut. Zuerst spekulierte sie noch, doch dann gab es für sie keinen Zweifel mehr: Der Todesschütze war fünf Jahre lang ihr direkter Nachbar gewesen – bis Anfang 2019.

Tobias R. lebte in München-Obermenzing

Einen ersten tieferen Einblick in die bizarre Gedankenwelt von Tobias R. gab Generalbundesanwalt Peter Frank bereits wenige Stunden nach der Tat. Schon als Baby von unbekannten geheimen Mächten überwacht, gelenkt und instrumentalisiert: Dieses absurde Szenario beschäftigte Tobias R. offenbar seit geraumer Zeit.

Hannah H. bemerkte von solchen Ausfällen nichts. Die Mitglieder eines großen Münchner Schützenvereins, bei dem R. aktiv gewesen sein soll, offenbar auch nicht. Eins stellt die Nachbarin aber doch fest: "Eine seltsame Persönlichkeit war er schon." Sie schildert ihren Nachbarn als menschenscheu, zurückgezogen, etwas mürrisch und weitgehend kommunikationslos gegenüber den Hausbewohnern. "Das einzige Mal, dass er Emotionen zeigte und ich ihn lachen sah, war im Keller, als er meine neue kleine Katze sah", beschreibt sie ihn.

Die krude Gedankenwelt von Tobias R.

Emotionen der speziellen Art hinterließ R. mit seinen irren Botschaften im Internet. Kurz vor seiner Terror-Tat gab er noch ellenlange Erklärungen ab: hochgradig rassistische Parolen und Verschwörungstheorien, in denen es sich um unterirdische Militäreinrichtungen dreht oder um Gedanken lesende, in die Vergangenheit reisende Geheimdienste. Außerdem forderte er die Auslöschung bestimmter "Rassen".

Mit dieser wirren Gedankenwelt wurde die Bundesanwaltschaft schon vor knapp einem halben Jahr mit einer Strafanzeige von ihm konfrontiert. Lokalen Berichten in Oberfranken zufolge erstattete Tobias R. bereits vor rund 15 Jahren zweimal "Geheimdienst"-Anzeigen bei der Bayreuther Polizei. Offenbar wurden auch diese beiden Verfahren schnell eingestellt. Die Polizei äußerte sich nicht weiter dazu.

Tobias R. studierte in Bayreuth - wie Alice Weidel (AfD)

Damals, von 2000 bis 2007, studierte R. an der Universität Bayreuth Betriebswirtschaftslehre. Nach Angaben von Uni-Sprecherin Anja-Maria Meister hatte er sich auf "Internationales Management" spezialisiert und das Diplom erfolgreich abgelegt. Ob er, bezogen auf das Studium, in irgendeiner Weise auffällig geworden ist, wollte die Pressesprecherin weder bestätigen noch dementieren.

Unklar ist, ob Tobias R. damals Kontakt mit Alice Weidel hatte. Die jetzige Politikerin des AfD-Führungszirkels studierte zu Beginn der Nullerjahre ebenfalls in Bayreuth und ebenfalls Betriebswirtschaft. 2011 promovierte sie mit summa cum laude.

Waffenbesitzkarten beantragt

Fest steht dagegen, dass die Kreisverwaltungsbehörde des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen von der wirren Gedankenwelt des Amokläufers nichts wusste. Behördensprecher John Mewes bestätigte auf AZ-Anfrage, dass erst im vergangenen Jahr eine formelle Überprüfung von Tobias R. erfolgt sei, diese aber zu keinen Beanstandungen geführt habe.

Den weiteren Angaben der Behörde zufolge hatte der spätere Todesschütze im Juli 2013 eine Waffenbesitzkarte beantragt und genehmigt bekommen. In der Karte seien zwei Waffen eingetragen worden, eine SIG Sauer 226 (Kaliber 9 mm Luger) und eine Walther PPQM2. Beide soll er in Hanau verwendet haben.

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