ARD-Krimi am Sonntag "Murot und das Murmeltier": Wiesbaden-"Tatort" in der TV-Kritik

Warum nicht, wenn's eh egal ist? Felix Murot (Ulrich Turkur) säbelt im Bademantel mit einer Kettensäge eine fremde Wohnungstür auf. Foto: HR/Bettina Müller

Der Name sagt's schon: der "Tatort: Murot und das Murmeltier" aus Wiesbaden zitiert den berühmten Zeitschleifen-Film mit Bill Murray - und ist dabei alles andere als ein billiger Abklatsch. Einer der besten "Tatorte" aller Zeiten.

Wenn der Wecker morgens klingelt geht die Routine los. Aufstehen, Zähne putzen, zur Arbeit fahren, den verdammten Job erledigen und dann wieder von vorn. Das Leben ist ein Hamsterrad. Und ähnlich ist es ja auch mit dem "Tatort": Sonntagabend, 20.15 Uhr. Kaltgetränk, Sofa, jemand wird ermordet, Täterjagd, Fall gelöst. Man sieht sich nächsten Sonntag… oder?

Hamsterartig startet auch der Wiesbadener Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) in seinen siebten (und achten, und neunten, und zehnten, und ja, wie viele sind es eigentlich?) Fall. Ein scheinbar trivialer Banküberfall mit Geiselnahme ("Wer macht sowas heute noch?"), da kann ein gestandener TV-Kommissar nur müde (und auch ein bisschen arrogant) lächeln. Tausendfach erlebt, tausendfach gemacht, der Nächste bitte.

Wiesbaden-Tatort: Täglich grüßt die Geiselnahme

Als ein Papierflieger von äußerst einfacher Bauart ungeahnt akkurat vor den Füßen eines Polizisten landet, wird Zuschauer erstmals stutzig, der Kommissar nicht. Mit der Überheblichkeit der Routine marschiert er in die Bank, überzeugt die Komplizin in Rekordzeit zur Aufgabe – BATSCH, hat er eine Kugel im Kopf und wacht durch das klingelnde Handy im eigenen Bett wieder auf. Bewaffnete Geiselnahme in einer Bank? Moment mal, da war doch was...

Kommissar und Geiselnehmer sind in einer Zeitschleife gefangen, machen wie bei der berühmten Kino-Vorlage "Und täglich grüßt das Murmeltier" den Bill Murray und sind dem Hollywood-Schwergewicht dabei ebenbürtig - vielleicht sogar mehr, weil vielseitiger. Arroganz, Aggression, Einfühlsamkeit, schierer Wahn. Murot versucht alles, um dem Kreislauf zu entkommen und ein glänzender Ulrich Tukur darf in dem Dutzend Anläufe alle Register ziehen - mal mit kugelsicher Weste und Pistole, mal mit Bademantel und Kettensäge.

Tatort-Todesopfer? Gute Frage

Diese irre Konstellation ermöglicht es Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann ("Zimmer/Küche/Bad") so manch wahnwitzigen Filmtod zu inszenieren – denn sobald einer den Löffel abgibt, geht’s für Murot im Schlafanzug von vorne los. À propos Filmtod: Dieser Streifen wird Tatort-Bodycount-Dokumentare vor Rätsel stellen. Denn bei all dem Massaker darf gestritten werden, ob nicht unterm Strich eigentlich doch alle überlebt haben.

Irgendwann, im x-ten Anlauf, den ebenfalls stark gespielten Stefan Gieseking (Christian Ehrich) zu stoppen, sagt eine Sanitäterin: "Tatort, Polizeiruf, Soko, Der Alte, der Junge – immer dasselbe". Denkste! Dieser Krimi spielt mit dem Klischee des Immergleichen, ist Gegenpol zu hyperrealistischen "Tatort"-Verbrecherjagden und legt uns zugleich Fragen nach Verantwortung und dem Sinn des eigenen Handelns nahe, ohne dabei oberlehrerhaft zu wirken. Ein bisschen Zeit zum drüber Nachdenken haben wir ja jetzt. Bis nächsten Sonntag.

Zum Lachen, zum Heulen, zum Staunen. Ein Brett von einem "Tatort" - bitte mehr davon.

 

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