Antisemitismus in Bayern Juden-Hass: Schüler soll nicht mehr allein aufs WC

Rias-Koordinator Benjamin Steinitz (v.l.), Anna Deborah Zisler, IKG-Bayern-Vizepräsidentin, Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle. Foto: sx

Antisemitismus macht sich auch in Bayern immer mehr breit. Eine Studie hat die Lage jetzt genauer erfasst – und gibt Anlass zur Sorge.

München - Zuletzt war es der Anschlag auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hat: Juden sind nach wie vor antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Auch in Bayern kommt es immer wieder zu Vorfällen unterschiedlichster Art. Doch nicht immer werden diese öffentlich, ja, oft nicht einmal zur Anzeige gebracht.

Das ergibt eine Studie, die am Freitag von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) in München vorgestellt werden ist. Sie basiert unter anderem auf Befragungen von Juden.

Das Ergebnis: "Sämtliche unserer Interviewpartner waren unmittelbar von Antisemitismus betroffen", sagt Benjamin Steinitz, bundesweiter Koordinator der Rias.

Die Befragten hätten zunächst nur von minimalen Vorfällen gesprochen. "Im Lauf der gut einstündigen Gespräche berichteten sie aber dann doch von zahlreichen Situationen, die ihnen selbst oder ihrem Umfeld passiert sind", sagt Steinitz – und nennt Auszüge eines solchen "typischen Interviews".

Der Antisemitismus ist in der Grundschule angekommen

So berichtete eine Befragte, die Schule ihres Kindes habe sie zum Direktor bestellt, der riet, ihr Kind solle künftig nicht mehr allein auf die Schultoillette gehen, weil die Schule neuerdings von einem Neonazi besucht werde.

Des Weiteren erzählten die Interviewpartner von "Juden sind Schweine"-Rufen, von einer Grundschulklasse, in der sich der Satz "Du dicker Jude" bereits zum Schimpfwort etabliert hat und einem Buben, der in seiner Klasse immer wieder als "Israel-Spezialist" aufgerufen wird – "obwohl er weder spezielles Interesse an dem Staat hat noch je in Israel war oder irgendwelche Beziehungen dorthin hat", sagt Steinitz.

Erwachsene hingegen müssten sich Sprüche anhören wie Juden zahlten keine Steuern in Deutschland oder die Frage, warum ein Israeli in Deutschland denn überhaupt ein Wahlrecht habe – und das, obwohl der Betroffene Deutscher sei und keinerlei Bezug zu Israel habe, sagt Steinitz.

Laut der Studie sehen sich Juden im ländlichen Raum Bayerns vor allem durch Rechtsextreme bedroht. In Metropolregionen wie München oder Nürnberg hingegen werden islamistische Milieus als Ursprung von Judenhass genannt.

Viele der Befragten nannten auch den israelbezogenen Antisemitismus – ein neuartiges und damit besonders relevantes Phänomen. So nahmen sie die Demonstrationen vor dem Hintergrund der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas 2014 als einschneidendes Erlebnis wahr. Die Größe der darauffolgenden Demos, die Vehemenz, mit der die Protestierenden ihre Vorurteile anbrachten, aber vor allem auch der Umgang der Gesellschaft mit diesen Vorkommnissen habe Juden in Deutschland erschreckt. Mit teils gravierenden Folgen. "Viele berichten, zu vermeiden, in der Öffentlichkeit als Jude erkannt zu werden", sagt Steinitz.

Neue Meldestelle für antisemitische Vorfälle

Auch die Erfahrungen mit der Polizei werden in der Hälfte der Interviews als negativ geschildert. Viele verzichten darauf, Vorfälle anzuzeigen, weil sie nicht an einen Ermittlungserfolg glauben. Ein weiteres Problem sei die ungenaue begriffliche Orientierungshilfe für die Polizei, so Steinitz. Demnach erkennen Polizisten antijüdische Vorfälle teils nicht als solche und ordnen sie anderen Bereichen zu. Die Folge: Sie werden in der Statistik nicht korrekt wiedergegeben. Nach aktuellen Zahlen sind seit 2014 in Bayern mehr als 700 antisemitische Straftaten polizeilich erfasst worden. Die Dunkelziffer dürfte entsprechend höher sein.

"Die Studie belegt, dass die Fratze des Antisemitismus lebendig ist. Sie muss ganzheitlich bekämpft werden", sagt Bayerns neuer Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle. Sein erstes Projekt ist nun die Einrichtung einer Meldestelle für antisemitische Vorfälle. Für die Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Bayerns, Anna Deborah Zisler, ist der wachsenden Antisemitismus Ausdruck eines allgemein menschenfeindlicheren Klimas: "Der Antisemitismus bedroht nicht nur die Juden. Er bedroht vor allem Europa und die Freiheiten, die über Jahre erstritten wurden."

 

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