Antikensammlung, Haus der Kunst, Nationalmuseum Endlos-Baustellen: Münchens Museen schwächeln

Der Schein trügt: Hinter den Bäumen hat das Museum Fünf Kontinente auf der Westseite nicht nur eine Fassadensanierung nötig. Foto: MFK

Die maladen Häuser, die wir Ihnen vorgestellt haben, sind nicht die einzigen. Mindestens fünf weitere Bauten harren einer Sanierung. Wobei das Stadtmuseum frühestens in zehn Jahren fertig wird.

 

München - Sparsamkeit ist eine Tugend, vor allem wenn es nicht ums eigene Geld geht. Wird damit allerdings der Staatshaushalt über Jahre geschönt, kann es am Ende umso teurer werden. Endlos geschobene Sanierungen bringen gerade die Museen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Dabei giert alles nach tollen Ausstellungen und zeitgemäßen Präsentationen. Nach den ersten vier Häusern, die wir vor einer Woche vorgestellt haben – von der Neuen Pinakothek bis zur Archäologischen Staatssammlung – folgt nun der zweite Teil der Münchner "Krankenliste".

Münchner Stadtmuseum

Fast schien es nicht mehr wahr zu werden, aber dass das Stadtmuseum bald eine der größten Innenstadt-Baustellen sein wird, ist nach dem Stadtratsbeschluss vom 26. Juni 2019 sicher: Laut detailliertem Zeitplan, den die neue Direktorin Frauke von der Haar vorlegt, rücken Anfang 2023 die Maschinen an. Insgesamt 203,5 Millionen Euro wurden für die Generalsanierung bewilligt, 20 Millionen davon für die Neukonzeption der Dauerausstellung.

Wenn’s gut läuft, dann könnte, so von der Haar, sechs Jahre später, also 2029, der von Auer Weber Architekten sanierte und umgebaute Museumskomplex wiedereröffnet werden. Sein Herzstück wird das überdachte, öffentlich zugängliche Atrium sein, dessen Haupteingang anders als bisher am Rindermarkt liegt. 4,5 Jahre sind für die reine Bauzeit angesetzt, ein halbes Jahr ist für Installation und Inbetriebnahme von Klima-, Sicherheitstechnik und Brandschutz vorgesehen. Erst danach kehren Mitarbeiter und Sammlungen zurück, die museale Neueinrichtung soll bis Ende 2028 dauern.

Doch von der Haar bleibt bewusst im Konjunktiv. Der Umbau ist eine hochkomplexe Bauaufgabe (Bauen im Bestand mit hohen Denkmalschutzauflagen), Verzögerungen sind da nicht unwahrscheinlich.

Vorher gibt es – bei so lange wie möglich laufendem Ausstellungsbetrieb – dennoch viel zu tun. Bis zum 4. Quartal 2022 soll das Stadtmuseum geräumt sein, das Interims-Hauptquartier steht inzwischen fest: Das Stadtmuseum zieht nach Schwabing, für die Umbauphase wird ab 1. Juli 2020 für Verwaltung, Werkstätten und Teile der Sammlungen das alte Arri-Gelände an der Türkenstraße angemietet.

Nur eines gibt es dort nicht: Ausstellungsräume. Aber Frauke von der Haar setzt viel auf das geplante partizipative Konzept "Stadtmuseum unterwegs", im Rahmen dessen "zielgruppenorientierte" Projekte für alle Interessensgruppen der Stadt entwickelt werden. Damit will sich die Institution nicht nur aufmachen in Stadtteilkulturzentren und andere städtische Museen wie Villa Stuck und Lenbachhaus, sondern sie setzt auch auf "internationale Kooperationen einzelner Sammlungskomplexe wie etwa des renommierten Fotomuseums", so die Direktorin. Konkreter werden diese Ideen derzeit allerdings noch nicht. Eine Best-of-Schau der wichtigsten Exponate des Hauses – von den Moriskentänzern bis zur Jugendstil-Kollektion – ist an anderem Ort jedenfalls nicht vorgesehen.

Museum Fünf Kontinente

Wer vor der Regierung von Oberbayern steht und den Blick hinüber auf die andere Seite der Maximilianstraße richtet, sieht den Unterschied: Die Fassade des linken, östlichen Flügels des Museums Fünf Kontinente schaut wieder gut aus, davon profitiert im unteren Bereich auch die Galerie des Berufsverbands Bildender Künstler. Im Westen, hin zum Thomas-Wimmer-Ring, ist dagegen noch einiges zu tun. Allerdings müsse man erst mit dem Staatlichen Bauamt in die Feinplanung treten, erklärt Direktorin Uta Werlich.

Im Zuge der Fassadenrenovierung sollen auch die Fenster ausgetauscht werden. Da sie in den Ausstellungen bislang teils von der Architektur verdeckt werden, sind dezente Rückbauten nötig. "Diese äußere Sanierung wollen wir zum Anlass nehmen, auch im Inneren Maßnahmen zu ergreifen", sagt Uta Werlich. Konkret bedeutet das unter anderem die Neueinrichtung der Bereiche Afrika, Ozeanien und der Orient-Abteilung sowie im Erdgeschoss eine Verbesserung der Foyersituation.

Im Vergleich zu einigen anderen Häusern sind das Marginalien, aber eben auch dringend nötige Eingriffe, die dem ehemaligen Völkerkundemuseum guttun werden.

Antikensammlungen

Katastrophenmeldungen sind aus den Antikensammlungen nicht bekannt. Doch das Haus ist meilenweit von einem modernen Museum entfernt. Dabei gehört allein die Vasenkollektion mit der berühmten Dionysos-Schale zu den bedeutendsten weltweit, genauso ziehen der Goldschmuck oder die griechische und römische Plastik neben den Münchnern auch jede Menge Touristen an. Und seit die Glyptothek vis-à-vis geschlossen ist, gleich noch mehr.

Zugang zum Museum hat man allerdings nicht ohne Barrieren. Da sind die durchaus attraktiven Freitreppen des einem korinthischen Tempel nachempfundenen Baus, die man erst einmal hochkommen muss, und auch im Inneren des Museums gibt es keinen Aufzug zwischen immerhin drei Ebenen.

"Das von Georg Friedrich Ziebland zwischen 1838 und 1848 errichtete Gebäude bot ursprünglich ideale Voraussetzungen für Kunst- und Industrieausstellungen", schwärmt Direktor Florian Knauß. Es gab stärker parzellierte, zum Teil niedrigere Säle mit Tonnengewölbe, in denen gerade die kleinen Objekte gut zur Geltung kamen.

Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Museum wurde 1967 quasi entkernt wiedereröffnet. Seither blickt man gleich nach dem Betreten auf eine mächtige Wand, das ist nicht sonderlich einladend. Die klimatischen Bedingungen sind völlig unzureichend, deshalb können einige Objekte nur im Souterrain präsentiert werden.

Es fehlen Räume für die heute so wichtige Vermittlung und ein Shop; auch die schönen Innenhöfe können nicht genutzt werden. Vor allem aber muss man für die Einrichtung von Sonderausstellungen große Teile des Museums schließen und viele Meisterwerke im Depot wegsperren, wie es vor kurzem bei der griechischen Glanztonkeramik der Fall war.

Florian Knauß will in den nächsten Wochen dem Ministerium eine Liste mit den größten Mängeln vorlegen, dann kann der Bedarf geprüft und ein Sanierungsplan erstellt werden. Der 56-Jährige ist jedenfalls optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass ich das noch in meiner Amtszeit erlebe".

Haus der Kunst

Wer im Haus der Kunst die Toilette aufsucht oder sich auf den Weg zur Videokunst in den Bunker macht, schwankt zwischen Staunen und Entsetzen über dessen Zustand. Auch der Blick in die Lichtdecken im Westflügel gibt einen Eindruck davon, was hier alles erneuert werden muss – abgesehen von Brandschutz, Klima- und Sicherheitstechnik. Und dass im 1937 eröffneten einstigen "Haus der deutschen Kunst" viele Bodenplatten aus Kalkstein und Marmor kaputt sind, wirkt fast schon pittoresk.

Dem Bröckeln des ersten Monumentalbaues des NS-Regimes kann man nun noch eine Weile länger zuschauen: Die Generalsanierung wird weiter verschoben, das hat der bayerische Landtag letzte Woche beschlossen. Zunächst war die Rede davon, dass Anfang 2020 ein belastbarer Zeit- und Kostenplan stehen solle, doch der wird jetzt erst 2021 fertig. 2017 war zuletzt die Rede von 80 Millionen Euro Baukosten, das bezeichnete allerdings schon der damalige Kunstminister Ludwig Spaenle als nicht ausreichend.

Angesichts der Tatsache, dass der Freistaat als Bauherr noch einen Haufen andere teure Kultur-Baustellen zu bezahlen hat, bedeutet diese Verschiebung eine temporäre Etat-Erleichterung. Nur günstiger wird es dadurch sicher nicht.

Und die Verzögerung macht das weitere Arbeiten im Haus nicht einfacher. Andererseits hat Andrea Lissoni, designierter neuer künstlerischer Leiter, ohnehin genug mit Profilbildung und Programmplanung für das von personellen und finanziellen Krisen geschüttelte Haus zu tun, wenn er am 1. April sein Amt antritt.

Der britische Star-Architekt David Chipperfield, (der sich 2016 nicht, wie sonst bei öffentlichen Bauvorhaben in dieser Größenordnung üblich, in einem Wettbewerb durchsetzen musste) will das Haus u. a. innen heller machen und zum Englischen Garten hin weiter öffnen. Am heftigsten umstritten ist sein Vorschlag, die Bäume auf der Straßenseite fällen, um die Fassade freizulegen.

Chipperfield, den man in Berlin als sensiblen Klassizismus-Erneuerer (Neues Museum, Pergamon-Museum) bewundern kann, hatte 2017 allen Ernstes behauptet, das Haus der Kunst sei wie ein "großes britisches Landhaus konzipiert": Man nähere sich von der Straßenseite und durchschreite es, "um mit dem belohnt zu werden, was dahinter liegt: dem Garten." Mehr Missverständnis bei der Analyse dieses Solitärs, der am Rande des Englischen Gartens auftrumpft, geht eigentlich nicht.

Lissi, der designierte neue Chef, hat sich bei seiner Vorstellung im Herbst letzten Jahres salopp geäußert: "Es ist kein guter Moment, um Bäume zu fällen." Laut Kunstministeriumssprecherin Kathrin Gallitz wolle man "die Einschätzung und die Expertise der neuen Leitung selbstverständlich einbeziehen", jener sei "über den Stand und die Planungen hinsichtlich der Sanierung schon vor seinem Amtsantritt" informiert worden. Die Bauverzögerung bietet nun hoffentlich die Gelegenheit, den Entwurf noch einmal zu überdenken.

Bayerisches Nationalmuseum

Das Haus schaut gut aus, die braungraue Soße, mit der das bayerische Nationalmuseum noch vor 20 Jahren überzogen war, ist längst entfernt. Auch der gestaltete Vorplatz mit seinen Rasenparzellen macht einiges her. Betritt man das 1900 eröffnete Gebäude, nimmt die Noblesse mehr und mehr ab – je nachdem, in welchem Teil des Hauses man sich befindet.

Erst 2015 wurde der aufwendig renovierte Westflügel mit seinen barocken Spezialsammlungen wiedereröffnet. Die Pracht ist unbeschreiblich und reicht vom endlich wieder präsentierten Elfenbein über Porzellan und Silber bis hin zur galanten Kleidung. Nicht nur die Skulpturen sind bis ins letzte Detail ausgeleuchtet, auch auf solches hat die ehemalige Generaldirektorin Renate Eikelmann größten Wert gelegt und ihrem Nachfolger Frank Matthias Kammel zum Englischen Garten hin einen Hochglanztresor hinterlassen.

Umso mehr fällt der marode Osttrakt auf. Auch der Mittelbau mit dem ausladenden Treppenhaus könnte sehr viel mehr als eine Politur vertragen. Das von Gabriel von Seidl geplante Gebäude ist denkmalgeschützt, entsprechen kompliziert wird die Umsetzung barrierefreier Zugänge, die Renovierung der Heizung, die Klimatisierung und einiges mehr.

Die größten Probleme bereiten allerdings die Auswirkungen eines längst behobenen Wasserschadens. Durch die Feuchtigkeit hat sich hinter den Wandverschalungen Schimmel gebildet. Das betrifft vor allem die geschlossenen Säle 5 und 6, wo früher die Kostüme ausgestellt waren. Hier reicht keinesfalls etwas Tünche, um in den Räumen wieder ausstellen zu können.

Lesen Sie auch: Teil 1 - Münchens marode Museen werden zu Dauerbaustellen


 
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